Theater: Die heilige Johanna und ihre geifernden Richter

Das TAG widmet sich dem Jeanne-d'Arc-Mythos mit einer intensiven Collage, auch mit Originalaussagen.

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Symbolbild. – (c) imago/Reporters (imago stock&people)

Heilige Jungfrau, Nationalheldin, Symbolfigur für die politische Linke wie Rechte, mutige Kämpferin, tugendhaftes Bauernmädchen und Inspiration für Schriftsteller von Shakespeare bis Brecht: Jeanne d'Arc hat nicht nur die Geschichte des Mittelalters geprägt, sie fasziniert bis heute, ihre Geschichte gibt noch immer Rätsel auf. Keine Antworten, aber Bilder zu den wilden Spekulationen und den Überlieferungen zu dieser Frau, die – von göttlichen Stimmen geleitet – im Hundertjährigen Krieg kämpfte, liefert nun das Theater an der Gumpendorfer Straße.

Statt einer Klassikerüberschreibung steht mit „Johanna. Eine Passion“ eine Collage auf dem Spielplan, die diverse Deutungen über sie zusammenführt und Johanna mit ihren eigenen Aussagen selbst sprechen lässt: Jedes Wort, das die Darstellerin Lisa Schrammel mit ruhigem Trotz auf die Bühne wirft, fiel laut Protokollen auch 1431, als sie in Rouen nach einem langwierigen Prozess zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde.

 

Standhaft bis zum Exorzismus

Im Zentrum der Inszenierung von Christian Himmelbauer steht auch jenes Verhör, bei dem die erst 19-jährige, ungebildete Johanna gegenüber einer Vielzahl von listigen Inquisitoren bestehen musste. Hier sind es drei, zunehmend aggressiv gespielt von Jens Claßen, Raphael Nicholas und Georg Schubert, die Johanna in knappen, dichten Dialogen in die Enge zu treiben versuchen und mit ihren sterilen Pulten immer näher rücken: „Meinst du, es wäre gottgewollt, dass du als Weib so handelst wie ein Mann?“

Exkurse erzählen fragmentarisch die Vorgeschichte, bringen die Stimmen in Johannas Kopf auf die Videowand oder lassen Ärzte mit Erklärungen für Johannas Verhalten um sich werfen: Pseudohermaphroditismus! Transvestitismus! Epilepsie! All das wird intensiv, rasant in Szene gesetzt – und während die sich in ihrer Männlichkeit beraubt fühlenden Männer brüllen und geifern, bleibt diese Johanna bis zum Höhepunkt, in dem ein Exorzismus-Ritual nahtlos in Folter übergeht, standhaft und setzt erhobenen Kinns, in Anzughose und Hemd, ihren Richtern ruhige Antworten entgegen. Eine erstaunliche Frau. Wirklich nähergekommen ist man ihr hier aber nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2017)

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