Theater für schlaue Frechdachse

Kritik„Die Zukunft reicht uns nicht“ von Thomas Köck im Schauspielhaus Wien rechnet gewitzt mit Politik ab.

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(c) Matthias Heschl/Schauspielhaus

Wer will ein Stück sehen, dessen Titel man zweimal lesen muss? „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ heißt die jüngste Uraufführung von Thomas Köck im Schauspielhaus, eine Herausforderung. In ein Griechendrama mit Sprecher und Chor packt einer der smartesten neueren Autoren das große Thema Erben: Kinder Reicher erben große Vermögen, Kinder der Armen nichts – und beide eine zerstörte Welt.

Dazu gibt es eine fette Abrechnung mit Politik, Kapitalismus und ein kleines Philosophicum über die Zeit. Ausgeführt wird die Performance als Saalschlacht Pubertierender mit einer Protagonistin. Anfangs frönt man wieder der Lieblingsbeschäftigung des Schauspielhauses: der Apokalypse. Aber lineares Spiel ist nicht Köcks Ziel, vielmehr führt er einen Cluster mit wirklich vielen Ingredienzien vor.

 

Drohne, bionischer Vogel, Fantasy

Elsa-Sophie Jach und der Autor haben diese, trotz der vielen Theorie, sinnliche und amüsante Produktion inszeniert. Der 14-köpfige Chor ist atemberaubend einstudiert: Hoch sollen diese Jugendlichen leben! Einer ist als Harry Potter kostümiert, was aber weiter nicht viel zu sagen hat. Denn vorrangig geht es hier um Sprache. Die Illustration ist sparsam, weiße Säcke auf dem Boden, weißes Ambiente, auf dem Höhepunkt ihrer Wut zerstampfen die Kinder etwas Blutiges auf dem Balkon. Aber die eloquente Chronistin in blauer Tunika (Sophia Löffler, auch sie beherrscht ihren ausufernden Text virtuos) hat überlebt und hält den Fratzen eine Standpauke.

Wie funktioniert heute Wissensvermittlung? Chaotisch, aber gar nicht so übel, wenn man diese Aufführung anschaut, die sophisticated Bildung ausstreut – und viele Angehörige der Youngsters locken wird. So schafft Theater nach dem teilweisen Verlust des Bildungsbürgertums neuen Gemeinschaftssinn. Die „postheorische Schuldenkantate“, das Stück hat auch noch einen Untertitel, tönt oft krass links und – wohl durchaus damit zusammenhängend – stark nach Elfriede Jelinek. Trotz seiner epigonalen Elemente gefällt das Drama.

Allein wegen der Drohne, des bionischen Vogels und der schönen Anfangserzählung wie aus einem Fantasyfilm sollte man etwaige ideologische Ressentiments überwinden. Denn auch in jener fernen Zukunft, die wir vielleicht nicht mehr erleben werden, beginnt alles mit einem uralten Buch und mit einer dunklen Stadt, die vom Licht einer neuen Jugend durchflutet wird. Wie tröstlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2017)

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