„Die Zoogeschichte“ zeigt das Tier im modernen Städter

09.05.2012 | 18:13 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Edward Albees Klassiker wird in Wien in der Garage X von Dieter Haspel vorbildlich und mit starkem Darstellerduo inszeniert.

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1959, als Samuel Beckett und das Absurde Theater herrschten, wurde in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters der erste Einakter eines US-Dramatikers uraufgeführt: „Die Zoogeschichte“ von Edward Albee, der drei Jahre später mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ erfolgreich war. 2004 erweiterte der inzwischen zur Weltliteratur zählende Autor „The Zoo Story“ um einen ersten Akt, der die Vorgeschichte bringt. In der Garage X hat nun aber der frühere Hausherr des Theaters am Petersplatz, Dieter Haspel, den unheimlichen zweiten Akt allein inszeniert, der leicht modernisiert wurde.

Die Konfrontation zweier ungleicher Männer, die einander im Central Park schicksalhaft begegnen, ist bestens gelungen, wie die Premiere zeigte. In dem kurzen Drama, das sich hier in 75 Minuten abspielt, steckt noch Kraft. Haspel hat das für eine schnörkellose Aufführung genutzt, bei der Till Firit als Jerry und Tim Breyvogel als Peter ihre große spielerische Klasse zeigen können – der eine als psychischer Grenzgänger, der andere als braver Bürger, der sich den fantastischen Monologen des Außenseiters aussetzt, als wäre er nur ein Zuschauer. Aber nein, er wird in diese Geschichte hineingezogen, wird unfreiwillig zum Akteur. Das ist eine Grundsituation, die laut Albee das Theater prägen sollte: „Es ereignet sich etwas, wenn man einen anderen Menschen erkennt... wenn man das Theater nicht als ein anderer Mensch verlässt, hat man nur Geld verschwendet.“

 

Ein Hund wie aus der Unterwelt

Bei Haspel wird nichts verschwendet. Peter sitzt lesend auf einer grünen Bank, er trägt einen makellosen braunen Anzug und hat ein Pfeifenset bei sich. Ein Kiesweg trennt Peter von einer zweiten Bank und einem grünen Abfallkorb, sonst ist der Ort völlig unbestimmt, eine weiße Box. Der Unbekannte tritt mit leicht vernachlässigter Kleidung, einem Sakko mit angerissenen Taschen, einer hellen Hose, die geflickt ist und einen Blutfleck hat, auf. Jerry will ins Gespräch kommen. Aus Freundlichkeit, so scheint es, hört der andere zu. Er ist ein gut verdienender Lektor mit Familie – einer Frau, zwei Töchtern, zwei Katzen, zwei Kanarienvögeln.

Jerry aber war eben im Zoo. Es geht ihm nicht gut. Er wohnt armselig, er will, dass ihm jemand zuhört, einer Geschichte, deren Unterströmung bedrückt. Der Hund von Jerrys Pförtnerin zum Beispiel ist ein Höllenhund, Abgründe tun sich auf, wenn die Konfrontation mit diesem Vieh geschildert wird. Firit versteht es, sein immer nur kurz unterbrochenes Solo stetig zu steigern, umkreist Peter, der zu einem Spiegel absurder Ängste wird, bedrängt ihn auf irre Weise. Breyvogel spielt das scheinbar Passive ausgezeichnet. Furios, beklemmend ist das Finale. Peter will schon nach Hause, da entwickeln sich Revierkämpfe. Da entdeckt der brave Städter das Tier in sich, das von einem Lebensmüden geweckt wurde. Auch sein Leben wird sich ändern müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2012)

 
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