25.05.2012 10:45 | Meine Presse Merkliste 0

Burgschauspieler über Sex mit Zuschauern

02.02.2012 | 13:46 |  Von Barbara Petsch (Die Presse - Schaufenster)

Daniel Sträßer und Petra Morzé überlegen sich, wieso ein Nackter auf der Bühne mehr Gemüter erregt als eine entblößte Seele.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Sie küssen und sie schlagen sich. Auf der Bühne geht es heutzutage explizit und rau zu. Wie kommen Schauspieler damit zurecht – und nach der Orgie wieder herunter ins reale Leben? Ein Grenzgang, ein Balanceakt, sagen Petra Morzé und Daniel Sträßer, beide Burgschauspieler, die in „Romeo und Julia“ gemeinsam auf der Bühne stehen. Freilich: Theater ist bloß ein Abbild des Lebens.

Verliebt man sich manchmal in Bühnenpartner?
Daniel Sträßer: Klar. Ich verknalle mich immer in meine Spielpartnerinnen. Bei „Romeo und Julia“ schmachtet man sich auf den Proben vier Stunden lang an, dann ist die Probe zu Ende, und man sagt Tschüss. Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, damit umwzugehen.

Wie kommt man da wieder heraus? 
DS: Also, ich verliebe mich ja nicht wirklich. Das ist ein kurzer Moment, eine Irritation, aber es ist klar, man atmet anders, hat ein anderes Körpergefühl in der Rolle. Mich macht das glücklich. Trotzdem ist es wichtig, auch wieder runterzukommen und in sein reales soziales Umfeld zurückzukehren.
Petra Morzé: Unser Beruf ist deshalb schwierig, weil man in kurzer Zeit mit fremden Menschen eine große Nähe herstellen muss. Das fällt einem natürlich leichter mit jemandem, den man mag, als mit jemandem, den man schon auf 800 Kilometer nicht ausstehen kann, aber man muss sich sehr abrupt öffnen. Da ist man dankbar, wenn einen jemand auffängt. Wir greifen uns an, wir küssen uns, wir schlagen uns, wir schreien uns an auf der Bühne. Diese Intensität ist auch ein Problem. Es gibt dann immer so ein Nachbeben, das ist auch der Grund, warum ich früher nach dem Theater nicht immer gleich nach Hause gehen konnte. Ich beneide manchmal die Musiker, die können ihr Klavier schließen, ihren Kontrabass wegstellen. Unser Instrument sind wir selbst.

Inszenierung ist nicht nur am Theater wichtig, sondern auch allgemein. Voyeure finden auch Futter im öffentlichen Raum.
PM: Theater ist ein Abbild des Lebens. Zum Glück sind wir keine Hollywood-Schauspieler, wir können ungestylt zum Billa gehen. Trotzdem ist Inszenierung im Alltag in der westlichen Welt allgegenwärtig. Das ist ein Stress und eine Perversion, die wir noch gar nicht richtig verarbeitet haben. Die Leute zerschneiden sich sogar und machen aus sich einen Homunkulus.

In der Vergangenheit war Theater für Frauen oft mit Prostitution gleichgesetzt. Heute ist die Freiheit groß, Objekt der Begierde sind nicht nur Frauen, sondern auch Männer.
DS: Ich würde mich nie grundlos auf der Bühne ausziehen. Wenn es im Sinne der Inszenierung ist und etwas erzählt, dann schon. Wenn man nur Nacktheit auf die Bühne bringt, um zu schockieren, finde ich das billig und blöd. Aber im deutschen Sprechtheater schockt das Ausziehen, das ja nicht immer nur sexuell gemeint ist, sondern oft auch die nackte, pure Empfindung zeigen soll, sowieso keinen mehr. Das Tanztheater ist da schon lange viel weiter gewesen, weil dort der Körper noch mehr das Ausdrucksmittel ist. Ich finde das ästhetisch ganz toll.

Sie glauben nicht, dass es die Leute einfach „anmacht“, wenn sie Nacktheit oder Sex auf der Bühne sehen?
DS: Ich glaube nicht, dass es die Zuschauer wirklich interessiert, wie gut jemand bestückt ist. Es gibt im Internet genügend Gratisangebote, um sexuelle Erregung zu erfahren.
PM: Entweder es steht im Text, oder es steht nicht im Text, dass man sich auszieht. Junge Schauspielerinnen müssen sich einfach trauen, Nein zu sagen. Ich finde es aber auch nicht in Ordnung, wenn Frauen Sex als Strategie einsetzen. Beides richtet mit der Zeit allerhand in der Seele an.

Was bedeutet es, wenn man sich vor 1200 Zusehern auszieht?
PM: Interessant ist, dass immer nur die Nacktheit auf der Bühne ein Thema ist. Wenn man seelisch oder körperlich misshandelt wird, spielt, dass man betrunken ist oder weint, dann ist es nie ein Thema, ob da 1200 Leute zuschauen.
DS: Physische Nacktheit scheint perverser zu sein als emotionale Nacktheit.
PM: Wir leben in einer übersexualisierten Welt. Wir sollten lieber wieder beginnen, anders auf den Körper zu schauen, und uns wieder mehr zuschließen, zumachen. Ich war sehr beeindruckt von einem Interview mit Franka Potente, die auch in Hollywood gespielt hat. Sie hat erzählt, dass Produzenten nur mehr nach dem Prinzip „Is she fuckable?“ (Will der Zuschauer mit ihr schlafen?) besetzen. Aber mittlerweile gilt das ja nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer: Wer kein Muskelprotz mit Waschbrettbauch ist, hat keine Chance auf eine Rolle. Gott sei Dank hat sich das Theater noch nicht völlig diesem absurden Anspruch von rein körperlicher Schönheit unterworfen.

Der Schauspieler traut sich, was viele Zuseher kaum wagen würden. Macht das nicht auch Spaß?
DS: Klar, wir stehen gern auf der Bühne, wir zeigen uns gern und lassen dabei auch viel raus. Ich bin dabei immer großzügig und habe es auch gern, wenn ich mit Schauspielern zu tun habe, die so sind und ehrlich mit ihren Mitteln umgehen.

TIPP
Shakespeares „Romeo und Julia“ mit Yohanna Schwertfeger, Daniel Sträßer und Petra Morzé als Lady Capulet (Regie: David Bösch) ist u. a. am 7., 9., 16.  Februar im Burgtheater zu sehen. www.burgtheater.at

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

2 Kommentare
Gast: fran789
03.02.2012 16:42
0 0

sex sells so einafch ist das

da geht es nicht um kultur, im gegenteil es geht darum, dass man nichts anständiges zu produzieren weiß und dann mit nackten, porno oder sonst was aufmerksamkeit erregen will

tragisch dass für so was auch noch steuergelder verschwendet werden

Gast: Laramie
03.02.2012 15:14
1 0

Das sehe ich ein wenig anders

Stücke, die ganz ohne Nacktheit wunderbar inszinierbar wären, werden heute mit Nackten bestückt, da dann darüber geschrieben wird.
Der Druck auf Schauspielerinnen ist enorm und eine, die nach oben will, muss sich sich durch ehibitionistischen Rollen durchquälen. Es gibt kaum eine anerkannte Schauspielerin zwischen 20 und 40, von der es keine Aktphotos gibt. Selbst wenn die Szene noch so kurz war, landen die Bilder im Internet. Das ist demütigend für diese Frauen, aber auch für alle anderen.
DieEentschuldigung, dass Rollen Nacktheit brauchen ist lächerlich. Man kommt gut auch ohne aus, wenn man es richtig angeht. Die Quote brauch die Nachten und nemand sonst!