Nachdem er sich ausgerechnet hatte, wie viel der Anruf wohl kosten würde, rief Brian bei ,Jazz News‘, einer Art Programmzeitschrift, an und sagte: ,Wir haben da einen Auftritt...‘ – ,Wie nennt ihr euch denn?‘ Wir starrten einander an. ,It‘? Dann: ,Thing‘? Die Zeit läuft. Jetzt muss Muddy Waters helfen. Der erste Track auf ,The Best of Muddy Waters‘ ist ,Rollin' Stone‘. Auf dem Fußboden liegt das Cover.“
So schildert Keith Richards, begnadeter Mythomane in eigener Sache, die Namensfindung der Band, deren 50. Geburtstag heute zu feiern ist. Seit gut 30 Jahren wird sie als „Greatest Rock'n'Roll Band on Earth“ apostrophiert – und da fangen die Zweideutigkeiten schon an: Denn nein, eine Rock-'n'-Roll-Band, das wollten Jagger, Richards, Jones & Co. dezidiert nicht sein, als sie zum ersten Mal als „The Rollin' Stones“ (noch mit Apostroph) auf einer Bühne standen – und Blues spielten.
Fast nichts als den Blues: Von den 18 Songs, die sie am 12.Juli 1962 im Marquee Club (damals auf der Oxford Street) spielten (und von denen nur zwei später auf Platten landeten), fielen 14 in diese Kategorie, sechs davon waren von Jimmy Reed, dem Richards später bescheinigte: „Er hatte etwa 20 Nummer-eins-Hits mit immer dem gleichen Song. Er hatte nur zwei Tempi.“ Und: „Er war immer sturzbetrunken.“ Ein Song („Dust My Broom“) war vom legendären Robert Johnson (1911–1938), von dem man sich erzählte, er habe seine Seele auf einer Straßenkreuzung dem Teufel verschrieben: Seinem schmalen Repertoire sollten die Stones treu bleiben, wenn auch nicht immer gleich mit Namensnennung. „Love In Vain“ und „Stop Breaking Down“ sind von ihm.
1964 ein reiner Blues in den Charts!
Ein Stück aus dem ersten Liveprogramm, „I Want You To Love Me“, war natürlich vom indirekten Namensgeber Muddy Waters: Ihn trafen die Stones, als sie drei Jahre später auf der Suche nach Authentizität in den Studios von Chess Records in Chicago aufnahmen, auf einer Leiter an: Er strich die Decke. Ihm und vielen seiner Kollegen half das Engagement der Rolling Stones und vieler anderer weißer englischer Bands, dass sie wieder von ihrer Musik leben konnten.
Dass sie selbst Songs schreiben könnten, kam den Stones damals noch nicht in den Sinn: Um Jagger und Richards dazu zu nötigen, musste ihr Manager sie zu zweit in ein Zimmer sperren, will die Fama. Sie sahen sich als Interpreten, als Traditionalisten, als Puristen. Dass sie es 1964 schafften, mit Willie Dixons „Little Red Rooster“, einem reinen Blues, in die Hitparaden zu kommen, war ihnen der größte Triumph: „Wir empfanden das fast als Kriegserklärung an die Popmusik“, sagt Keith Richards.
Heißt das, dass die Stones Kopisten blieben? Dass sie ihre ganze Karriere nur vom schwarzen Blues zehrten? Nein. Sie haben in einem geradezu alchimistischen Akt ihre eigene Musik daraus gemacht, ihren eigenen Blues, ob man den jetzt Rock'n'Roll oder Rock oder Ziegenkopfsuppe nennen mag. Die Texte des Blues, die er in sich sog, „schienen irgendwie reifer zu sein“, erklärte Mick Jagger später. „Mannish Boy“, der Titel von Muddy Waters, den die Stones selbstverständlich auch nachspielten, sagt das gut: „I'm a man, I'm a fully grown man“, heißt es darin. Das ist eine grundlegende Attitüde des Blues: dass ein (vermeintlicher) Bub „mannish“ sein will oder dass ein Unterdrückter seine Rechte als Mann einfordert. Das gefiel den jungen Rolling Stones, aber sie drehten das Spiel auch um: Ihre kulturelle Errungenschaft – und natürlich die der gesamten Popkultur der Sechzigerjahre – war es, dass Männer fortan „boyish“ sein durften. (Und Frauen „girlish“, das aber zu Beginn eher als Nebeneffekt.) Mit subtiler Koketterie sang Jagger 1968 in „Street Fighting Man“: „What can a poor boy do, 'cept to sing in a rock'n'roll band?“
So eroberten die aufbegehrenden Buben, wenn schon nicht die Straße, dann die Populärkultur, so wurde aus „I Can't Be Satisfied“ (schon wieder von Muddy Waters), das die Untreue einer Frau beklagt, „(I Can't Get No) Satisfaction“, die geradezu analytische Erklärung, dass diese Gesellschaft nicht in der Lage ist, die Wünsche des männlichen Buben bzw. bübischen Mannes zu erfüllen. „Financially dissatisfied, sexually satisfied, philosophically tryin'“, antwortete Jagger damals auf die naseweise Interviewfrage, wie es denn mit seiner Befriedigung stehe.
Wer hören will, wie sich diese Neuinterpretation ästhetisch auswirkte, vergleiche „Satisfaction“ in der Version der Stones mit der von Otis Redding, die bei allem Soul den frechen Spirit des Songs einfach nicht einfängt. Zur Revanche kann man sein „I've Been Loving You Too Long“ gegen die Version der Rolling Stones ausspielen: An diese Inbrunst (und an die hohen Töne) kommt Mick Jagger nicht heran, und das ist ihm bitter bewusst, das hört man daran, wie er sich in selbstironische Manierismen flüchtet.
Nur am Punk ist Mick Jagger gescheitert
Das tat er anfangs selten: Über fast allen frühen Songs der Rolling Stones liegt ein düsterer Ernst, der sich in „Have You Seen Your Mother Baby, Standing in the Shadow?“ ins Apokalyptische steigerte: Hier die „brave old world“, dort „the slide to the depths of decline“, dazwischen möge man sich entscheiden, sang Jagger, keinen Zweifel daran lassend, was er empfahl.
Ob er Dekadenz oder Solidität in ihnen suchte – vor Jaggers stilsicherem Zugriff war kein Stil sicher: Country und Disco hat er sich (unter der oft skeptischen Assistenz des strukturkonservativen Richards) angeeignet, Soul und Reggae sowieso, nur am Versuch, sich als (besserer) Punk zu gerieren, ist er in Ehren gescheitert, 1978 auf „Some Girls“. Da hatte er schon ein virtuoses Lippenbekenntnis zum guten Alten hinter sich: „It's Only Rock'n'Roll“, 1974, ein – jetzt doch! – ironisch überhöhtes Bekenntnis zur Wahrhaftigkeit, zum Herzblut. Und, ja, zum Rock'n'Roll, den die Rolling Stones seither verkörpern, gerade weil sie einst nicht ausgezogen waren, um ihn zu verkörpern. Sie waren und sind nie wie Bon Jovi, was kann man Besseres über sie sagen?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2012)
Bildband: Private Momente der Stones
Rolling Stones: 50 Jahre Rock-Geschichte









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