Kabarett Simpl: Vorletzte Lieder halten am längsten

Georg Kreisler trat gemeinsam mit Barbara Peters auf – und zeigte, dass seine aberwitzigen alten Lieder auch ohne Klavier und ohne Melodie leben.

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Kabarett Simpl Vorletzte Lieder
Kreisler – (c) EPA (Boris Roessler)

„Es hat keinen Sinn, mehr Lieder zu machen“, sang Georg Kreisler 1972 in seinem explizit revolutionsfreundlichen „Vorletzten Lied“: „Schlagt die Pointe entzwei, sie macht unsre Kinder nicht frei.“ Doch erst Mitte der Achtzigerjahre hörte er auf, Lieder zu schreiben, „einfach weil mir keine mehr eingefallen sind“, wie er nun im Kabarett Simpl erklärte – bei einem bewegenden Abend gemeinsam mit seiner Frau Barbara Peters.

Die beiden lasen erst Gedichte (vor allem aus Kreislers Buch „Zufällig in San Francisco“) und „Anfänge“ ungeschriebener Romane, feine Parodien (etwa eine „moderne“ Hamlet-Inszenierung) und gallige Attacken auf Regietheater („Missachtung der Kunst!“), Kriegsdichter, Politiker und Kritiker. Dann eine Auswahl aus den alten, traurigen und heiteren, tiefen und klugen, witzigen und aberwitzigen Liedern Kreislers. Beide lasen angenehm rasch, er trocken, oft mit seinem typischen traurig-weisen Lächeln, sie mit viel, gerade nicht zu viel Theatralik.

Es überraschte nicht, aber es war doch schön zu erfahren: Diese Lieder leben auch ohne Klavier, ohne Melodie, durch ihren Rhythmus, ihr rasendes Spiel mit Worten und Bedeutungen. Wenn in „Max auf der Rax“ das Liebesidyll zum „Lobesodol“ und in „Unheilbar gesund“ die Nichte zu „Nichts“ wird, mag das Blödelei sein, aber es ist höhere, höchste Blödelei. Und es führt zu verdichteten Bildern wie dem der „Schreibmaschine, die nur eine Taste hat, ein Ü“. Wie kann man eine sanfte Attacke der Sinnlosigkeit besser beschreiben?

 

Der Bluntschli ist der Witz!

„Einige meiner Gedichte sind absurd“, sagte Kreisler, „sie kommen also der Wahrheit am nächsten.“ Das gilt auch für seine Lieder: Niemand (außer natürlich dem Herrn Wachtel) hat einen Bluntschli nebst einer Birne, einem Spitzer und einem Knopf in einer Schachtel, aber alle haben irgendeinen Bluntschli, der sie zu etwas Besonderem macht; man findet Trost im Tangotanzen oder Blumengießen, im Taubenvergiften oder Drittabschlagen; und wenn es gar nicht mehr weitergeht, dann steht da ein Weihnachtsmann auf der Reeperbahn und blickt einen lächelnd an.

„Im Grunde sind wir machtlos“, sagte Kreisler: „In die Wiege und in den Sarg müssen wir gelegt werden. Und dazwischen fallen wir immer um.“ Er, mittlerweile auch schon 88, steht, gestützt von Barbara Peters, noch ganz gut, er lächelt traurig-weise und macht treuherzige große Augen, wenn's böse wird. Und er weiß: „Wer Gedichte schreibt, darf nicht sterben, denn er muss ja seine Gedichte immer wieder verbessern.“

In diesem Sinn. Und das nächste Mal soll er auch noch etwas aus den „Seltsamen Liebesliedern“ bringen! Dann werden ihm die Kritiker auch verzeihen, dass er sie seit Jahrzehnten gar so ungnädig behandelt...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2011)

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