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Volksoper: Unfreiwillige Parodie einer Operette

08.02.2010 | 18:39 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Zu erleben ist in der Volksoper eine unfreiwillige Parodie auf das parodistische Arrangement. Die „Blume von Hawaii“ hat man mit dieser Premiere also gleich zweimal verfehlt.

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"Die Blume von Hawaii“, eine Operette der Bronze- oder Blech-Ära der Gattung, als bunte Revue in Leipzig und Berlin präsentiert, war einst Paul Abrahams Erfolgsstück. Über 5000 Aufführungen hat das Stück erlebt, bis es seinerzeit endlich nach Wien – in die Heimat des Librettisten-Teams Grünwald, Löhner-Beda, Földes – kam. Die Volksoper spielt das Stück jetzt, 80 Jahre später, zum ersten Mal. Just in einer Zeit, da die ästhetischen Grundsätze lauten, derartigen Kitsch könne man überhaupt nicht mehr auf die Bühne bringen. Oder nur gebrochen durch zeitgeistige Umdichtungen.

So geschehen durch Peter Lund, der versucht hat, die leichtfertige Mixtur aus Fernweh nach dem vermeintlichen Paradies und Palmen und sinnfreiem Tingeltangel in eine Rahmenhandlung zu pressen. All die im Original recht unzusammenhängenden Versatzstücke des Unterhaltungstheaters um die Zerrissenheit der „Königin von Hawaii“ (Siphiwe McKenzie Edelmann) zwischen Liebesneigung und Vaterlandstreue (Prinz Lilo: Christian Baumgärtel) sollen dramaturgisch motiviert werden: Indem man zwei Kinobesucher wie in Woody Allens „Purple Rose of Cairo“ in die Handlung holt.

 

Ordinäres Wienerisch

In der Volksoper dürfen die beiden (Eva Maria Marold und Thomas Sigwald) dank der Neufassung der Neufassung durch Helene Sommer und Christoph Wagner-Trenkwitz Wienerisch sprechen – und zwar in einem Jargon, der selbst den Sackbauers zuweilen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

Immerhin gelang es der „Frau Kratochwil“, mutiert zur Filmschauspielerin Bessie Worthington, im Laufe der Premiere, einige Pointen so zu servieren, dass mehr als die hörbar in hinteren Sitzreihen postierten Angehörigen der Darsteller kurz auflachten.

Der Rest der Theatergranaten waren Rohrkrepierer, explodierten, bevor die Funken über den Orchestergraben springen hätten können. Zu schwach ist das schauspielerische Geschick der handelnden Personen. Nach der Pause – „aha, die Sponsor-Bank hat viel Sekt ausgeschenkt“, diagnostizierte ein Herr in meiner Nähe – erhielt Volksoperndebütant Gaines Hall für einen mäßig bewegten Stepptanz plötzlich vergleichsweise rasenden Applaus. Am musikalischen Desaster dieses Abends änderte das freilich nichts. Vom ersten Ton an drischt das Volksopernorchester unter Joseph R.Olefirowicz drein, als ginge es ums Einpassen von Heavy Metal Sounds ins Kaiserjubiläums-Stadttheaterformat. Dabei waren sich schon die Zeitgenossen des Komponisten darüber einig, dass die große Kunst Paul Abrahams darin bestand, die klanglichen Errungenschaften der damaligen Moderne ins Unterhaltungsgenre einzubringen. Seine Musik lebt weniger von melodischen Genieblitzen. Alles klingt ein bisschen „wie“: wie Benatzky oder wie Lehár, nur noch viel raffinierter orchestriert und in ein erstaunlich kühnes harmonisches Gewand gekleidet. Die Instrumentaleffekte von Abrahams Orchester wären vergleichbar mit jenen, die ein Erich Wolfgang Korngold in jener Zeit anwandte.

Allein, man müsste sie in differenziertester Weise herausmodellieren, für das Publikum hörbar machen, statt sie mit Brachialgewalt im Dauerfortissimo zu ertränken. Dass sämtliche Darsteller mikrofonverstärkt singen, hat freilich mehr mit der stimmlichen Auszehrung zu tun, die im Ensemble für diese „Blume von Hawaii“ zu herrschen scheint.

 

Falsetttöne via Lautsprecher

Einige tenorale Falsetttöne via Lautsprecheranlage markieren den Tiefpunkt im musikalischen Geschehen dieses Hauses. Martina Dorak als getreuliche Operettenkomödiantin ausgenommen, scheint keiner der Sänger den vokalen Anforderungen wirklich gewachsen, zumindest nicht in jenem Ausmaß, das uns manche Kitschszene genüsslich zurückgelehnt konsumieren ließe. Just solch hedonistische Triebe wollten die Autoren einst befriedigen. Just um solche Momente herstellen zu können, hat Regisseur Helmut Baumann die neue Rahmenhandlung nutzen wollen. Seine Arbeit ließe sich – wie auch Kim Duddys abwechslungsreiche Choreografie – von geeigneten Sängerschauspielern durchaus nutzbar machen.

Doch zu erleben ist stattdessen in der Volksoper eine unfreiwillige Parodie auf das parodistische Arrangement. Die „Blume von Hawaii“ hat man mit dieser Premiere also gleich zweimal verfehlt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2010)

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5 Kommentare
Gast: Michael Müller
09.02.2010 13:13
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UNVERSTÄNDLICH!!!

Manchmal wenn man die Kritiken liest nachdem man in einer Vorstellung - in derselben? - gesessen hat, denkt man sich schon was der Kritiker wohl so erlebt hat in dieser Zeit. Es kann bei dieser Produktion wohl nicht dasselbe gewesen sein wie die anderen ZAHLENDEN Gäste der Volksoper die sich amüsiert haben und einen sehr kurzweiligen lustigen perfekt gemachten Unterhaltungsabend geniessen durften.
Warum beschäftigt die Presse nur mehr Kritiker die dem Herrn Direktor aus der Staatsoper Zucker in den allerwertesten blasen und die anderen Theater runtermachen? Warum hört ein Kritiker nicht mehr auf ein Publikum das 15 Minuten stehende Ovationen mit viel Bravo gibt? So schlecht KANN es doch dann gar nicht sein - oder?
Wer sich selbst ein Bild machen will sollte UNBEDINGT reingehen in die Volksoper! Es lohnt sich wirklich!!!
Und dem Kritiker würde ich raten das nächste Mal seine persönlichen Probleme und Animositäten an der Kasse wo er seine GRATISKARTEN abholt abzugeben und einfach versuchen einen Abend zu geniessen!
Oder noch besser - die PRESSE schickt einen kompetenten Mann oder eine kompetente Frau die mit dieser Art der Unterhaltung auch was anfangen kann.

Mich interessiert nur: Ist's Regietheater?

Ja? Geh ich nicht hin.
So einfach ist das. Für die Musik gibts den CD-Player.

Antworten Gast: Frau Müller
09.02.2010 15:00
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Re: UNVERSTÄNDLICH!!!

Was ist denn da so unverständlich? Das ist geistlose Unterhaltung - und leider nicht so pfiffig, frech, schnell oder mitreißend, dass man das vergessen würde. Dazu ein furchtbares Orchester und Darsteller, die nicht - oder nur mit Verstärkung - singen können. Null Atmosphäre. Und fünfzehn Minuten Standing Ovations? Bleiben Sie bei der Wahrheit, das war wirklich enden wollendes Geklatsche ... Insofern: Wenn die Volksoper so einen Unsinn spielen will, dann sollte sie wenigstens handwerklich besser arbeiten.

Gast: Ocenasek P.
09.02.2010 11:19
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Mikrofonverstärkt

Meiner Meinung eine insgesamt treffende Beurteilung, wobei mir der Hinweis auf die "mikrofonverstärkten" Sänger am besten gefällt. Ein echter Horror sich das heute überall ansehen zu müssen. Diese Gesichtsverschandelungen haben ausserhalb von Callcenter etc. nichts verloren. Und da ist es auch keine Entschuldigung, dass die Akteure keine passenden Stimmen haben. Vielleicht gibt es noch Leute, die ohne Gesichtsverunstaltung die Töne wie bisher rüberbringen.

Antworten Gast: soundmaster
12.02.2010 09:46
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Re: Mikrofonverstärkt

ich verstehe die ablehnung gegen verstärkte aufführungen. ich lehne diese nicht ab. aber eines muss man in diesem falle ganz klar sagen: eine gute tontechnik abteilung muss in der lage sein, einen sound zu produzieren, bei dem man nicht das gefühl hat, dass die verstärkten darsteller deshalb verstärkt werden, weil sie es sonst nicht schaffen. das bedarf jedoch fingerspitzengefühl. und keineswegs der lautstärke. dass die volksoper in der letzten zeit nicht dringend durch qualität punktet sondern durch bunt grelles "volkstheater", das den vergleich mit dem "gloria-theater" oder dem villacher fasching nicht zu scheuen braucht, ist hiermit definitiv bewiesen. der unterschied an diesen institutionen liegt jedoch darin, dass die volksoper ein hochsubventioniertes haus ist, das einen weg beschritten hat, den ich als rückschritt empfinde. es ist oft billig, anbiedernd, wie hier produziert wird. das liegt im falle der blume von hawai nicht an der inszenierung- helmut baumann ist ein guter regisseur, die grundidee funktioniert. das war bereits bei orpheus in der unterwelt der fall - die aufführungen scheitern an einem musikalischen niveau, das einfach schlecht ist. damit meine ich keineswegs das faktum, dass es sich in den besetzungen zu großen teilen um junge sänger und unbekannte dirigenten handelt. das problem liegt in der auswahl derselben. die volksoper hat scheinbar keine mitarbeiter mehr, die ein gefühl für wirkliche qualität und stückwahl haben.und dadurch wird es so mies.