Der letzte Teil des Abends entschädigt vollauf für zuvor erlittene Unbill: Kein Zweifel, nach allerlei unbefriedigenden Erlebnissen bei diesen Festwochen mit auswärtigen Gruppen, die wenig Neues zu bieten hatten bzw. allzu stark an europäischen Vorbildern klebten, prunkt „La casa de la fuerza“ (Haus der Gewalt) von der katalanischen Performerin Angélica Liddell mit großem Einfallsreichtum. Ausgangspunkt ist ein Massaker an Frauen im mexikanischen Juárez in der Provinz Chihuahua.
An diesem Beispiel werden alle Schrecknisse des in Mexiko tobenden Drogenkrieges durchdekliniert: Drogenhändler stürmen Entzugskliniken und mähen Jugendliche nieder, Mädchen, Frauen werden entführt, vergewaltigt, verstümmelt. Die offiziellen Stellen raten ihnen zu anständiger Kleidung, statt sie zu schützen. Ursache für solch mittelalterliche Vorgangsweisen ist der dominante Machismo im Land.
Liebessklavin Frau. Der Mann hat nicht nur immer recht, er wird auch leidenschaftlich geliebt, selbst wenn er betrügt und misshandelt. Liddell untersucht ihr Thema auf sinnliche Weise. Sie zeigt Hollywoods Vorbildfunktion für die Macho-Helden in spanischen Landen. Sie webt aktuelle Ereignisse ein wie die Luftangriffe Israels im Gazastreifen im Winter 2008/2009, bei denen zahlreiche Zivilisten starben. Und sie verwendet Tschechows „Drei Schwestern“, die nicht nach Moskau, sondern nach Mexico City wollen und unter einem Haufen Schutt begraben werden.
Zu Beginn sieht man drei Frauen rauchend und trinkend an einem Tisch sitzen und räsonieren. Eine Mariachi-Kapelle spielt. Liddell lässt die Frauen abwechselnd wie Männer und Frauen sprechen. Dazu erklingen die herrlich kitschigen mexikanischen, südlichen Balladen von Liebe, Enttäuschung, Trennung, Rache, Mord und Totschlag. Eine wichtige Rolle spielen aber auch Glenn Goulds Bach-Interpretationen, die aus heutiger Sicht so viel gemächlicher und elegischer anmuten als seinerzeit. Die sechs Schauspielerinnen (Cynthia Aguirre, Perla Bonilla, Getsemaní de San Marcos, Lola Jiménez, Maria Sánchez und Liddell selbst, die eine Ähnlichkeit mit Sophie Rois hat) zeigen eine Bereitschaft zur Aufopferung, wie sie manche vom Regietheater gequälte deutschsprachige Mime verweigern würde. Die Frauen ritzen sich, lassen sich auf der Bühne live Blut abnehmen, schleppen Sofas, leeren riesige Säcke mit Kohle aus und schaufeln einander anschließend gegenseitig damit zu: eine strapaziöse Angelegenheit. Mit menschenverachtenden Methoden wird hier Menschenverachtung illustriert.
Sprachmaschinen-Gewehrfeuer. Großartig ist der Musiker Pau de Nut, der Violonchello spielt und dazu in einer Art Kontraalt singt. Die Aufführung besteht aus drei Teilen und zwei Pausen, aus sehr viel ratterndem Sprachmaschinen-Gewehrfeuer und sehr langen meditativen Passagen, die vor allem im zweistündigen Mittelteil quälend wirken. Liddell ist eine Art katalanische Ariane Mnouchkine. Ihre Kreation erinnert an die ebenfalls katalanische Brachial-Formation La Fura dels Baus. Die Länge ist gewiss beabsichtigt. Der Zuschauer soll in Trance versetzt werden, wie das auch bei Gewaltorgien geschieht. Praktisch funktioniert das aber nicht. Die Substanz der bildermächtigen Aufführung reicht letztlich nur für zwei, höchstens drei Stunden.
Nach der zweiten Pause hatte sich die bei der Premiere am Freitagabend von Anfang an keineswegs voll besetzte MQ-Halle G weiter geleert. Das war schade, denn der abschließende Showdown mit Juan Carlos Heredia als „Strongman“ ist der beste Teil, obwohl die von einer der Frauen vorgeschlagene Weltverbesserung nicht weniger extrem ist als das zuvor Gebotene: Eine neue sanftere Menschheit soll geschaffen werden, indem Frauen mit ihren eigenen Söhnen Kinder zeugen.
„Strongman“, ein Riese, ein Teddybär, ein Muskelpaket, versteht die Welt nicht mehr, bemüht sich, artig zu den Damen und dem femininen Musiker zu sein. Er kann aber doch nicht aus seiner Haut heraus, wirft ein Auto um und stemmt eine schwere Kugel.
Treffender ward selten illustriert, dass die Verständigungsmöglichkeiten in den Schlachten dieser Welt wie auch in der Schlacht der Geschlechter – wie sich großspurig eine Ö3-Quizschiene nennt – nicht allzu groß sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
Filmstarts der WocheDiamantenhandel mit Hader, Autorennen mit Vin Diesel 
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins