Elfriede Jelinek lässt die Mörder unter uns sein

Im Schauspielhaus Graz hat Michael Simon das Drama "Rechnitz" eindrucksvoll verknappt und sehr musikalisch umgesetzt. Die Darsteller des Grauens sind brillant, die Bilder sind zuweilen ein wenig zu üppig geraten.

Elfriede Jelinek laesst Moerder
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Elfriede Jelinek laesst Moerder
(c) Schauspielhaus Graz

Das Historiendrama „Rechnitz (Der Würgeengel)“ ist durch und durch deprimierend. Elfriede Jelinek thematisiert hochdramatisch die Ermordung von 180 jüdischen Zwangsarbeitern aus Ungarn in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs durch die SS im Burgenland. Bei der österreichischen Erstaufführung im Schauspielhaus Graz gab es am Wochenende in der erstklassigen Inszenierung von Michael Simon dennoch einen Moment der Heiterkeit, dem dann später umso tiefere Verzweiflung entsprach.

Nach einer Eingangsszene mit vier Schauspielern, die als Boten Täter und Opfer repräsentieren, die später mit vier Musikern beherzt ein Blasorchester bilden, hebt sich der Vorhang, und man sieht – ein Dutzend weiße Lämmer und ein schwarzes. Sie blöken, hüpfen in ihrer Umzäunung, als ob man sie dressiert hätte: ein frühlingshafter Auftritt, der vom Publikum mit Lachen quittiert wird.

 

Die Opferlämmer klagen

Doch man müsste von Text und fürchterlicher Musik gewarnt sein. Es sind Opferlämmer. Später hört man sie klagen, sieht sie aber nicht. Sie sind verschwunden wie die 180 Leichen, die man bis heute nicht gefunden hat. Das Massaker an den Juden in Rechnitz wurde in der Nacht auf Palmsonntag verübt. Unmittelbar vor Einrücken der Roten Armee im Burgenland und vor der Passionswoche wurde diese irre Tat verübt. Im Schloss der Batthyány feierte Gräfin Margit, eine Tochter des Stahlmagnaten August Thyssen, ein Fest mit SS- und Gestapo-Männern, die dort stationiert waren. Um 23Uhr wurde der Befehl zum Massenmord gegeben. 15Festgäste holten sich Waffen, schossen alle Opfer tot, kehrten zum Feiern zurück. Das sagt die Geschichte. Bei Jelinek beteiligt sich auch die Gräfin an dem Gemetzel, das ihre Liebhaber leiten.

Die Interpretation mag zugespitzt sein, aber das Wesentliche des 2008 in München uraufgeführten Dramas ist, dass es auf die Opfer hört und zugleich die Zuseher zu Komplizen macht. Wer nach der Lektüre des wild assoziierenden, treffsicheren und wohltemperierten Textes nicht beschämt ist, muss wohl kaltherzig sein. „Rechnitz“ ist das Ungeheure, an dem Österreich noch immer würgt.

Simon ist es gelungen, 150Seiten auf zwei Stunden zu komprimieren, ohne am Sinn zu sparen, die Aufführung überzeugt darstellerisch, musikalisch (Bernhard Neumaier leitet die Band) und durch starke Bilder. Diese Inszenierung hat großes Format. Nur unmittelbar nach der Pause leidet sie ein wenig an Überladung. Das wird aber spätestens bei einem messerscharfen Dialog vergessen, in dem das Massaker von Rechnitz mit der Geschichte des Kannibalen von Rothenburg verbunden wird.

 

Die Lust der Menschenfresser

Roher und drastischer kann man die Lust am Mord nicht ausdrücken. Steffi Krautz, im weißen Rüschenkleid, geil auf das Opfer, und Stefan Suske, ebenso begierig aufs Schlachten, gestalten diese Passage – zwei Schauspieler, die zu den Stärken des Hauses zählen und auch an diesem Abend brillieren. Mit schneidender Stimme personifiziert Suske das Böse, wird dann aber wieder verführerisch melodiös oder gar hilflos. Krautz wirbt viel stärker an der Rampe um das Publikum. Die Mörder sind unter uns, hier als bitterböse, uneinsichtige Gräfin, eine Meisterin des Untergangs und seiner Verdrängung, die sich über das Deutsche an sich obszön auslässt.

Eindringlich spielen auch die Jüngeren. Nicola Gründel hat zudem einen starken Auftritt als Pianistin. Sie und Christoph Rothenbuchner müssen sich auch als Tiere verkleiden (Denise Heschl darf sich bei den Kostümen richtig austoben, oft werden sie gewechselt). Als Bären und Hirsche nehmen sie an einer irrwitzigen Jagd teil. Gründel zückt wie in einer billigen Komödie die schrecklichsten Waffen. Diese Passagen wirken überdeterminiert, lenken zu sehr vom Text ab. Voll gestopft mit Fabelwesen wie auf einem Jahrmarkt hat Simon hier die Bühne, zuvor waren die Bildaussagen simpler und sicherer. Nun sieht man einen Totenkopf mit meterlanger Zunge, ein Riesengebiss, die Projektion eines Festsaals mit Luster. Oben an der Decke des Schauspielhauses sind Tanzszenen zu sehen, die daran erinnern, dass sich „Der Würgeengel“ auf den Film von Luis Buñuel bezieht. Hoch oben in den Lüften schaufeln sie ein Grab.

 

Ein Schloss wird aufgeblasen

Es gibt nämlich kein Entrinnen bei diesem Text, selbst wenn der Gräfin und ihren Nazi-Gesellen die Flucht in die Schweiz gelingt. Reue? Nein, sagt Jelinek: „Das Geld möchte ficken.“ Das Böse bleibt im Sattel. Eine Pferdezucht in der Schweiz. Irgendwann aber stehen die vier Boten an einer Holzwand, durch die sie an die Rampe geschoben werden und bekennen – eine Episode nur. Schließlich steht sogar wieder das Schloss (in Rechnitz ist es damals abgebrannt): Vier bunte Hüpfburgen werden aufgeblasen, drehen sich im Kreis, um bald wieder in sich zusammenzufallen. Der Moment der Größe war nur Illusion.

Termine, Schauspielhaus Graz: 24., 29., 30. März, 3., 4., 18. April

Auf einen Blick

Das Museum Kreuzstadl in Rechnitz wird am 25.März von Bundespräsident Fischer eröffnet. Elfriede Jelinek, Ruth Klüger, Vladimir Vertlib, Robert Menasse, Doron Rabinovici schrieben die Texte für die Tafeln. Am 24.3. gibt es im Rathaussaal von Oberwart ein Symposion über „Feindbilder, Konstruktionen“. Informationen: www.refugius.at (Paul Gulda).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2012)

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