Warum jetzt die perfekte Zeit für den "Tatortreiniger" ist

Die deutsche Comedyserie „Der Tatortreiniger“ ging vor Jahren durch einen schlechten Sendeplatz im Fernsehen unter. Wer feinen Humor und Kammerspielartiges mag, sollte sie im Nachhinein entdecken.

Thorsten Jander/NDR)
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Thorsten Jander/NDR)

Weil die Suche nach neuen, guten Serien derzeit ein wenig ermüdend sein kann - der Sommer war hier eher mau - kann man die nahenden Herbstabende ebenso gut mit einer Serie verbringen, die schon vor Jahren begeisterte: dem „Tatortreiniger“. Die Comedyserie ging damals – obwohl von der Kritik hochgelobt - im Fernsehen aufgrund eines schlechten Sendeplatzes unter. Gerade wenn nun, in der Vorwahlzeit, die Schmutzkübel fliegen, kann man Reinigungsarbeiten und Humor gut brauchen.

Jede der 27 kurzen Episoden - die meisten spielen in Hamburg - zeigt kammerspielartig das Aufeinandertreffen zweier Fremder. Es ist ein Aneinanderprallen unterschiedlicher Denkweisen und stets herrlich skurril, was sich schon in der Szenerie begründet: Normale Menschen würden einer Wohnung fern bleiben, in der gerade jemand gestorben ist und unappetitliche Rückstände hinterließ. Normalen Menschen begegnet Tatortreiniger Heiko Schotte, von allen nur Schotty genannt, deshalb auch relativ selten. Dafür trifft er einen Schriftsteller mit Schreibblockade, der den Tatort als Inspiration für sein nächstes Buch nützen will. In einer anderen Episode hat der Freund eines Mordopfers seine eigenen Vorstellungen dazu, wie die Leiche entsorgt werden soll. Und ein anderer Auftraggeber leidet unter einem Putzzwang und braucht weniger Schottys Arbeitskraft als den professionellen Austausch. Viele skurrile Begegnungen hat Drehbuchautorin Mizzi Meyer mit dem einfachen Muster „Mann reinigt nach Todesfall und irgendjemand ist dabei“ gesponnen, jede ist überraschend.

Die Psychopathen haben das Herz des Försters vergessen

Der Tod ist zwar zentral, aber oft genug gar nicht Thema. Mord, Suizid und hässliche Unfälle: alles Alltag. Als ein Förster zerstückelt im Jagdhaus gefunden wird, erwähnen Schotty und die beiden Bestatter, die gerade die Leiche wegbringen wollen, die Todesursache nur am Rande. Es ist ja kein Krimi. Wobei: In dieser Folge sieht man die Täter. Es sind Psychopathen, die ganz in der Nähe auf einem Jägerhochstand sitzen. Sie haben, und darüber ärgern sie sich, in der Eile das Herz des Försters vergessen, und das sollte ja zum Jahrestag gemeinsam verspeist werden, als Zeichen ihrer Liebe, dumm gelaufen also.

Weil es so wenig andere Menschen in der Nähe gibt, wollen sie Schottys Herz als Ersatz nehmen. Das Auto der Bestatter ist hängen geblieben, und sie verstricken Schotty in ein Gespräch über – es ist halt naheliegend - Tod und Bestattungen. „Kennst du den Begriff Beerdigungsschmarotzer?“ Die Bestatter empfehlen eine Beerdigungsversicherung, 7,99 Euro im Monat, Blumenbouquet gratis. Er ist schon dabei zu unterschreiben, aber dann findet er es seltsam, als ob er dem Tod die Erlaubnis geben würde, jetzt zu kommen. Draußen wartet das Psychopathenpärchen und führt Gespräche wie: „Und was, macht unser Herz?“ „Schlägt noch“.

 

Tatortreiniger Schotty glaubt nicht an Flüche. Das hilft ihm allerdings wenig.
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Tatortreiniger Schotty glaubt nicht an Flüche. Das hilft ihm allerdings wenig.
Tatortreiniger Schotty glaubt nicht an Flüche. Das hilft ihm allerdings wenig. – (c) NDR

Schotty, gespielt vom wunderbaren Bjarne Mädel (den man auch als „Ernie“ aus „Stromberg“ kennt) trägt Pferdeschwanz und Schnauzer sowie einen weißen Overall, trinkt gern Bier, schaut gern Fußball, ist ein wenig egoistisch, aber eigentlich sehr liebenswürdig. Ein ganz normaler Mann. Was die absurden Begegnungen umso reizvoller macht.

"Wo sich andere übergeben, fängt meine Arbeit erst an“

Wunderbar komisch sind eigentlich alle Episoden. Meine Lieblingsfolge ist die, bei der ausschließlich gereimt werden darf. Der Grund dafür ist ein alter Fluch, der auf einer geerbten Villa liegt. „Sehen Sie diesen Blutfleck da? Sagen Sie jetzt bloß nicht ‚ja‘. Ein Fluch belastet diese Villa, übrigens steht hinter hinter Ihnen ein Gorilla. Verzeihen Sie: Den Gorilla hab ich nur erfunden, um den Reim nach hinten abzurunden. Denn bleibt ein Reim am Ende offen, wird man von einem Fluch getroffen.“

Schotty glaubt nicht an den Hokuspokus, doch weil er in einer Endlosschleife gefangen ist, muss er sich fügen. Und reimt „der Beste“ auf „Entferner aller Leichenreste“. „Ich putze Schnecken aus den Ecken. Und Maden, Kakerlaken, Zecken, und auch Würmer, die schon an der Leiche lecken. Ich bin der mit den Abfallsäcken. Ich bin Tatortreiniger, der Putztitan. Und wo sich andere übergeben, fängt meine Arbeit erst an.“

Die sechs Staffeln der Comedyserie wurden zwischen 2011 und 2016 für den NDR gedreht. Nach einer Idee von Schauspieler Bjarne Mädel und Regisseur Arne Feldhusen und den Drehbüchern von Mizzy Meyer, die sich hinter einem Pseudonym versteckt und ihre Biografie inklusive des Heimatorts "Hinterwaldwies" frei erfunden hat. Die Serie kann man unter anderem auf Netflix oder Amazon Prime streamen.

 

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