„Good Girls Revolt“: Die Emanzipation wird abgesetzt

Die Amazon-Serie „Good Girls Revolt“ erzählt vom Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Trotz passabler Quoten wird sie nicht verlängert. Entschieden haben das ausschließlich Männer.

Man muss nicht weit blicken, um auf haarsträubende Ungleichbehandlung von Frauen zu stoßen. Trotzdem ist die Emanzipation – eine der dominierenden Themen des 20. Jahrhunderts und sicher auch des 21. Jahrhunderts – selten Thema von Filmen oder Serien. So ist die Amazon-Produktion „Good Girls Revolt“ wirklich eine Ausnahme. Die sehenswerte Serie erzählt die wahre Geschichte über den Kampf um Gleichberechtigung, basierend auf der Vorlage der Journalistin und Beteiligten Lynn Povich: 1970 klagten die Mitarbeiterinnen des Magazins „Newsweek“ ihren Arbeitgeber wegen Diskriminierung, weil ihnen Aufstiegschancen verwehrt wurden. Sie durften zwar recherchieren, aber die Artikel schrieben ausschließlich Männer. Deren Namen standen in den Titelzeilen – so bekamen sie das Prestige und bis zu dreimal mehr Gehalt. In der Serie heißt das Magazin „News of the Week“, und die Diskriminierung wird „Tradition“ genannt.

Die Quoten für „Good Girls Revolt“ – in diesem Fall Zahl der Abrufe – waren passabel, die Kritiken fast durchwegs positiv, teils sogar hymnisch. „Newsweek“ nannte sie „eine der wichtigsten Serien 2016“. Vielfach verglichen sie Kritiker mit „Mad Men“. Trotzdem wurde fünf Wochen nach dem Start auch schon das Ende für „Good Girls Revolt“ nach nur einer Staffel beschlossen.

Keine einzige Frau an Entscheidung beteiligt

„An der Entscheidung bei Amazon, das hat die Showrunnerin Dana Calvo öffentlich gemacht, war keine einzige Frau beteiligt“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. „Weil keine Frau im Raum war. Weil es auf dieser Entscheidungsebene bei Amazon gar keine Frauen gibt.“ Roy Price, Chef der Amazon-Studios, habe die Serie nicht gemocht, möglicherweise aber auch gar nicht gesehen. „Vielleicht mochte er den Gedanken nicht, dass eine Serie über das Jahr 1970 Frauen in seinem eigenen Laden im Jahr 2017 auf naheliegende und gute Gedanken bringen könnte. Man wünscht Amazon von Herzen, dass Netflix oder wer auch immer die zweite Staffel macht, und dass es der Erfolg des Jahrhunderts wird“, schreibt die „Süddeutsche“.

Kritische Leser mögen sich nun fragen: Hätte „Good Girls Revolt“ überhaupt eine zweite Staffel verdient? Die Antwort lautet: Ja. Erst dann hätte sie ihr großes Potential entfalten können und kluge Entscheider hätten das bemerkt.

Auch die Figuren hätten noch Zeit zur Entwicklung gebraucht. Die Haupthandlungstragenden sind drei Frauen Mitte Zwanzig: Die konservative Jane (superb: Anna Camp) aus wohlhabendem Hause will mit dem Magazin-Job eigentlich nur die Zeit überbrücken, bis sie heiratet, ist aber auffallend gut in ihrem Job. Die passionierte Patti (Genevieve Angelson), ein Hippie-Mädchen, hat alle zehn Finger am Puls der Zeit – und ein großartiges Gespür für Geschichten und Timing. Und die schüchterne, unglücklich verheiratete Cindy (Erin Darke) darf mit Erlaubnis ihres Ehemanns ein Jahr arbeiten, bis sie eine Familie gründen. Viel lieber als Vollzeitmutter wäre sie aber Autorin. Sie ist die vielleicht spannendste Figur, weil ihre Entwicklung und ihr Handlungsbogen am offensten ist.

In ihren zehn Folgen schneidet „Good Girls Revolt“ viele Themen an: das Konzert in Altamont und das Ende der „Love & Peace“-Ära, die Black-Panther-Bewegung, den Postlerstreik etc. Am stärksten ist die Serie aber nicht dort, wo sie sich als Stück über Journalismus in den Sechziger und Siebzigern begreift, sondern dort, wo sie sich auf ihr Kernthema konzentriert: die Frauen und ihr Kampf gegen die alltägliche Diskriminierung, in der man sich leider auch heute noch zu oft wiedererkennt ... Die Entscheidung zur Klage geht etwas langsam voran. Möglicherweise wollte Serienschöpferin Anna Calvo noch genug Stoff für eine zweite Staffel haben.

Patti sollte feministischer sein

Feministischer – und damit mutiger! – könnte die Serie auch bei der Figur der Patti sein. Die Hippie-Dame wird von allen Protagonistinnen am stärksten über ihre Beziehungen zu Männern definiert. Mit ihrem Kollegen Doug (Hunter Parrish; spannende Figurenentwicklung) verbindet sie eine schwierige On/Off-Beziehung, zudem hat sie eine Schwäche für ihren Chef Finn. Diese ist für mich nicht nachvollziehbar: Finn ist ein Don-Draper-Abklatsch, ebenso machistisch, aber weniger faszinierend. Aber das mag an einer früheren Begegnung mit dem Finn-Darsteller Chris Diamantopoulos liegen: Er spielte in der dritten Staffel der genialen Comedy „Silicon Valley“ einen unsympathischen Milliardär. Die Rolle des Magazinchefs legt Diamantopoulos ähnlich unbeherrscht an.

Patti ist auch diejenige, deren Körper am stärksten sexualisiert wird: Von den Mini-Mini-Mini-Röcken (ohne Strumpfhose, trotz des Winters in New York) bis zu der Szene, in der sie sich im LSD-Rausch tanzend für einen Fotografen entblättert. Soll das ein Ausdruck ihrer sexuellen Befreiung sein? Oder ist das ein Leckerli für die männlichen Zuseher?

Zugeständnisse an den Mainstream

Das würde zu meinem generellen Eindruck passen, dass „Good Girls Revolt“ auf künstlerischer Ebene Kompromisse eingehen musste, um sich dem Massenmarkt anzupassen. Im Vergleich zu „Mad Men“ etwa kommt die Serie weit nicht so sperrig und konstruiert daher. Die Struktur folgt dem Prinzip „Ein Fall pro Folge“ – wie im Mainstream-Fernsehen.

Auch solche Zugeständnisse haben die insgesamt sehr gelungene Serie nicht vor ihrer Absetzung bewahrt. Möglicherweise bekommt „Good Girls Revolt“ aber eine zweite Chance. In den sozialen Medien regt sich Widerstand gegen das Aus unter dem Titel #SaveGoodGirlsRevolt. Produktionsstudio Sony Pictures Television soll die Serie zudem anderen Sendern anbieten. Ob einer zuschlägt, dürfte sich bald zeigen. Es wäre den „Good Girls“ zu wünschen – und dass sie alle Freiheiten bekommen, die sie verdienen.

„Good Girls Revolt“, Amazon Prime

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Jane, Cindy und Patti – (c) Amazon
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