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Dee Dee Bridgewater: "Alben wie eine Liebesaffäre"

15.07.2012 | 18:24 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Die gefeierte Diva bestreitet die Salzburger Jazzherbstgala zur Festspieleröffnung: Im Interview mit der "Presse" spricht sie über weibliche Idole, Emanzipation und Ray Charles.

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Die Presse:Wie kam die Musik der legendären Sängerin Billie Holiday in Ihr Leben?

Dee Dee Bridgewater: Eigentlich erst relativ spät. Mein erster Mann, der Jazztrompeter Cecil Bridgewater, hat mich näher mit ihrer Kunst vertraut gemacht. Später spielte ich sie sogar im Musical „Lady Day“, das 1986 und 1987 in Paris und London ein ziemlicher Erfolg war. Schon da wollte ich Billie Holiday als vielschichtige Frau zeigen, die nur am Rande mit den Stereotypen zu tun hatten, für die sie gewöhnlich steht. Die Frau war alles andere als ein Opfer.

Ihr Hommage-Album vor zwei Jahren nannten Sie „Eleanora Fagan to Billie with Love“. Wollten Sie damit Holiday von ihrem Image lösen?

Jedenfalls. Ich mag es nicht, wenn Holiday als drogenabhängige Masochistin dargestellt wird. Ihre Emotionen haben eine weit größere Bandbreite, als man gemeinhin annimmt. Sie war nicht das hilflose, stets traurige Wesen, als das man sie wegen ihrer Lieder sieht. Sie konnte sogar total lustig sein.

Billie Holiday spielte mit Saxofongranden wie Lester Young und Ben Webster, Sie angelten sich James Carter. Wie wichtig war er für das Album?

Sehr wichtig. Ich legte Wert auf jüngere Spieler. Carter ist ein brillanter Musiker, er spielt genauso gut traditionell wie frei. Und das Wichtigste: Er hat einen individuellen Ton.

Sie haben sich in der Vergangenheit auch näher mit anderen weiblichen Ikonen beschäftigt. Etwa mit Ella Fitzgerald und Josephine Baker. Warum?

Bei Ella Fitzgerald war es einfach die Tatsache, dass ich ihr als Sängerin wohl das meiste verdanke. Sie verband meisterhafte Technik mit viel Feeling. Josephine Baker fasziniert als erster weiblicher schwarzer Superstar. Ich weiß nicht, ob das eine Art Emanzipation war, aber es ermöglichte schwarzen Frauen überhaupt erst, ähnliche Karrieren zu verfolgen. Baker war weit mehr als nur eine Projektionsfläche für erotische Fantasien. Sie konnte Flugzeuge fliegen und spionierte sogar im Algerien-Krieg. Die Männer waren ihr verfallen. Das nannte man damals „Jungle Fever“.

Sie nahmen Ihren Liederzyklus „Red Earth“ in Mali auf, wo gerade islamische Gotteskrieger alte, heilige Stätten zerstören. Was sagen Sie dazu?

Das ist ein Horror. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass man so engstirnig sein kann und altes Kulturgut zerstört, weil man sich im Besitz der einzigen Wahrheit wähnt. So eine destruktive Verhaltensweise ist gegen die Werte, die der Koran kommuniziert. Man muss seine Ahnen und ihren Glauben respektieren. Das war ja auch eines meiner Ziele, als ich dort aufnahm: spirituellen Kontakt mit den Geistern meiner Vorfahren aufzunehmen.

Ihren Alben liegen meist wohldurchdachte Konzepte zugrunde. Ist das noch zeitgemäß?

Das frage ich mich manchmal auch. So viele Menschen haben nicht mehr die Passion, nicht mehr die Neugier, sich mit einem Songzyklus zu beschäftigen. Durch die digitale Technologie hat sich die Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft verstärkt. Da ist schnell einmal etwas runtergeladen, und genauso rasch verschwindet es im Mistkübel. An ein Album muss man sich aber behutsam herantasten. Es sollte wie bei einer Liebesaffäre sein. Auch wenn es manche nicht gern hören: Das Computerzeitalter bringt auch veritablen Kulturverlust mit sich.

Was war Ihre größte Illusion am Karrierebeginn?

Wohl die Vorstellung, dass Künstler per se mitfühlende Wesen seien. Als ich dann draufkam, dass manche Kollegen Musik vor allem machten, um an Frauen heranzukommen, war ich schon sehr enttäuscht. Ich dachte, alle Künstler wären Idealisten, aber sie sind meist doch nur durchschnittliche Menschen.

Sie haben mit sehr vielen interessanten Kollegen gearbeitet. Was war da Ihr Highlight?

Meine Zeit mit Ray Charles. Für etwa zwei Jahre durfte ich seinem inneren Kreis angehören und nahm auch mit ihm auf. Es war faszinierend, ihn zu beobachten, ihm zuzuhören. Er hat mir sehr bei meinem Durchbruch in Europa geholfen.

Rasieren Sie Ihren Kopf noch immer? Welche Art von Statement wollen Sie damit machen?

Es hat jedenfalls nichts mit den Folgen einer Chemotherapie zu tun. Und schockieren will ich auch niemanden. Spirituelle Überlegungen haben mich genauso dazu geführt wie eine gewisse Müdigkeit gegenüber all diesen Schönheitsprozeduren, denen man als Bühnenkünstlerin ausgeliefert scheint. Schon einmal, 1974, auf dem Cover meines ersten Soloalbums „Afro Blue“, hatte ich einen kahlen Kopf. Bereits damals wollte ich nicht, dass man als Frau über die Haare definiert wird. Wahre Schönheit kommt von innen. Sich den Schädel zu rasieren ist eine sehr befreiende Erfahrung.

Zur Person

Dee Dee Bridgewater wurde 1950 als Denise Garrett in Memphis geboren. Die Tochter eines Trompeters aus Dinah Washingtons Band strebte früh die Sangeskarriere an. Sie begann professionell bei Thad Jones und Mel Lewis mit Hard Bop und Swing, sang später auch auf dem Broadway in Musicals wie „The Wiz“. Sie trat mit Jazzgranden wie Sonny Rollins und Dexter Gordon genauso auf wie mit Fusionstars wie Roy Ayers und James Mtume.

Ihr erstes Soloalbum,„Afro Blue“, nahm sie 1974 auf, mit „Little B's Poem“ bescherte es ihr einen Langzeithit. Nach Ausflügen zu Rock und Disco orientierte sie Bridgewater ab den 1990ern zunehmend traditionell: Tributalben an Ella Fitzgerald, Duke Ellington und Billie Holiday trugen ihr zwei Grammys ein. Eine ihrer Töchter ist unter dem Künstlernamen China Moses auch international erfolgreich.

Live-Termin: 19.Juli im Salzburg Congress. Tickets: www.viennaentertainment.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

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