Dass die Welt kein Garten Eden ist, in dem die Rehe über Lichtungen spazieren und Mädchen beim Frisieren beobachten, war Bruce Springsteen schon früh bewusst. Das Trauma, das sein Vater erlitt, als er seinen Job verlor, übertrug sich auf ihn. Seine manische Arbeitswut und die Mitleidsethik, die vor pathetischen Bildern nicht zurückschreckt, haben in dieser Kindheitserfahrung wohl ihren Ursprung.
Springsteens manchmal arg holzschnittartige Sozialkritik war in den vier Jahrzehnten seiner Karriere unterschiedlich hoch im Kurs. Das Aufkeimen der Occupy-Bewegung hat die Wertschätzung für seine Kunst zuletzt wohl gesteigert. In Zeiten, in denen sogar der republikanische Hardliner Newt Gingrich bei seinen Versuchen, sich als Präsidentschaftskandidat zu profilieren, von „Vulture Capitalism“ spricht, weiß man die manchmal beinah an Charles Dickens erinnernde Krassheit in Springsteens Sozialromantik neu zu schätzen.
Sozialromatik als Geschäft
Die Krux dabei? Der gute Mann aus New Jersey hat nie hinterfragt, warum sich eine große Nation wie die USA über einen vagen Traum definiert. Springsteen hat das Räsonieren über diesen amerikanischen Traum zum profitablen Geschäftsmodell gemacht. Seine farbigen Schilderungen vom Kampf der Gestrandeten und Gescheiterten, die dennoch versuchen, sich Stolz und Würde in einer materialistischen Ellenbogengesellschaft zu erhalten, kommen viel zu gut an, als dass sich Springsteen angespornt sähe, textlich auf eine Metaebene zu kommen.
Dass man Mitleid auch als eine Form des Egoismus deuten kann, wie es Nietzsche anregte, kommt ihm nicht in den Sinn. Dafür entdeckt er jetzt das spirituelle Moment der Musik. Nach dem etwas bombastischen Opener „We Take Care Of Our Own“ und einer Visite in den „Badlands“ startete er im Wiener Stadion eine Art Feldmesse. „We've been coming to lift your spirits, but we're also in search of spirit“ flüsterte er über einem souligen Groove, den eine afroamerikanische Sängerin mit Gospelausbrüchen adelte. Delikate Soli von der gestopften Trompete untermalten den immer beschwörerischeren Gesang Springsteens. Die fünfköpfige Bläsersektion – ein Novum bei Springsteen – peitschte den Boss bei „My City In Ruins“ in die Rolle eines Gospel Preacher. Mit glühender Stimme warnte der vor den Folgen seines Sermons: „Make you wanna holler!“ Dann glitt die Improvisation in die alte Melodie von „Spirit In The Night“. Da waren sie wieder: Crazy Janey, Wild Billy, Hazy Davy und Killer Joe, moralisch suspekte Figuren einer wilden Nacht zwischen Greasy Lake und Gypsy Angel Row, die anmuten wie in die Hölle geschleuderte Commedia-dell'Arte-Figuren. Von einfachen Denkmustern gefesselt, kommen viele dieser Antihelden der eigenen Triebstruktur nicht auf die Spur. Sie leben nicht selbst, sondern werden von inneren und äußeren Kräften durch die Existenz gepeitscht. Auf den Straßen fließt Blut, der Nachthimmel mit totem Auge abgescannt. Sehnsüchte zu projizieren hat keinen Sinn.
„Empty Sky“ war ein Höhepunkt des fast vierstündigen Hochamts. Springsteens ohnehin prächtige Laune wurde durch die agile Gitarrenarbeit von Nils Lofgren und Little Steven befeuert. Mit viel Hingabe sang er Raritäten wie „4th Of July“ und „Racing In The Street“. Nicht weniger als sechs Songs des Liedermarathons stammten vom aktuellen „Wrecking Ball“. Mit fröhlichen Banjo-, Fiedel- und Ziehharmonikaklängen lobte er in „Shackled And Drawn“ die Freiheit des Armseins: „What's a poor boy to do but keep singing his song?“
Wie schon seine Platte mit Pete Seeger 2006 zeigte, sieht sich Springsteen in einer langen Tradition, in der irische Rebellenlieder des 19.Jahrhunderts genauso stehen wie die Field Hollers der Sklaven. Die auf den ersten Blick so heterogenen Formen flossen im Song „Wrecking Ball“ anstrengungslos ineinander. Das Arrangement erinnert an Van Morrisons „Caledonian Soul“-Konzept.
Lebensbejahende Seite
Trotz aller Nachdenklichkeiten kam auch die lebensbejahende Seite von Springsteens Liedkunst nicht zu kurz. „Because The Night“, „Hungry Heart“ und „Dancing In The Dark“ wurden sehr beseelt gesungen und erstaunlich subtil gespielt. Die Dampfwalze wurde dankenswerterweise nur bei „Glory Days“ und „Born In The U.S.A.“ in Betrieb genommen. Im Zugabenblock wurde es noch einmal spirituell. „We Are Alive“ beschwor die Geister der Toten, „Tenth Avenue Freeze-Out“ erinnerte an den verstorbenen Saxofonisten Clarence Clemons. Dann hatte es ein jähes Ende mit Springsteens spirituellem Verkündigungseifer. Mit dem rasanten Medley aus „Twist And Shout“ und „La Bamba“ lockte er vital ins Hier und Jetzt. Zum Ausklang gab es noch James Browns „The Boss“ aus der Konserve. Perfekt!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)
Bruce Springsteen: Zehn Fakten über den ''Boss''






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