Nachruf

Urgewalt: Hans-Michael Rehberg ist gestorben

Er war einer der bedeutendsten Schauspieler der älteren Generation, verfügte über Kraft, Dämonie, Witz, Intellektualität. Er spielte auch in Salzburg und am Burgtheater.

Welchen Schuh ziehe ich mir heute an? Hans-Michael Rehberg (1938−2017) dominierte fast jede Aufführung.  2000 spielte er im  Theater in der Josefstadt den Artisten Karl in Thomas Bernhards Künstlerdrama „Der Schein trügt“.
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Welchen Schuh ziehe ich mir heute an? Hans-Michael Rehberg (1938−2017) dominierte fast jede Aufführung.  2000 spielte er im  Theater in der Josefstadt den Artisten Karl in Thomas Bernhards Künstlerdrama „Der Schein trügt“.
Welchen Schuh ziehe ich mir heute an? Hans-Michael Rehberg (1938−2017) dominierte fast jede Aufführung. 2000 spielte er im Theater in der Josefstadt den Artisten Karl in Thomas Bernhards Künstlerdrama „Der Schein trügt“. – (c) MARTIN GNEDT / AP / picturedesk. (MARTIN GNEDT)

Seine mächtige Stimme, sein kahler Schädel, sein kalter, zynischer Stil, Hans-Michael Rehberg war ein Gänsehaut-Künstler, eine spielerische Urgewalt. In seiner Bedeutung kam er nah an Gert Voss heran. Rehberg agierte natürlich viel wuchtiger, operierte selten mit der feinen ironischen Klinge. Und doch hatte er Eleganz. Wer ihn einmal sah, vergaß ihn nie wieder, egal, ob er Haupt- oder Nebenrollen spielte.

Da war zum Beispiel 1994 Isaak Babels „Sonnenuntergang“ im Akademietheater. Rehberg spielte den Fuhrunternehmer Mendel Krk, der mit seiner Geliebten auswandern möchte und darum von seinen Söhnen zum Krüppel geprügelt wird. Rehberg stampfte in seinen groben Schuhen über die Bühne, ein grauenhafter Tyrann, aber mindestens ebenso ein romantischer Träumer, wenn er von Bessarabien sprach, sah man den blühenden Lustgarten förmlich vor sich: Rehberg, ein Jedermann aus Odessa.

2009 brachte der frisch gebackene Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann aus seiner Zürcher Intendanz Thomas Bernhards eher schwaches Stück „Immanuel Kant“ mit, in einer jener blendenden und mutmaßlich kostspieligen Besetzungen, die bald die Aufmerksamkeit der Buchprüfer erregten. Rehberg spielte den Kardinal in dieser burlesken Demontage des Philosophen, mit ausladendem Hut und Soutane füllte er kurz die Burg-Bühne aus. Alle Macht, aller Missbrauch der Kirche wurden in dieser Erscheinung voller Raffinement und Galle sichtbar.

Rehberg und Bernhard, das war eine gelungene Fusion. Im Theater in der Josefstadt war er mit Helmuth Lohner 2000 in „Der Schein trügt“ zu erleben: Das Stück handelt von einem Brüderpaar, der eine Artist, der andere Schauspieler, die beiden reden über ihre unterschiedlichen Künste in einem dieser typischen zwanghaften Seniorenrituale, sie piesacken und zerfleischen einander.

 

Vom „Rehlein“ zum „Berg“

Oft war Rehberg bei den Salzburger Festspielen zu Gast, wo er, wie passend, Gott in „Jedermann“ spielte, aber auch in der Inszenierung von Peter Stein den Antonius in Shakespeares „Antonius und Cleopatra“, mit Edith Clever bildete er ein erschütternd klagendes Liebespaar. Rehberg hatte einen guten Griff bei Regisseuren, unter Peter Zadek begeisterte er in München als Ibsens „Baumeister Solness“. 2016 fiel der listige Kraftmensch als Prospero in Salzburg aus, Peter Simonischek übernahm, ein wagemutiges Kontrastprogramm. Rehberg war eines von sechs Kindern des Autors und Dramatikers Hans Rehberg, der oft über bedeutende Persönlichkeiten wie Johannes Kepler, Rembrandt oder Kleist schrieb. Als junger Mann wurde der später durch seine Dämonie berühmt gewordene Schauspieler „Rehlein“ genannt. Er absolvierte die Folkwang-Kunsthochschule in Essen. Nicht nur am Theater, auch in Film und Fernsehen war er gefragt.

1971 erschien Rehberg in der beliebten Krimi-TV-Serie „Der Kommissar“, 1980 war er in Fassbinders Literaturverfilmung „Berlin Alexanderplatz“ zu sehen. Ferner spielte er in Margarethe von Trottas Rosa-Luxemburg-Film, in „Schindlers Liste“, zuletzt in „Schuld“ nach Ferdinand von Schirach und in „Gleißendes Glück“, der Verfilmung eines Romans von A. L. Kennedy (mit Martina Gedeck). Wie am Theater achtete Rehberg auch bei Film und TV auf edle Partnerschaften. Im Gespräch wirkte er weniger unheimlich als klug, analytisch und humorvoll.

Die Rolle des Antonius habe er „nicht ganz gepackt“, meinte er 1995 im „Presse“-Interview, Bernhards „Heldenplatz“ sei eine typisch wienerische Familiengeschichte. Und im „Faust“ bevorzuge er den Doktor und nicht den Mephisto. Denn der Teufel sei bloß ein „oberflächlicher Entertainer“. Am 28. 10. trat Rehberg zum letzten Mal auf – im Münchner Residenztheater als Teiresias in „König Ödipus“. Er wurde 79 Jahre alt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2017)

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