Poetry Slam: Textgekeuche, Wortgeschrei

09.02.2012 | 16:29 |  von Eva Winroither (Die Presse - Schaufenster)

Ob im Burgtheater oder in der Alten Schmiede in Wien: Poetry Slam ist längst salonfähig geworden.

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Die Frau sieht tatsächlich aus wie eine Sekretärin, die gerade ihren Chef verführt. Was heißt verführt? Bespringt! Bedrängt, nahezu frisst! Mit beiden Armen die Po-Backe des Typen umklammernd, sich an seinen Lippen festsaugend, versehentlich in die Nase beißend. Dann fährt sie mit der Hand tiefer und macht am Ende nicht einmal mehr davor halt. Das bekommen die Zuseher aber nicht mehr mit, denn da hat Nadja Bucher schon längst zu lesen aufgehört. Sie ist Teil der Poetry-Slam-Szene in Österreich. Gemeinsam mit Mieze Medusa und Markus Köhle steht sie im Volkstheater in der Roten Bar auf der Bühne und liest dem Publikum selbst geschriebene Texte vor. Wobei das Wort „lesen“ den Kern der Sache wohl nicht ganz trifft. „Aufführen“ beschreibt schon eher, was sich hier abspielt. Da wird gekeucht, geschrien, theatralisch gelacht und mit wohltönender Stimme vorgetragen.

Von der Kellerbar ins Burgtheater. „Der Poetry Slam ist in den vergangenen Jahren sicher salonfähiger geworden“, sagt Doris Mitterbacher alias Mieze Medusa, die gemeinsam mit Nadja Bucher und Markus Köhle zu den Fixgrößen der österreichischen Szene zählt. Fanden Poetry Slams bis vor ein, zwei Jahren fast ausschließlich in versteckten Szene-Kellerlokalen statt, findet man sie mittlerweile – auch in verschiedenen literarischen Variationen – in kulturell gediegeneren Orten wie der Alten Schmiede im ersten Bezirk, dem Wiener Burgtheater oder eben der Roten Bar im Volkstheater. Den Grund dafür sieht Mitterbacher in der in den vergangenen Jahren gewachsenen Szene in Österreich und auch dem Einfluss aus Deutschland, wo Poetry-Slams schon längst auch in Häusern wie etwa der Oper in Hannover abgehalten werden.

„Beim Poetry Slam begeistert mich die Vielfalt“, sagt Mitterbacher, die es eigentlich nach Wien gezogen hat, weil sie eine Karriere als Hip-Hop-Sängerin starten wollte: „Jeder kann hier auf die Bühne gehen und seine Texte vortragen.“ Und dieser Satz trifft den Kern der Sache ziemlich gut: Denn der Poetry Slam vereint Literatur mit einem Live-Event. „Poetry Slam kennt keine Grenzen und Sprachbarrieren, fast alles ist erlaubt, sofern es aus eigener Feder stammt und sich in fünf Minuten ohne Requisiten auf der Bühne performen lässt“, schreiben Mieze Medusa und Markus Köhle im Vorwort ihres aktuellen Buches „Mundpropaganda“ (Milena Verlag), in dem die Texte verschiedener Poetry Slammer abgedruckt sind. „Da gibt es ganz unterschiedliche Typen“, sagt Mitterbacher. „Manche sind ganz ruhig und lesen ihre Texte, andere wiederum gehen total aus sich heraus und sind richtige Rampensäue.“ Schlussendlich entscheidet das Publikum mit seinem Applaus, wer der Gewinner des Abends ist. Und die Entscheidung des Publikums, die kann Mitterbacher nach all den Jahren noch immer nicht voraussagen. Sie findet’s schön: „Das ist ja das Spannende daran, dass man nie weiß, wie es ausgehen wird.“ Wobei: Ein paar Dinge hat sie dann doch im Laufe ihrer Karriere beobachtet. „Wichtig ist, dass man sofort, wenn man auf die Bühne tritt, einen Kontakt zum Publikum aufbaut“, sagt sie, „und man muss glaubwürdig sein.“ Dabei ist der Witz der Texte oft gar nicht so entscheidend. Aber klar: „Ein mittelmäßiger Text tut sich leichter, wenn er lustig ist“, fügt sie hinzu.

Eines haben die Texte aber immer gemeinsam: Sie müssen zum Sprechen geschrieben werden. Und das heißt: mehr Wortwiederholungen, und die Sätze müssen leicht zum Aussprechen sein. „Deswegen mag ich es auch nicht so, wenn meine Texte gedruckt werden. Weil sie auf dem Papier oft gar nicht so gut funktionieren“, sagt Mitterbacher.

Doch es muss nicht immer nur Poetry Slam sein. Aus dem Wettbewerb hat sich eine Reihe von verschiedenen Veranstaltungen entwickelt: Bei der Spoken-Word-Performance, so wie sie Nadja Bucher zu Beginn des Abends in der Roten Bar geliefert hat, werden eher lyrische Texte vorgetragen, ohne Wettkampfgedanken, einfach nur zur Unterhaltung des Publikums. Und Markus Köhle hat im Dezember 2011 mit „Slammer. Dichter. Weiter.“ in der Alten Schmiede Poetry Slammer aus dem deutschsprachigen Raum mit österreichischen Dichterinnen und Dichtern aus dem 20. und 21. Jahrhundert konfrontiert.

Älteres Publikum. Inhaltlich sind den Texten beim Poetry Slam jedenfalls keine Grenzen gesetzt. Auch wenn Erzählungen aus dem Alltag die Performances dominieren. Markus Köhle verarbeitet in der Roten Bar seinen Umzug nach Ottakring und Nadja Bucher erinnert sich an den Tag, an dem sie – zu ihrem Schrecken – eine Karte für ein Udo-Jürgens-Musical geschenkt bekommen hat. Dem Publikum scheint’s zu gefallen. Keine zwei Meter von der Bühne entfernt sitzen sowohl junge als auch ältere Semester mit Tränen im Gesicht und klopfen sich auf die Schenkel vor Lachen. Die meisten sind zum ersten Mal hier. Eine ganz normale Entwicklung, wie Mieze Medusa findet: „Die Menschen sind neugierig auf den Poetry Slam geworden. Und in größeren Locations wie im Burgtheater sind meistens fast drei Viertel des Publikums das erste Mal hier“, sagt Mitterbacher. Der Grund für das rege Interesse könnte auch an der gewachsenen Poetry-Slam-Szene in Österreich liegen. Denn die hat nicht nur in Wien, sondern auch in Salzburg, Innsbruck und Graz einen Aufschwung erlebt. Und einige aus der Szene haben es durchaus schon zu Bekanntheit geschafft. Medusa erzählt: „Ein Bekannter ist einmal bei einer Schule vorbeigegangen. Und hat den Kindern zugehört, wie sie aus seinen Texten zitiert haben.“

TIPP
Poetry Slam im Wiener Burgtheater, 16. 2., mit Nektarios Vlachopoulos, Laurin Buser, Lars Ruppel, Marguerite Meyer – und einem Newcomer der Jungen Burg, dem Wiener Moritz Beichl. www.burgtheater.at

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