"Ich liebe Sänger, die eigentlich nicht singen können"

22.07.2012 | 18:17 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

The Gaslight Anthem, US-Punk-Indie-Band, veröffentlichen mit "Handwritten" ihr bislang am voluminösesten klingendes Manifest. An Ausverkauf denken sie dennoch nicht.

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Mitte der Fünfzigerjahre trug der amerikanische Dichter Allen Ginsberg erstmals sein bekanntestes Gedicht „Howl!“ vor. Das dreiteilige Poem spritzt so viel Gift wie die wildesten Rock-'n'-Roll-Songs, die damals aus den Radios brüllten. Was manchen bloß wie selbstbezügliche Glosse anmutete, war eine konzise Reflexion der Kultur der Beat Generation, die mit Jazz, Drogen und Literatur die Welt, wie man sie bis dahin kannte, aus den Angeln zu heben trachtete.

Popmusik und Popliteratur – sie gehen seither öfters Hand in Hand. „Howl!“ heißt auch ein Song auf „Handwritten“, dem vierten Album der aus New Brunswick stammenden Rockband The Gaslight Anthem. „Hey wake it up“, schreit Sänger Brian Fallon darin, „Does anything move you since you're educated now?“ Es ist dieser ewige Konflikt zwischen nobler Sublimation und der reuelosen Hingabe an archaische Impulse, der sich durch Songs wie diese zieht. Und Fallon hat je einen Fuß in beiden Territorien. Auf der Bühne kann er sich richtig fallen lassen. In der Lärmkathedrale, die ihm seine Jungs bei Konzerten bauen, singt er sich raukehlig in Rage, gibt das ungezügelte Rock-'n'-Roll-Animal. Zu Hause präferiert er das Kontemplative. Da liest er ganz kultiviert Eliot-Gedichte oder sinniert über frühere, bessere Dekaden der Rockmusik nach.

„Sängern muß man einfach glauben können“ räsonniert er. „Ich liebe die, die eigentlich nicht singen können: Bob Dylan, Tom Waits und Roger Daltrey.“ Während Schriftsteller wie Jonathan Lethem und Nick Hornby gerne über die in ihrem Werk deutlich erkennbare Popmusikaffinität plaudern, gibt sich Fallon schweigsam, was seine literarischen Präferenzen betrifft. Immerhin hat ihm Nick Hornby Einleitungsworte fürs neue Album geschrieben, in denen er The Gaslight Anthem dafür preist, sich furchtlos in die Traditionslinie Little Richard, Tom Petty und The Clash zu stellen und gleichzeitig zu lesen.

 

„Ohrfeigen“ gegen die Vereinsamung

Hornbys Fazit: „The Gaslight Anthem are my kind of people.“ Das neue Album wird ganz nach dem Geschmack des Briten sein. Es beinhaltet Lieder über die Magie von alten Single-Schallplatten, lobt Handschriftliches und schimpft auf den Zustand Amerikas. „National Anthem“ nennt sich Fallons sarkastische Abrechnung mit einem Lebensstil, der zu zunehmender Vereinsamung führt. Der Song, sagt Fallon stolz, ist „eine Ohrfeige für die Art, wie man heute in Amerika miteinander umgeht. Das System hat die Menschen auseinanderdividiert. Ich sah kürzlich ein Bild von zwei schmutzigen Kids, die in eine zerrissene US-Flagge eingehüllt waren – das war für mich das perfekte Sinnbild für die Zerschlissenheit unserer Gesellschaft.“ Kann man angesichts solcher Zustände dennoch eine Art Patriot sein? Fallon bejaht. „Da gibt es diesen alten Jackson-Browne-Song, wo er singt, dass er weder konservativ noch demokratisch, weder kapitalistisch noch kommunistisch ist, sondern einfach nur ein Patriot. So fühle ich mich auch.“ Und weil das so ist, nimmt er in seinen hemdsärmeligen Liedern nur selten Begriffe wie Freiheit oder Liebe in den Mund. „Das sind alles so große Worte. Es würde genügen, wenn man fair zueinander wäre.“

Und wenn es, wie im düsteren „Mullholland Drive“, nicht so ist, weil es vom Leiden an einer ambivalenten Liebe handelt, dann trägt es Fallon auch mit Fassung. „Egal wo man steht“, philosophiert er, „man muß seinen Traum stets weiterentwickeln.“

Die deutlich stadionrockfreundlichere Anmutung der neuen Lieder, war sie Strategie? „Nein. Dass uns Stars wie Bruce Springsteen für unsere letzten beiden Alben so gelobt haben, war nur kurz eine Belastung. Es kam der Moment, wo es uns egal wurde, weil wir dachten, wer uns wirklich liebt, wird mit uns wachsen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)

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7 Kommentare
Gast: silberwald
23.07.2012 22:47
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An Samir Koeck

Lieber Samir Koeck,
da Sie im ersten Absatz schon so gross daherrotzen, fordere ich Sie jetzt auf, Farbe zu bekennen:
Welche Gift spritzenden Rock 'n Roll Songs bruellten in den 50ern aus den Radios?
Vorsicht, Burscherl, wenn Sie was nur vom Hoerensagen kennen und danach nicht entsprechend recherchieren, dafuer aber gleich gross drauflosschreiben, geht's unwillkuerlich in die Hose!
Sie glauben jetzt, ich wuerde Sie nur provozieren wollen: Nein, aber mein Lieber, in den 50ern gab's noch gar keine Gift spritzenden Rock n' Roll Songs.
Und der Allen, den ich im Gegensatz zu Ihnen persoenlich kannte, hat das "Poem" (Koennen Sie denn nicht deutsch? Bei uns heisst das immer noch Gedicht, sein tut's aber deutlich mehr) nicht erstmals Mitte der 50er oeffentlich vorgetragen, er sagte immer, dass das eine nette Ente sei, aber nicht der Wahrheit entspreche ...

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Beste Rockband

der Geenwart!

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Re: Beste Rockband

Gegenwart

Gast: silberwald
22.07.2012 23:11
0 1

Wie bitte?

Also bei aller Sympathie den grossen Nicht - singen - koennenden - Saengern gegenueber, aber Roger Daltrey da dazuzurechnen zeugt einfach von gewaltiger Dummheit, Unkenntnis.
Ich weiss nicht, was diese Intelligenzbestie vor dem Interview geraucht hat, aber es war in jedem Fall zuviel!

Re: Wie bitte?

Häh? Mein Hörgerät schnappt gleich über!

Re: Wie bitte?

Darf er denn das? Hat er eine Bewilligung dafür? Wer hat ihm die Revolution erlaubt? In Schônbrunn und Grinzing hätt's das früher nicht gegeben.

Antworten Antworten Gast: bluejeansandwhitetshirts
23.07.2012 14:32
0 0

Re: Re: Wie bitte?

einer der nicht an die evolution glaubt, hat keine revolution zu starten.

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