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Der Boss auf der Suche nach dem „Spirit“

13.07.2012 | 18:32 |  von Samir H.Köck (Die Presse)

Bruce Springsteen in Wien: In einem fast vierstündigen Konzert zelebrierte der amerikanische Sänger mit spirituellem Verkündigungseifer eine Feldmesse wider den amerikanischen Traum.

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Dass die Welt kein Garten Eden ist, in dem die Rehe über Lichtungen spazieren und Mädchen beim Frisieren beobachten, war Bruce Springsteen schon früh bewusst. Das Trauma, das sein Vater erlitt, als er seinen Job verlor, übertrug sich auf ihn. Seine manische Arbeitswut und die Mitleidsethik, die vor pathetischen Bildern nicht zurückschreckt, haben in dieser Kindheitserfahrung wohl ihren Ursprung.

Springsteens manchmal arg holzschnittartige Sozialkritik war in den vier Jahrzehnten seiner Karriere unterschiedlich hoch im Kurs. Das Aufkeimen der Occupy-Bewegung hat die Wertschätzung für seine Kunst zuletzt wohl gesteigert. In Zeiten, in denen sogar der republikanische Hardliner Newt Gingrich bei seinen Versuchen, sich als Präsidentschaftskandidat zu profilieren, von „Vulture Capitalism“ spricht, weiß man die manchmal beinah an Charles Dickens erinnernde Krassheit in Springsteens Sozialromantik neu zu schätzen.

Sozialromatik als Geschäft

Die Krux dabei? Der gute Mann aus New Jersey hat nie hinterfragt, warum sich eine große Nation wie die USA über einen vagen Traum definiert. Springsteen hat das Räsonieren über diesen amerikanischen Traum zum profitablen Geschäftsmodell gemacht. Seine farbigen Schilderungen vom Kampf der Gestrandeten und Gescheiterten, die dennoch versuchen, sich Stolz und Würde in einer materialistischen Ellenbogengesellschaft zu erhalten, kommen viel zu gut an, als dass sich Springsteen angespornt sähe, textlich auf eine Metaebene zu kommen.

Dass man Mitleid auch als eine Form des Egoismus deuten kann, wie es Nietzsche anregte, kommt ihm nicht in den Sinn. Dafür entdeckt er jetzt das spirituelle Moment der Musik. Nach dem etwas bombastischen Opener „We Take Care Of Our Own“ und einer Visite in den „Badlands“ startete er im Wiener Stadion eine Art Feldmesse. „We've been coming to lift your spirits, but we're also in search of spirit“ flüsterte er über einem souligen Groove, den eine afroamerikanische Sängerin mit Gospelausbrüchen adelte. Delikate Soli von der gestopften Trompete untermalten den immer beschwörerischeren Gesang Springsteens. Die fünfköpfige Bläsersektion – ein Novum bei Springsteen – peitschte den Boss bei „My City In Ruins“ in die Rolle eines Gospel Preacher. Mit glühender Stimme warnte der vor den Folgen seines Sermons: „Make you wanna holler!“ Dann glitt die Improvisation in die alte Melodie von „Spirit In The Night“. Da waren sie wieder: Crazy Janey, Wild Billy, Hazy Davy und Killer Joe, moralisch suspekte Figuren einer wilden Nacht zwischen Greasy Lake und Gypsy Angel Row, die anmuten wie in die Hölle geschleuderte Commedia-dell'Arte-Figuren. Von einfachen Denkmustern gefesselt, kommen viele dieser Antihelden der eigenen Triebstruktur nicht auf die Spur. Sie leben nicht selbst, sondern werden von inneren und äußeren Kräften durch die Existenz gepeitscht. Auf den Straßen fließt Blut, der Nachthimmel mit totem Auge abgescannt. Sehnsüchte zu projizieren hat keinen Sinn.

VIDEO: Springsteen rockte mehr als drei Stunden in Wien

Bild: RCA

"The Boss" trat am Donnerstag im ausverkauften Wiener Ernst-Happel-Stadion auf. 51.500 Fans bekamen neue Songs aber auch Klassiker wie "Born in the USA" zu hören.

„Empty Sky“ war ein Höhepunkt des fast vierstündigen Hochamts. Springsteens ohnehin prächtige Laune wurde durch die agile Gitarrenarbeit von Nils Lofgren und Little Steven befeuert. Mit viel Hingabe sang er Raritäten wie „4th Of July“ und „Racing In The Street“. Nicht weniger als sechs Songs des Liedermarathons stammten vom aktuellen „Wrecking Ball“. Mit fröhlichen Banjo-, Fiedel- und Ziehharmonikaklängen lobte er in „Shackled And Drawn“ die Freiheit des Armseins: „What's a poor boy to do but keep singing his song?“

Wie schon seine Platte mit Pete Seeger 2006 zeigte, sieht sich Springsteen in einer langen Tradition, in der irische Rebellenlieder des 19.Jahrhunderts genauso stehen wie die Field Hollers der Sklaven. Die auf den ersten Blick so heterogenen Formen flossen im Song „Wrecking Ball“ anstrengungslos ineinander. Das Arrangement erinnert an Van Morrisons „Caledonian Soul“-Konzept.

Bruce Springsteen: Zehn Fakten über den ''Boss''

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Lebensbejahende Seite

Trotz aller Nachdenklichkeiten kam auch die lebensbejahende Seite von Springsteens Liedkunst nicht zu kurz. „Because The Night“, „Hungry Heart“ und „Dancing In The Dark“ wurden sehr beseelt gesungen und erstaunlich subtil gespielt. Die Dampfwalze wurde dankenswerterweise nur bei „Glory Days“ und „Born In The U.S.A.“ in Betrieb genommen. Im Zugabenblock wurde es noch einmal spirituell. „We Are Alive“ beschwor die Geister der Toten, „Tenth Avenue Freeze-Out“ erinnerte an den verstorbenen Saxofonisten Clarence Clemons. Dann hatte es ein jähes Ende mit Springsteens spirituellem Verkündigungseifer. Mit dem rasanten Medley aus „Twist And Shout“ und „La Bamba“ lockte er vital ins Hier und Jetzt. Zum Ausklang gab es noch James Browns „The Boss“ aus der Konserve. Perfekt!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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27 Kommentare
 
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Gast: Gordon Shamway
20.07.2012 16:21
0 0

Tonqualität usw.

Also die Tonqualität ist zuerst einmal ein spezielles Problem des Happel-Stadions. Im Berliner Olympiastadion war sie 1a - mit derselben Tontechnik-Crew. In Wien war es die ersten eineinhalb Stunden sogar auf den Stehplätzen nicht wirklich optimal. Wie es diesmal auf den Sitzplätzen war, kann ich nicht beurteilen, aber im Jahr 2009 war es seitlich sitzend so miserabel, dass ich mir damals vornahm, in kein Stadionkonzert mehr zu gehen. Gottseidank hab' ich auf den Rat gehört, es am Stehplatz auszuprobieren.

Ein weiteres leidiges Thema ist das Rauchen. In den Stehplatzsektor kann man prinzipiell nur mit Ausschusskleidung gehen und hoffen, dass man keine Brandwunden davonträgt. Dabei gibt's in anderen Ländern sogar Rauchverbote im Stadion, über das aber in Berlin z. Bsp. nur Witze gemacht wurden. Österreich ist diesbezüglich sowieso Entwicklungsland.

Gast: Kotzer
14.07.2012 16:56
0 0

Tonqualität

niemand scheint aufgefallen zu sein,
dass die Tonqualität unter jeder Kritik war und sich erst zum Ende hin etwas verbessert hat
dass die sanitären Anlagen den Namen nicht verdienten und außerdem in viel zu geringer Anzahl vorhanden waren
dass die Ö3-Bierausschenker die Becher ungereinigt wieder befüllt und dem nächsten in die Hand gedrückt haben
dass ein alkoholisierter , aber völlig unagressiver, Besucher von den Securities verprügelt wurde und die Polizei (inklusive zweier Obersten) sich lieber den Klängen gewidmet hat

Gast: Lonesome Stone
14.07.2012 11:25
2 0

Waren wir beim selben Konzert?

Lieber Samir Köck,
ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir beide beim selben Konzert waren - aber unabhängig davon:
1) "4th of July, Asbury Park (Sandy)" wurde in Wien zwar gespielt, aber das war beim Konzert 2009...
2) "The Seeger Sessions" ist nicht ein Album mit Pete Seeger, sondern mit dessen Musik.
3) "Hungry Heart", "Born In the USA", "Dancing In The Dark" und "Glory Days" wurden ebenfalls im Zugabenblock gespielt.

Antworten Gast: Lonesome Stone
14.07.2012 12:08
0 0

Re: Waren wir beim selben Konzert?

Kleiner Nachtrag zu 1):
In Ihrer Kritik zum Clapton/Winwood-Konzert am 7.6.2010 in der Wiener Stadthalle haben Sie das Fehlen eines Songs moniert, der aber gespielt worden ist. Vielleicht ist das jetzt ein Kompensationsversuch... ;-)

Re: Re: Waren wir beim selben Konzert?

sie kommen mir auf die schliche....:-)))

Gast: leana
14.07.2012 11:19
1 0

4th of July

Wie bereits weiter unten schon angesprochen, wurde "4th of July" nicht in Wien gespielt.
Wenn ich dann lese, "Mit viel Hingabe sang er Raritäten wie „4th Of July“ ...", disqualifiert sich der Kritiker ja wohl selbst und jeglicher weitere Gedanke über den Rest des Textes erübrigt sich.

Gast: Wunderlich
14.07.2012 08:07
6 0

Konzert-Bericht

Ein 62jähriger Superstar, Multimillionär, ein weltweit verehrter Ausnahmemusiker spielt 4(!) Stunden lang einen Hit nach dem anderen und bringt dabei alle 50t Zuseher zum mitleben - und sie kommentieren diesen Blödsinn dazu.

Er ist, wer er ist. Ein Musiker, der aus einfachsten Verhältnissen kommt, sich alles hart erarbeitet hat, ein Talent das diese Live-Events liebt und zelebriert und die Leute lieben ihn dafür. Sie scheinen zu unterstellen, dass er es nur des Geldes wegen macht.

Warum schreiben Sie nicht Kritiken von klassischen Konzerten. Da können Sie sich mit anderen Pseudoexperten über die Interpretation fix vorgegebener Notenkilos auslassen und damit die paar Hanseln ansprechen, welche das interessiert.

Scheinbar verstehen Sie nichts von Musikern, die aus Leidenschaft ihre Musik erschaffen und spielen und Live sich ausleben. Ist doch wurscht ob die Klangwalze kommt, solange sie mit Herz kommt.

Wenn Sie es sich nicht verkneifen können, dann schreiben Sie halt über Konzerte der Popsternchen, welche gerade genug Musikmaterial für 1.5h haben und noch nicht mal live singen. Deren Shows kalt berechnet sind und wo Texte keine Rolle spielen. DA können Sie dann über Geldmacherei und inhaltliche Aufbereitung faseln und Metaebenen vermissen.

Dieses Konzert war wie immer, wie seit Jahrzehnten(!!) großartig, mitreissend, ein unvergessliches Erlebnis. Die Mitschnitte in Youtube lassen einen jetzt noch angenehm schaudern ... lernen Sie das zu verstehen.

Um den amerikanischen Traum zu begreifen, muss man glaube ich wirklich drin gewesen sein.

War das Köck?

Köck schreibt nicht um etwas mitzuteilen

Köck schreibt, um sich selbst zu lesen. Mehr nicht.

Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

... der Boss ist? Und warum nennen ihn auch Leute so, die definitiv nicht für ihn arbeiten? Und warum - wenn ich schon so am Fragen bin - singt, äh, "singt" der prinzipiell nur durch zusammengebissene Zähne?

Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

bruce springsteen hat früher nach den auftritten seinen bandkollegen die gage immer gleich cash ausbezahlt, und bekam deswegen seinen spitznamen THE BOSS !

sag doch gleich

dass du in Wikipedia nachgelesen hast.

Antworten Gast: Salzer
14.07.2012 07:45
0 0

Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

Er ist der BOSS, weil er in den 70ies seine Band nach den Gigs bar bezahlt hat und von diesen den Spitznamen bekam.

Seine Texte in sehr vielen seiner Lieder sind oft so treffend, dass sich weltweit(!) Massen damit identifizieren können. Er spricht einem immer wieder aus der Seele.

Selbst stammt er aus einfachsten Verhältnissen der sozialen Unterschicht in den USA. Seine Bildung war mässig aber er wollte was aus sich machen. Er hat sehr hart gearbeitet und sich dabei nie am mainstream orientiert. Er ist in gewisser Weise, was er singt. Er ist autentisch, trotz seiner Millionen inzwischen.

Welcher Superstar stellt sich heute noch mit 62(!) für 4 Stunden auf die Bühne und gibt alles? Zudem noch nach einem ähnlichem (die music list ist immer etwas anders!) Konzert am Abend zuvor in Prag?

Sie können die Musik mögen oder auch nicht, aber jedenfalls verdient er Respekt. Meinen hat er!

PS: wer mag Ostbahn Kurti? Der singt die Springsteen Nummern kongenial in Deutsch und gibt sich dabei auch nicht als Übermensch ...

Re: Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

Gut. Die Boss-Frage dürfte geklärt sein, Sie haben die Management-Story brav wiedergegeben. Bleibt noch die Frage zu beantworten, warum er seine hochgeistigen Texte mühsam durch zusammengebissene Zähne hervorpresst.

Re: Re: Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

O Neid, der aller Tugend Fehde schwört!

Re: Re: Re: Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

Verd..., Sie haben mich ertappt. Ich bete nicht zum "Boss", weil ich Neid habe.
Schnell weg.

Antworten Gast: mtzmzmtzmttz
13.07.2012 23:40
0 0

Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

Hören Sie nur weiter Ihren Techno - oder was immer Sie mögen.

Re: Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

Springsteen oder Techno? Nein, danke. Ich höre viel lieber Musik.

Antworten Antworten Antworten Gast: fraage
15.07.2012 16:59
0 0

Re: Re: Re: Kann mir jemand erklären, von WEM dieser Clown ...

Was ist das für eine?

ganz ehrlich

10 Meter vom Boss entfernt ( wavebraker ) einfach nur genial nicht mehr und nicht weniger aus Schluss Ende . danke .

1 1

Mir imponiert das

So etwas lese ich normalerweise nur bei Rezensionen klassischer Musik.
Und bin genauso angewidert.

Gast: Wiener_Brut
13.07.2012 20:45
1 0

4th of July?

kritikerkritiker ist nichts hinzuzufügen außer vielleicht: Zumindest auf dem Wien-Konzert, das ich gestern besuchte wurde "4th of July" bzw. "4th of July, Asbury Park (Sandy)" nicht gespielt... Wer was über das Konzert selbst lsebn will, lese den Bericht auf backstreets.com oder - sorry - kurier.at

Re: 4th of July?

yep...wurde nicth gespielt.

auch sonst gehts bei dieser "rezension" wohl mehr darum, dass sich der herr kritiker wohl gerne selbst liest....

Gast: Sobchak
13.07.2012 20:45
3 0

@kritikerkritiker

@kritikerkritiker
Grandioser Kommentar. Sie treffen den Nagel auf den Kopf. "versnobbte Befindlichkeitsprosa" nichts anders ist diese Rezension. Da geht's nur darum bedeutungsschwangere Wörter zu finden und des Schreibers Ego zu pushen.
Leute die nicht dort waren, wissen jetzt auch nicht mehr und Leute die dort waren schütteln sowieso nur den Kopf.

Gast: kritikerkritiker
13.07.2012 19:49
13 0

Das ist keine Rezension

Sorry, aber das ist keine Rezension, das ist versnobbte Befindlichkeitsprosa. Von einer schlichten Darstellung der Dramaturgie des Konzertabends (wie manifestiert sich in diesem das "Phänomen Springsteen"?) hätte man als Leser deutlich mehr als von einem Sammelsurium schmachtender pseudo-intellektueller Zuschreibungen. Ja, als Kritiker darf man über den Dingen stehen und die Nase rümpfen über diejenigen, die vermeinen, einen "Spirit" zu entdecken in der Performance eines Mannes, der "nie hinterfragt, warum sich eine große Nation wie die USA über einen vagen Traum definiert." Stimmt diese Aussage überhaupt? Egal. Sie klingt gut. Ob Urteile zu so komplexen Fragen im Rahmen einer Rezension seriöserweise überhaupt möglich sind, sei mal dahingestellt. Ich unterstelle, dass hier (wie so oft) das Kritikerego alter (Feuilleton-)Schule die Regie geführt hat: von einer mit anderen geteilten gemeinsamen Experience ausgehend, eine Figur wie Springsteen zu analysieren, wäre zu unbefriedigend. Statt dessen gebietet das Ego: groß ausholen, in bedeutungsschwangerer Sprache finale Urteile über die "gesamte Springsteen-istik" fällen, auch wenn am Ende nur hermeneutische Peinlichkeiten herauskommen können. Hätten Sie das Konzertereignis als solches analysiert, hätten evtl. spannende Perspektiven zu B.S. herauskommen können. Motto: Lieber eine Zitrone (Konzert) exakt ausdrucken, als in einem LKW voller Zitronen (ganzer Springsteen) wild herumtrampeln und nur ungenießbaren Matsch zu Tage fördern

Antworten Gast: jagnnnaauu
13.07.2012 23:43
0 0

Re: Das ist keine Rezension

Ja, dieses angesprochene Land definiert sich über einen vagen Traum.

 
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