Man darf sich durch die martialischen Gesten nicht täuschen lassen: Bei Rockkonzerten bricht traditionellerweise die Zeit zwischenmännlicher Zärtlichkeit an. Davor braucht es freilich viel Gerstensaft. Knapp vorm Erröten der Gaumenzapferln gab Ozzy Osbourne die Losung „Let's go crazy!“ aus, und schon lösten bierbetankte Lackeln einander die Haarbänder. Zum unerbittlichen Takt der Stakkatoriffs wollten halt offene Mähnen geschüttelt werden. Nur so können die Imponier- und Drohfunktionen eines solchen Fells ausgereizt werden.
Die durch Ventilatoren dauerbeföhnten und wohl birkenbalsamgepflegten Musiker waren punkto Imponieren erwartungsgemäß im Vorteil. Versonnen zelebrierten sie die Rituale des Hair-Metal, der die frühe Solokarriere von Osbourne dominiert hatte, ehe er mit Coverversionen wie dem Discohit „Stayin' Alive“ den Bogen zum großen Publikum schlug. „Bark At The Moon“ war ein ideal knatternder Opener. Gus G. drangsalierte seine sternförmige Gitarre, Osbourne heulte leitwolfmäßig, schon waren die Grundzüge des konventionellen Metal-Klangbilds gezeichnet. Anders als bei den äußerst ökonomischen Black-Sabbath-Liedern dominierte hier zügellose Notenschleuderei. Die Liedtexte tändelten pflichtschuldig mit den Vorzügen von Selbstmord, Dunkelheit und Nichtwissen.
Distanzierung von Aleister Crowley
Reflexion wird in der Rockszene immer noch gerne vermieden. Was als Flucht aus der Leistungsgesellschaft begann, führte in noch rigidere Anpassung. Die Rockerkleidungsordnung ist letztlich repressiver als bürgerlicher Dresscode. Auch der Flirt mit der Gefahr erweist sich, wenigstens im Fall von Osbourne, im Nachhinein als Pose. Seine einstige Begeisterung für den Okkultisten Aleister Crowley war eher das Schwärmen für ein bizarres Leben als Anstoß für neue Existenzwege. In „Mr. Crowley“ distanziert er sich heute von seinem Exhelden. „Your lifestyle to me seems so tragic; you fooled all the people with magic“ sang er, Theatertränen zerquetschend. Adam Wakeman drückte dazu mit Elle und Speiche die Manuale einer Schauerorgel à la Hermann Nitsch. Und Osbourne, der das Kunststück geschafft hat, gleichzeitig Ikone und Witzfigur zu sein, regredierte selig, indem er alte Feuerwehrmannfantasien an der Schaumspritze auslebte. Gut abgehangener Babyspeck im Gesicht und ein solides Bäuchlein ließen die Erinnerungen an die Zeiten verblassen, in denen er seine Drogentiefs mit dem trügerischen Hochgefühl des Alkohol auszugleichen versuchte. Im schwarzen T-Shirt mit Glitzerkreuz wirkte er erstaunlich gesund.
Fest der Riffkultur: „Iron Man“
Anders als viele seiner Songs. Das Publikum kämpfte sich durch „Shot In The Dark“ und „Suicide Solution“, schlecht gealterte Lieder aus der Solokarriere. Was lockte, waren die Black-Sabbath-Songs, einer („N.I.B.“) vom Debüt, fünf vom Album „Paranoid“ (1970). Wurde „Rat Salad“ noch durch ein effektheischendes Schlagzeugsolo fast zur Unkenntlichkeit entstellt, begann das Fest mit dem prägnanten „Iron Man“, einem Musterbeispiel für die hohe Riffkultur, wie sie Black-Sabbath-Gitarrist Tony Iommi einst beherrschte. Ersatzmann Slash brillierte an seiner Stelle. Mit Bassist und Texter Geezer Butler stand wenigstens ein Black-Sabbath-Mitstreiter auf der Bühne. Seine Vietnamkriegsanklage „War Pigs“, inklusive funky Basslinien, war ein Highlight.
Das lasche „Mama, I'm Coming Home“ erinnerte dann an den handzahmen Ozzy. Gattin Sharon hat ja in der TV-Reality-Show „The Osbournes“ gezeigt, dass die Grenzen der Erziehbarkeit eines Mannes erschütternd weit gedehnt werden können. Zum Trost für solch beängstigende Ausblicke setzte es am Ende die elegant scheppernde Metalhymne „Paranoid“.
Doch selbst die ist schon domestiziert. 1971 nahm das Schlagerpärchen Cindy & Bert „Paranoid“ als „Der Hund von Baskerville“ auf und zeigte, wie schlagerpublikumkompatibel es ist. Spooky!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)
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