Anfahrt mit der Straßenbahn, mit dem 60er. Fußweg bis zur Eitelbergergasse 4 in Wien-Hietzing. Hinter einem blassgrauen Eisenzaun erhebt sich aus einem wilden Garten eine gründerzeitliche Villa, in der exakt zum Sommerbeginn der vorläufig letzte öffentliche Akt eines ungewöhnlichen Kulturprojekts am Schnittpunkt von Literatur, Theater, Kunst und Wissenschaft steigt. Es ist die Villa, in der die Schauspielerin Anna Mertin aufgewachsen ist – ein „Musikhaus, in dem immer gearbeitet wurde“, sagt sie. Im Untergeschoß wurden Orgeln gebaut, im Obergeschoß gingen Philharmoniker ein und aus und probten im Salon unter der Anleitung von Josef Mertin, dem Pionier in Sachen Aufführungspraxis Alter Musik.
„Büro für theatralische Sofortmaßnahmen“ lautet die Selbstbeschreibung des Kollektivs. Neben Anne Mertin sind die Hauptakteure der aus Basel stammende Regisseur Fred Büchel und die Schauspielerin Susanne Hahnl. Agiert und agitiert wird in verschiedensten Formaten von Theateraufführungen über Lesereihen, Vorträge und Aktionen im öffentlichen Raum bis hin zur Netzdokumentation, jeweils an unterschiedlichen Orten. Jeder Kanal wird dienstbar gemacht, um dieses Opus magnum, in dessen Zentrum Österreich und besonders die Epoche des Ersten Weltkriegs stehen, spürbar und erlebbar zu machen. Das akustische Erleben spielt eine ebenso große Rolle wie visuelle und räumliche Erfahrung. Die Herausforderung, sich ein Jahrzehnt mit derartiger Hingabe auf das Werk einer einzigen Schriftstellerin einzulassen, liegt in der Überzeugung, dass das Fritz’sche Œuvre „eines der radikalsten und komplexesten Schreibvorhaben der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ ist. „Marianne Fritz beschreibt den Krieg nicht, sondern sie führt ihn in und mit der Sprache“, sagt Büchel. „Daher sollte diese Sprache als Ganzes als Theatersprache begriffen werden.“Dass Fritzpunkt nun mit seinem letzten – insgesamt dreigliedrig angelegten – Unterfangen „Die Schläfer oder Die Zertrümmerung der Verhältnisse durch die Anschauung“ erstmals ihr gesamtes Domizil bis zu den Schlafzimmern als Aufführungsort definiert und damit nahezu unverändert öffentlich zugänglich macht, verlangt auch den experimentierfreudigen Theaterleuten Mut ab. „Da gibt es ein Restrisiko“, sagt Anne Mertin. Doch ein Zurück gibt es nicht. „Die Wände sind mit den Spinnweben unserer Arbeit überzogen, jetzt kratzen wir die eigenen Erinnerungen herunter.“
Während der kommenden Wochen werden die Besucher nun durch einen ebenerdigen Eingang direkt ins Innere des Hauses geschleust, mitten ins Geschehen rund um den bisher nur online veröffentlichten dritten Teil von Fritz’ „Festungswerk“. Die Termine sind in 21-Stunden-Abständen angesetzt: „Wir gehen nach der FEZ: Fritz’sche Echt-Zeit“, sagt Büchel. Nur ein paar Dutzend
Zuschauer finden pro Vorstellung Einlass. Etage um Etage werden sie mit einem anderen theatralischen Register konfrontiert, angefangen mit einer Performance im Untergeschoß über die partizipatorische Einbindung des Publikums in der Hauptetage bis hin zum persönlichen Tête-à-tête im oberen Stockwerk. Den Abschluss bildet eine unterm Dach präsentierte Videoinstallation, collagiert aus vergangenen Fritzpunkt-Aktionen.
Sprechmontagen. Ausgehend von sechs theatralischen Ereignissen und einer performativen Lesung, in der die Texte der Marianne Fritz mit einem Manuskript des deutschen Physikers Rainer Gruber verwoben werden, gipfelt das Event abschließend in einem Symposium, in dessen Zentrum die Fritzpunkt’sche Theatermethode ebenso wie das Werk von Marianne Fritz in all seiner Interdisziplinarität stehen. „Es ist ein Versuch, die Wissenschaftlichkeit zu irritieren“, sagt Büchel.
Und danach? Dann wird Fritzpunkt in einem allerletzten Akt einmal noch selbst wissenschaftlich. „Das Projekt für die kommenden Jahre“, sagt Fred Büchel, „ist, ein Buch und eine Ausstellung zu machen, um wie ein Dramaturgiebüro die Texte zur Verfügung zu stellen, die wir selbst verwendet haben. Darüber hinaus wäre so ein Buch auch eine Konzession für Leute, die einen Schnellzugriff auf Fritz haben wollen.“ Dass das Projekt Fritzpunkt auch deshalb zum Abschluss kommt, weil nach Streichung der überlebensnotwendigen Theatersubvention durch der Stadt Wien das Geld knapp wird, wurde so nicht gesagt. Es steht allerdings bedrohlich im Raum.
Teil 1: „Die Kunst des Deutens“
22. 6. um 17 Uhr, 23. 6 um 14 Uhr, 24. 6. um 11 Uhr, 28. 6. um 20 Uhr, 29. 6. um 17 Uhr.
Teil 2: „Zufallsbekannte oder Herkunftsverwandte“:
30. 6. um 14 Uhr.
Teil 3: „Das Symposium, drei Küchen und ein Garten“
1. Juli um 11 Uhr.
www.fritzpunkt.at
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