Der Mann hat einmal in grauen Vorzeiten einen Zirkustrick erfunden, seither reist er mit ihm schon Jahrzehnte erfolgreich durch die Welt. Auf die einen wirkt er wie ein aus dem Geriatriezentrum entflohener Animateur mit strikter Gewinnabsicht. Für seine Jünger hingegen ist er magischer Klangmasseur, der in Hinz und Kunz Potenziale erschließt, von denen niemand vorher etwas geahnt hat. Herkömmliche Argumente helfen im Falle Bobby McFerrins genauso wenig wie beim Weltseele-Fabulierer Paulo Coelho. Gerät man in den Strudel dieses Phänomens, ist es besser, man fügt sich. Widerstand ist nämlich zwecklos.
Und so machte so mancher beim Konzert in der Wiener Staatsoper beim Schenkelklopfen und Singen rätselhafter „La-Las“ mit, ohne dass er eigentlich wusste, wie ihm geschah. McFerrin begann erst mit dem Ensemble The Philharmonics das anmutige Adagio von Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ in Babysprache zu emulieren. Ein Sakrileg! Ein Stück, das sich durch die lyrischen Versionen von Miles Davis und Jim Hall (mit Chet Baker an der Trompete) einen Ehrenplatz in der jüngeren Jazzgeschichte erobert hat. Dazu rollte McFerrin die Augen und kratzte seinen Bart, als wäre er sein Lieblingshaustier. Später teilte sich der Meister die Bühne mit dem kurios piepsenden und glucksenden Vokaltrio WeBe3, drei älteren Semestern, die McFerrins Kurse offensichtlich mit Auszeichnung abgeschlossen haben. Mal vermeinte man Dylans „Blowin' In The Wind“ zu vernehmen oder Coreas „Spain“, aber da verwandelte sich das Vertraute schon in extraterrestrisches Hecheln.
Im Porgy & Bess betörte derweil eine ganz andere Kraft. Die kanadische Sängerin und Gitarristin Terez Montcalm gab zu verstehen, dass uns nur unsere Verzweiflung retten kann. Sie steht in der Schopenhauer'schen Traditionslinie des Jazz – von Billie Holiday bis zu Nina Simone, Abbey Lincoln und Shirley Horn. Nach einem überaus dramatischen Beginn mit „A Song For You“ pendelte sich Montcalm mit „Isn't It a Pity“ und „You Won't Forget Me“ auf gutes, aber nicht spektakuläres Niveau ein. Ihre raue, etwas ungelenke Stimme dringt live leider zu selten in wirklich sublime Bereiche vor. Am schönsten tönte ihr geisterhaftes „If You Love Me“ sowie ihre zart-funkige Adaption von Jimi Hendrix „Voodoo Chile“. Nina Simones „My Baby Just Cares For Me“ hätte sie lieber bleiben lassen. Allzu volkstümlich sollte sie sich nicht geben, im Vergleich zu McFerrins Populismus war Montcalms rauer Charme aber absolutes Labsal. sam
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)
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