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Vorwärts zum geordneten Rückzug!

18.04.2006 | 00:00 |  von Dennis Meadows (Die Presse)

In den letzten 35 Jahren konnte man die Grenzen des Wachstums noch ignorieren - heute nicht mehr. Sie werden in den nächsten Jahrzehnten erreicht sein. Von unseren Vorbereitungen hängt ab, welches Wohlstandsniveau wir während des Übergangs beibehalten können.

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In unserem 1972 publizierten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome wurden die Ergebnisse unserer computermodellbasierten Forschung zusammengefasst, die vier wichtige Schlussfolgerungen nahe legten:

Erstens: Auf einem endlichen Planeten gibt es Grenzen für physisches Wachstum. Zweitens: Bevölkerung und Industrie wachsen, politisch bedingt, gegenwärtig exponentiell. Das bedeutet, dass Bevölkerung und Wirtschaft schnell an ihre Grenzen stoßen. Unsere Szenarios sagten voraus, dass diese Grenzen zwischen dem Jahr 2010 und 2039 die Gesellschaft beeinflussen werden. Drittens: Wenn physisches Wachstum an seine Grenzen stößt, wird die gegenwärtige Politik sowohl Bevölkerungswachstum als auch Wirtschaft über diese Grenzen hinausschießen lassen, statt zu einem geordneten Rückzug zu führen, wodurch es zum Zusammenbruch kommt. Und viertens: Es ist noch möglich, die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs zu verringern und eine nachhaltige Entwicklung zu initiieren.

Umwälzungen schon bis 2025 

Die Wirtschaftswissenschafter und Politiker reagierten natürlich wütend. Ihre Karrieren gründen auf der Voraussetzung, dass ewiges Wachstum möglich ist und alle Probleme lösen wird. Doch die Realität hat die Kritiker zum Rückzug von ihren Behauptungen gezwungen. In den Siebzigerjahren wurde behauptet, es gäbe keine Grenzen. In den Achtzigerjahren ließ man Grenzen zu, sagte jedoch, dass sie weit weg seien. In den Neunzigerjahren zeigten Ozonlöcher und leer gefischte Meere, dass die Grenzen nahe waren. „Aber macht euch keine Sorgen“, sagten die Kritiker, „die gegenwärtigen Technologien machen Fortschritte und der Markt wird das Wachstum automatisch eindämmen und allen Nachhaltigkeit bringen.“

Heute führen Klimawandel und Ölknappheit vor Augen, dass diese Mechanismen nicht Nachhaltigkeit erzeugen. Bald werden die Kritiker zugeben, dass man über das Ziel hinausgeschossen ist – und gleichzeitig werden sie betonen, dass es keine Möglichkeit gibt, konstruktiv einzugreifen. Sie werden wieder Unrecht haben. Aber sie müssen nicht diejenigen sein, auf die man hört.

Es ist schwierig, über die nächsten 50 Jahre zu sprechen, wenn schon die nächsten 25 fundamentale Änderungen bringen werden. Wir treten in ein Zeitalter ungeheurer globaler Umwälzungen ein. Die Veränderungen in Politik, Kultur, Psychologie, Regierungsformen und Umwelt im 20. Jahrhundert sind weit weniger umfassend als jene, die sich in diesen Bereichen bis zum Jahr 2025 ereignen werden.

Sogar wenn die Weltgesellschaft morgen schon die Emissionen von CO2, Methan, Wasserdampf und anderen hitzetreibenden Gasen auf eine präindustrielle Ebene reduzierte, würde sich das Klima zumindest ein weiteres Jahrhundert lang ändern. Dies ist kein Grund zum Verzweifeln. Es bedeutet nur, dass wir jetzt beginnen müssen und im Bemühen, die durchschnittliche Temperatur auf dem Globus zu stabilisieren,  hartnäckig sein müssen. Wir können nicht mehr verhindern, dass unsere Wirtschaft Schaden erleidet, aber wir können wahrscheinlich noch immer eine Katastrophe verhindern.

2050 wird der Unterschied zwischen erwarteter und tatsächlicher Energieproduktion etwa 20 Terawatt ausmachen. Das ist mehr als der gesamte heutige Energieverbrauch. Wir brauchen natürlich zuallererst dringend Programme zur Entwicklung alternativer Energieressourcen. Aber selbst wenn sie erfolgreich sind, muss der Energieverbrauch drastisch reduziert werden.

Die Nationalstaaten müssen jetzt mit der Technologieentwicklung beginnen, mit finanziellen Anreizen und administrativen Normen, um die Bevölkerung auf ein Leben mit wesentlich niedrigerem Energieverbrauch vorzubereiten. Österreich hat Wasserkraft und Wälder, die Öl teilweise ersetzen können. Trotzdem werden enorme Anstrengungen nötig sein.

Unser Modell geht auch davon aus, dass die globale Nahrungsmittelproduktion mit 2020 einen Höhepunkt erreicht, ab dem sie schrumpfen wird. Die steigenden Energiepreise werden dazu beitragen, denn heute erfordert die Herstellung einer Nahrungskalorie im Durchschnitt 10 Kalorien an fossiler Energie. Die Nahrung wird dort angebaut werden müssen, wo sie verbraucht wird, und mit weniger ölbasierter Energie. Die Transportkosten werden im Allgemeinen steigen. Das ist schlecht für Pendler, aber gut für die lokale Industrie. Es wird schwieriger werden, aus Gebieten mit niedrigeren Lohnkosten billig Waren zu importieren.

Technologiewandel genügt nicht

Unsere Analyse aus dem Jahr 1972 wurde zweimal durchgesehen. In den Jahren 1992 und 2004 wurden neue Ausgaben unseres Berichtes hergestellt. Während dieser 35 Jahre währenden Studienzeit blieb eine Schlussfolgerung immer gleich: jene, dass wir neue Technologien brauchen, um mit den Wachstumsgrenzen zurechtzukommen. Doch der Technologiewandel genügt nicht; er ist nicht einmal das wichtigste Ziel.

Viel wichtiger ist, dass uns die nächsten 50 Jahre mit der Notwendigkeit konfrontieren, unsere Erwartungen, Ziele, Ethik und sogar unsere Regierungsformen zu ändern. Wir müssen eine viel längere Zeitperspektive entwickeln und Entscheidungen danach beurteilen, wie sie sich auf unsere Gesellschaft gegen Ende des Jahrhunderts auswirken werden. Wir werden die Natur deshalb wertschätzen müssen, weil sie für unsere Spezies wichtig ist, nicht, weil wir mit ihr Geld machen können. Mobilität wird abnehmen, die Anhänglichkeit an Orte und Familie steigen. Überlegungen zur Lebensqualität werden sich verlagern: von der Frage danach, wie man mehr bekommt, auf die Frage, wie man Besseres bekommt.

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Zur Person: Dennis Meadows

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