22.05.2013 09:15 Merkliste 0

Ster- und Grissemann machen endlich Schluss mit dem Theater

13.05.2012 | 18:23 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Fritz Ostermayer spannt die TV-Blödler mit Spitzenkräften des Schauspielhauses Graz hinterlistig zusammen: "Aus-Schluss-Basta" erheitert.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wenn ein kurzweiliger, „finaler Theaterabend“ von 90 Minuten aus einer Serie von Enden berühmter Stücke besteht, die durch launige Moderation und Songs unterbrochen wird, wenn also ein Theater-Tusch den anderen jagt, dann muss sich der Regisseur recht genau überlegen, welchen wirklichen Schlusspunkt er setzt. Radiolegende Fritz Ostermayer war bei seiner Inszenierung von „Aus-Schluss-Basta oder Wir sind total am Ende“ ziemlich schlau, um nicht zu sagen gerissen bis zur Weisheit.

Die fast so alten Radiolegenden, fast noch jungen TV-Komödianten Dirk Stermann und Christoph Grissemann sind bei der Uraufführung am Grazer Schauspielhaus nach achtzig Minuten bereits fertig. Die Requisiten, die bei einer Melange von Shakespeare und Schwab, Bernhard und Beckett, Bernstein und von Trier eben anfallen, sind weggeräumt, alles wirkt erschöpft, geradezu fertig, da wird es dunkel. Nun taucht ein schwarzes Klavier samt „Soap & Skin“ auf. Anja Plaschg singt und spielt „The End“ von den Doors!

 

Manuelas bitteres Ende am Handy

Oh Anja Plaschg! Ihre totale Hingabe an das Nichts nach so viel Sein rührt das von den Klassiker-Resten beschwerte Herz! Nicht nur der sentimentale Moderator Ostermayer, der zuvor schon bei der auf dem Handy vorgespielten Autofahrer-unterwegs-Schnulze „Manuela“ plärrte wie ein Schmierenmime, hat wahrscheinlich geweint.

So geht man erleichtert heim nach diesem Abend und sagt sich: Schön war's in Graz, schön durchwachsen, denn ein Menü mit Ster- und Grissemann, fünf tollen Darstellern des Hauses und dem lässigen Oliver Welter von Naked Lunch muss man erst einmal verkraften. Diese Mischung ist – interessant. Zum Beispiel Grissemann, an Seilen schwebend, aufgeblasen, er mimt einen zweitklassigen Sänger. Um es geradeheraus zu sagen: Er ist es nicht. Und Stermann will der Tragödie gewachsen sein, weil er eine schön-schmiegsame Stimme hat. Er ist es nicht. Die beiden sind ein Bocksgesang, von Satyr Ostermayer begeistert in Szene gesetzt. Der gesteht auch eigene Sammelleidenschaften ein: Bühnentote und Todesschnulzen. Weil sich aber durch diesen komödiantischen Wien-Import ein spannender Kontrast zu Grazer Bühnenprofis ergibt, darf man sagen: Großartig! Ein toller Abend, fast so schön wie Weihnachten mit FM4 und „Tornerò“. Selten kann man zusehen, wie ein Regisseur lustvoll die Fäden spinnt für diese „Fluchtachterl der dramatischen Kunst“.

 

Ein Entertainer mit Gummiorgel

Die Schau beginnt abgeklärt mit der finalen Schlacht aus „Richard III.“ als Schattenspiel. Heavy Metal mit Luftgitarren. Eben hat der böse König noch „Ein Pferd!“ verlangt, schon liegt er tot am Boden, und Grissemann darf im Offenen den neuen Usurpator Henry VII. spielen, assistiert von Stermann als Krieger. Nach dem Vorspiel geht es mit der „Macht der Gewohnheit“ zur Sache. Von vier Ukulele-Spielern wird das Forellenquintett vorbereitet. Stefan Suske als überragender Theaterpatriarch, Verena Lercher, Florian Köhler und Grissemann als seine Schubert-Sklaven stimmen die Saiten. Schließlich malträtiert Stermann als missratener Neffe betrunken eine Gummiorgel. So bizarr gehört Thomas Bernhard gespielt, damit man das Ende richtig spürt.

Steffi Krautz zeigt komödiantische Brillanz bei Werner Schwabs „Volksvernichtung“, zum Brüllen und wirklich unappetitlich gerät F. W. Bernsteins „Herr Lediglich und die Scheißkerle“ mit einer kurz enthemmten Evi Kehrstephan. Entzückend: Ein Puppenspiel nach Lars von Triers „Melancholia“ als Videosequenz. Beinahe am Schluss dürfen dann Grissemann und Stermann das echte Ende vom „Endspiel“ spielen. Rührend. Ein Video zeigt hinten, wie ein Mann auf dem Eis sich mit dem Pickel den Weg ins Wasser frei schlägt. Er plagt sich, beinahe so sehr wie das Duo aus Wien. Jetzt ist man tatsächlich reif für Soap & Skin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

7 Kommentare
Gast: freund?
14.05.2012 10:53
3 1

staatswünstler von sozis gnaden...



nein, danke !

einmal abgedreht, genügt.

Re: staatswünstler von sozis gnaden...

Was für ein Unsinn.
Grad die beiden setzen sich auch am Markt durch, mit Programmen, CDs, Büchern und anderem - und sind auch in D extrem erfolgreich.
Genau diesen Anarchoansatz braucht es um den oberen Kasten auf die Zehen zu steigen.
Wenns ihnen nicht gefällt, okay, aber Satire muss eine Gesellschaft schon aushalten können. Auch die FPÖ.

1 3

Ich habe schon viele Stermanns und Grissemanns kommen und gehen sehen


Nix dahinter, und genau deswegen glauben viele ihre zynischen Leerformeln, wären so intell., nur weil sie nicht verstehen wo es nichts zu verstehen gibt.

Gast: Aufoktroyierte "Leerformeln"
14.05.2012 01:57
1 1

Godot ist immer und überall

Der Stermann und der Grissemann–Mann 0 Mann…
Die beiden funktionieren auf mich immer, als wären sie zwei Verbal–Bluthunde, aus dem kognitiven Rinnsal einer lecken Regentonne. Zwei müde Abklatschtropfen die sich im Duett halbkabarettistisch ins Unendliche verlieren. Die lockig - zottigen Sprüche, ein eselig-hufscharendes Rededuell aus dem Tollhaus gestelzt-geheimnisumwitterter Idiome.
Jedes Mal im „witzlosen“ Paarlauf vorgetragen und dem Publikum abwärts aufoktroyiert, wirken sie als wären sie gerade die sterblichen Überreste, über die sich ein „fußscharend“ verwirrtes Auditorium in seiner nimmer satten Unterhaltungsparanoia hermacht. Diese beängstigende Fressgier nach humorvoller Zerstreuung, lässt mich wenigstens, wenn auch nur am Rande, hoffnungsfroh und sehnsuchtsvoll weiter auf „Godot“ warten.


"die beiden funktionieren auf mich immer ..."

bei mir funktionieren sie nicht, aber sie bieten eine excellente und zeitgemäße satire, die dieses verstockte land dringend und noch mehr braucht, um aus seiner ewigen biedermeier, walzer- und beamtenromantik aufzuwachen!!!

dass die zwei männer manchmal danebengreifen und über die grenze gehen liegt in der natur der sache, dass sie leerformeln produzieren ist aber eine mär und zeigt maximal ihren eingeschränkten aufnahmehorizont, der wahrscheinlich ideologisch bedingt ist ;-))

Antworten Antworten Gast: Warten auf Godot
14.05.2012 10:47
1 1

Re: "die beiden funktionieren auf mich immer ..."

Was verstehen Sie unter exzellent? Und ideologisch verbrämt ist bei mir überhaupt nichts. Ich schreib so wie mir der Schnabel gewachsen ist. Versuchte mir die beiden immer wieder einmal via Bildschirm reinzuziehen, der Hereinfall war prolongiert. Unsere zwei Applaus haschenden Comedys sind (ist meine subjektive Einschätzung) ihr Honorar nicht wert. Und von wegen Funktion… Die kabarettistische Position ist in ihrer Einfallslosigkeit blutleer-mechanisches Herunterleiern Windbeutelig zusammengedichteter „Vortragskunst“. Und was meinen beschränkten Horizont betrifft, bin ich voll und ganz auf ihrer Seite: „Der ist tatsächlich ein hinterwäldlerischer Jammerlappen. Kein Esprit, kein Scharfsinn, keine Schlagfertigkeit.“ Trotzdem herzlichen Dank, für die scharfsinnige Auseinandersetzung. Damit sind jetzt ausschließlich Sie gemeint. Mit herzlichem Gruß, ihr…

1 0

Re: Re: "die beiden funktionieren auf mich immer ..."


Danke, exakt.

Die u n b e a b s i c h t i g t e Satire der beiden liegt darin, dass ihre Fans die zynischen und inhaltslosen Floskeln für intellektuellen Witz halten - Unverständliches wird gerne sicherheitshalber für besonders g'scheit gehalten.

Und dass die beiden mit dem Schmäh
alle vorführen - inkl. sich selbst - ist die wahre Satire.