"Die Blume von Hawaii“, eine Operette der Bronze- oder Blech-Ära der Gattung, als bunte Revue in Leipzig und Berlin präsentiert, war einst Paul Abrahams Erfolgsstück. Über 5000 Aufführungen hat das Stück erlebt, bis es seinerzeit endlich nach Wien – in die Heimat des Librettisten-Teams Grünwald, Löhner-Beda, Földes – kam. Die Volksoper spielt das Stück jetzt, 80 Jahre später, zum ersten Mal. Just in einer Zeit, da die ästhetischen Grundsätze lauten, derartigen Kitsch könne man überhaupt nicht mehr auf die Bühne bringen. Oder nur gebrochen durch zeitgeistige Umdichtungen.
So geschehen durch Peter Lund, der versucht hat, die leichtfertige Mixtur aus Fernweh nach dem vermeintlichen Paradies und Palmen und sinnfreiem Tingeltangel in eine Rahmenhandlung zu pressen. All die im Original recht unzusammenhängenden Versatzstücke des Unterhaltungstheaters um die Zerrissenheit der „Königin von Hawaii“ (Siphiwe McKenzie Edelmann) zwischen Liebesneigung und Vaterlandstreue (Prinz Lilo: Christian Baumgärtel) sollen dramaturgisch motiviert werden: Indem man zwei Kinobesucher wie in Woody Allens „Purple Rose of Cairo“ in die Handlung holt.
Ordinäres Wienerisch
In der Volksoper dürfen die beiden (Eva Maria Marold und Thomas Sigwald) dank der Neufassung der Neufassung durch Helene Sommer und Christoph Wagner-Trenkwitz Wienerisch sprechen – und zwar in einem Jargon, der selbst den Sackbauers zuweilen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.
Immerhin gelang es der „Frau Kratochwil“, mutiert zur Filmschauspielerin Bessie Worthington, im Laufe der Premiere, einige Pointen so zu servieren, dass mehr als die hörbar in hinteren Sitzreihen postierten Angehörigen der Darsteller kurz auflachten.
Der Rest der Theatergranaten waren Rohrkrepierer, explodierten, bevor die Funken über den Orchestergraben springen hätten können. Zu schwach ist das schauspielerische Geschick der handelnden Personen. Nach der Pause – „aha, die Sponsor-Bank hat viel Sekt ausgeschenkt“, diagnostizierte ein Herr in meiner Nähe – erhielt Volksoperndebütant Gaines Hall für einen mäßig bewegten Stepptanz plötzlich vergleichsweise rasenden Applaus. Am musikalischen Desaster dieses Abends änderte das freilich nichts. Vom ersten Ton an drischt das Volksopernorchester unter Joseph R.Olefirowicz drein, als ginge es ums Einpassen von Heavy Metal Sounds ins Kaiserjubiläums-Stadttheaterformat. Dabei waren sich schon die Zeitgenossen des Komponisten darüber einig, dass die große Kunst Paul Abrahams darin bestand, die klanglichen Errungenschaften der damaligen Moderne ins Unterhaltungsgenre einzubringen. Seine Musik lebt weniger von melodischen Genieblitzen. Alles klingt ein bisschen „wie“: wie Benatzky oder wie Lehár, nur noch viel raffinierter orchestriert und in ein erstaunlich kühnes harmonisches Gewand gekleidet. Die Instrumentaleffekte von Abrahams Orchester wären vergleichbar mit jenen, die ein Erich Wolfgang Korngold in jener Zeit anwandte.
Allein, man müsste sie in differenziertester Weise herausmodellieren, für das Publikum hörbar machen, statt sie mit Brachialgewalt im Dauerfortissimo zu ertränken. Dass sämtliche Darsteller mikrofonverstärkt singen, hat freilich mehr mit der stimmlichen Auszehrung zu tun, die im Ensemble für diese „Blume von Hawaii“ zu herrschen scheint.
Falsetttöne via Lautsprecher
Einige tenorale Falsetttöne via Lautsprecheranlage markieren den Tiefpunkt im musikalischen Geschehen dieses Hauses. Martina Dorak als getreuliche Operettenkomödiantin ausgenommen, scheint keiner der Sänger den vokalen Anforderungen wirklich gewachsen, zumindest nicht in jenem Ausmaß, das uns manche Kitschszene genüsslich zurückgelehnt konsumieren ließe. Just solch hedonistische Triebe wollten die Autoren einst befriedigen. Just um solche Momente herstellen zu können, hat Regisseur Helmut Baumann die neue Rahmenhandlung nutzen wollen. Seine Arbeit ließe sich – wie auch Kim Duddys abwechslungsreiche Choreografie – von geeigneten Sängerschauspielern durchaus nutzbar machen.
Doch zu erleben ist stattdessen in der Volksoper eine unfreiwillige Parodie auf das parodistische Arrangement. Die „Blume von Hawaii“ hat man mit dieser Premiere also gleich zweimal verfehlt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2010)

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