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Konzert in Wien: Es ist ein Kreuz mit Madonna

30.07.2012 | 16:35 |  Von Thomas Kramar (DiePresse.com)

Mit viel Verspätung ließ die Starsängerin im schwach gefüllten Praterstadion ihre Show abrollen: ein heillos überladener Zirkus der Zitate und Symbole.

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Ja, auch das viel debattierte Hakenkreuz blinkte kurz auf, auf Madonnas Stirn oder auf der von Marine Le Pen, so genau konnte man das nicht sehen. Sakral oder säkular, links oder rechts, politisch oder postpolitisch, fix oder foxy, vor Madonna ist kein Symbol sicher. Das Kreuz schon gar nicht: Auf dem, unter dem sie zu Beginn ihrer aktuellen Show mit ihren Tänzern rangelt, steht dort, wo man anderswo „INRI“ liest, „MDNA“. Das soll die DNA, den Markenkern der Marke Madonna bedeuten, und das könnte man als geistreiche Provokation verstehen, wenn in dieser Show irgendetwas den Eindruck vermitteln würde, dass so etwas wie ein Gedanke dahinterstünde.

Aber nein, da steht nichts. Man muss sich nicht überlegen, wie das christliche Beichtgebet und die jüdische Sabbathymne „Lecha Dodi“ in dem düster dräuenden Eröffnungsstück zusammenpassen. Man muss nicht darüber grübeln, wieso die Hotelzimmer-Gewaltorgie in „Gang Bang“ just unter dem riesigen Kreuz stattfinden muss, wieso Madonna sich in „I'm A Sinner“ unter dem Beistand von indischen Yogis zur reulosen Sünderin erklärt, wieso sie gleich danach „Like A Prayer“, in dessen Video einst die Kreuze brannten, als (wirklich eingängiges) Spiritual mit Nonnenchören inszeniert . . .

Wetten, dass sie es selbst nicht weiß. Dass sie als Produkt einer strengen katholischen Erziehung es halt irgendwie geil findet, ihren Zirkus mit religiösen Anspielungen aus allen Glaubensrichtungen vollzustopfen. Zu diesem haltlosen Synkretismus passt das ästhetische Chaos: Von Gotik zu Gothic, von Pop-Art zu Neo-Geo, jeder auf dem freien Markt erhältliche Stil muss her.
Das Utensil, das man im Praterstadion mit Abstand am längsten sah, war übrigens passenderweise ein riesiges Weihrauchfass, das über der Bühne baumelte, bis die Show endlich begann. Mit 70 Minuten Verspätung. Die sich vielleicht dadurch erklären lassen, dass Madonna etwas ungnädiger Laune war, weil das Stadion durchaus nicht gut gefüllt war. Oder weil sie sich an das „exklusive“ Konzert vor drei Tagen in Paris erinnerte, das sie nach vielen Buhrufen vorzeitig abgebrochen hatte.

Weltverbesserung und Sadomaso

Das seien eben keine richtigen Fans gewesen, erklärte sie in Wien mit ehrlicher Empörung: „With my complete heart and soul, 300 percent“ erledige sie stets ihren Job, den sie so beschrieb: „Überall, wo es dunkel ist, muss ich Licht bringen.“ Dieser im Wortsinn luziferischen Mission möge sich auch das Publikum widmen: „It's your job to bring the light, to change the energy, to make the world a better place!“

Wer wollte dem widersprechen? Über diesen (in den Achtziger- und Neunzigerjahren gern betrampelten) Gemeinplatz geht der Glaubensinhalt Madonnas auch kaum hinaus. Dazu kommt nur ihr wichtigster Imperativ: Man möge sich selbst ausdrücken, ausleben. „You punished me for telling you my fantasies“, singt sie in „Human Nature“. Die Fantasien, die sie meint, sind offensichtlich großteils sadomasochistisch gefärbt: Sie lässt sich fesseln, befreit sich, lässt sich fesseln, erschießt den Fessler, lässt sich fesseln, zeigt ihren Hintern, . . . „No fear“ stand dabei auf ihrem Rücken, und man wollte ihr schon zurufen: Nein, Madonna, wir fürchten uns nicht vor Ihnen, und, ja, Sie sind noch gut beieinander, Respekt und Kompliment!
Komplimente ob ihrer gut gepflegten Muskelmasse und ihrer Geschicklichkeit verdienen auch die Tänzer. Die von Madonna zu diversen Dienstleistungen herangezogen wurden und sich auch in verschiedensten Kutten bewährten. Vorbildlich flexibel, Burschen, so bringt man Licht ins Dunkel.

Noch ein paar Worte zur Musik? „Like A Virgin“ funktioniert als langsamer Walzer gut (und erlaubt Madonna, sich ausgiebig zu räkeln), „Masterpiece“ ist ein wohlig weiches Stück Kitsch, „Vogue“ sticht durch kluge rhythmische Variationen heraus, „Express Yourself“ ist einfach unwiderstehlich. Der Techno-Pop in den neueren Songs ist durchaus nicht schlechter als das, was man in den Hitradios sonst hört. Wenn er, wie manche beklagen, „seelenlos“ sein soll, passt das: zur erschreckenden Geistlosigkeit dieses Zirkus. 300-prozentig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31. Juli 2012)

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97 Kommentare
 
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Gast: Alien (Dauerzensuriert)
30.07.2012 08:58
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Madonna als Heavy Metal?

Das ist ja, als ob man Beethovens Fünfte als liebliches Lautenkonzert bezeichnen würde. Haben denn diese APA-Kopierer überhaupt keine Ahnung? Lautstärke allein macht doch kein Heavy Metal aus!

Re: Madonna als Heavy Metal?

Was wohl Metallica, Ozzy, Rammstein, Stone Sour & Co dazu sagen, wenn sie mit Madonna verglichen werden? ;)


Re: Madonna als Heavy Metal?

Wie recht Sie haben!

Man könnte es vielleicht noch als Techno bezeichnen, aber Heavy Metal war das auf jeden Fall nicht.

Gast: Heinz & Irina
30.07.2012 08:41
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Madonna in Wien

tja, was soll man da sagen, wenn man zu einem Musik-Konzert geht, erwartet man eigentlich nicht eine dramatische Video-Show mit Brutalo-Scenen "bester" Ami-Massen-Serien-Manier.
Aber man erwartet ja auch nicht, auf den Star des Abends mal erst über 1 Stunde warten zu müssen... ohne jeden Kommentar läßt man die Zuschauer die Zeit sozusagen aussitzen und das zu gepfefferten Preisen.
Facit: Sollte die Lady nochmals zum Abkassieren erscheinen, werden wir nicht dabei sein!

Antworten Gast: Paul80
30.07.2012 09:13
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Re: Madonna in Wien

Dann wohl besser das nächste mal zu Andrea Berg!

Antworten Antworten Gast: Berlin-Besucher
01.08.2012 15:42
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Re: Re: Madonna in Wien

Nichts gegen Andrea Berg. Die ist voll hart im Geschäft und besingt ihr Privatleben genauso hart wie Madonna ;-)

Ich würd´ jederzeit wieder zum Madonna Konzert gehen. Ich hatte richtig, richtig Spaß daran.

Antworten Antworten Gast: xxxxxxxxxx
30.07.2012 16:26
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Re: Re: Madonna in Wien

gwandmässig sind die beiden nicht weit auseinand.....

Antworten Antworten Antworten Gast: paul80
30.07.2012 16:58
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Re: Re: Re: Madonna in Wien

Ich nahm auch nicht an dass Sie den Unterschied zwischen Gaultier und Kik erkennen!

Unsicher und verletzlich

Ich war gestern auch beim Konzert und mir ist vor allem eines aufgefallen:

Madonna ist trotz all ihren Jahren des Ruhmes und Erfolges eine immer noch sehr unsichere und verletzliche Frau mit einem religiösen Trauma, das sie immer und immer wieder verarbeiten muss. Die Rede, die sie gehalten hat (Es gibt Leute im Publikum, die sie nicht unterstützen und keine Fans von ihr sind. Sie sei dazu da, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und das Licht zu bringen und sie wünscht sich, dass alle anderen das auch tun und damit alle negativen Stimmungen in positive verwandeln) zeigte deutlich, dass schlechte Kritik oder Buhrufe Madonna immer noch verletzen. Auch Kampfansagen wie "I give a shit" brachten das wieder hervor - denn wenn einem etwas wirklich egal ist, muss man es nicht thematisieren.

Sie ist sehr perfektionistisch, deshalb verlangt sie sich, ihrem Körper und auch all den anderen Leuten in ihrem Umfeld alles ab.

Ich fand die Show atemberaubend. Mir gefiel die Inszenierung mit ihren Videos, Tänzern, Trommlern und der Lichtshow, ich hatte mir schon erwartet, dass die Show sehr techniklastig und vor allem fürs Auge konzipiert sein wird. Die Kostüme fand ich diesmal auch ganz in Ordnung, es war nichts allzu Peinliches dabei. Auch der Gesang war in Ordnung.

Gut, sich bis auf BH und Stringtanga auszuziehen und ihren Hintern zu präsentieren war jetzt nicht unbedingt notwendig, aber immerhin hat Madonna einen sehr durchtrainierten Körper, an dem nichts hängt oder schwabbelt.

Re: Unsicher und verletzlich

gut, dass es endlich jemand auf den punkt bringt, die kurze rede fand ich super und man sie auch problemlos gut verstanden.

das mit dem bh - das ist halt madonna. ich fand es ästhetisch.

Antworten Antworten Gast: Rater
30.07.2012 11:44
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Re: Re: Unsicher und verletzlich

Macht ja nichts, heutzutage hat auch gegen Gerontophilie niemand wer was.

Antworten Gast: Heinz & Irina
30.07.2012 09:55
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Re: Unsicher und verletzlich

...danke für die Übersetzung der sogenannten Rede, die dank in erster Linie sehr lauten Technik nicht überall zu verstehen war. Wie man eine Welt mit brutalem Verhalten friedlicher machen will? Sagt das ihre Religion? Sie scheinen sie ja besser zu kennen, wenn man das so liest, kennen Sie so gar ihre Gefühle.
Wenn sie so verletzlich ist, sollte sie vielleicht mal bei sich nach den Gründen suchen, denn schlechte Kritiken werden nciht aus dem Ärmel gezogen... Paris buhte sie aus und hier habe ich in der Stunde Wartezeit auch viele Pfiffe und Buhrufe gehört. Aber wahre Fans ertragen die Marotten sicherlich geduldig und verzeihen alles.
Wer ich keiner werden!

Gast: Meister Popa
30.07.2012 08:14
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Ich war dabei

Ich bekam geschenkte Karten geschenkt und da sind wir halt hingegangen. Langer Rede, kurzer Sinn: Zehennägel schneiden vor dem Fernseher wäre aufregender gewesen. Unerträglich, was die zusammengepiepst hat. Mittendrin sind wir abgehauen.

das konzert war großartig

ich war auch vor vier jahren und war extrem enttäuscht - wenn ich die karten diesmal nicht geschenkt bekommen hätte wäre ich gar nicht gegangen. aber was gestern geboten wurde war wirklich sehr gut.

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Gut mit Obama?

Diese plumpen Versuche durch Bilder Deutschland und die Wähler in Frankreich zu diskreditieren sind das Letzte.
Es ist nicht unbedingt ein Zeichen für Demokratie wenn Künstler sich an die Politik verkaufen (berühmte Beispiele hat es ja schon gegeben).

Antworten Gast: K. Kunzt
30.07.2012 08:11
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Re: Gut mit Obama?

Wie können Sie es wagen, Madonna in einem Atemzug mit Künstlern zu nennen. Diese Omi ist eine unbegabte Schlagersängerin, sonst nichts. Von einem Künstler ist die so viele Kilometer entfernt wie ich von einem Schriftsteller, nur weil ich hier ein paar Zeilen poste.

Re: Re: Gut mit Obama?

Unsinn. Madonna ist eine der vielseitigsten zeitgenoessischen Kuenstlerinnen. Wenn man ihre Bandbreite mit unseren Staatskuenstlern vergleicht, die seit 40 Jahren dasselbe Bild malen, nein schuetten ...

Peinlich, dass dieselbe Formulierung auch

im Standard zu lesen ist.

Re: Peinlich, dass dieselbe Formulierung auch

Noch peinlicher ist, dass Sie anscheinend die Angabe unter dem Artikel nicht gelesen haben:

(Wolfgang Hauptmann/APA)

Re: Re: Peinlich, dass dieselbe Formulierung auch

Und absolut peinlich: das gerade "Die Presse" es nicht wert findet, einen eigenständigen Bericht über eines der angeblichen Konzerthighlights des Jahres zu verfassen, indem sie einen eigenen Journalisten zum Konzert geschickt hätte. Das enttäuscht mich am meisten. Ich habe den selben Artikel schon zuvor unter gmx.at gelesen. Habe aus diesen und ähnlichen Gründen schon vor einiger Zeit mein Print-Abbo gekündigt.

Re: Re: Re: Peinlich, dass dieselbe Formulierung auch

die kündigung werde ich in baldiger zeit auch durchführen, da es peinlich ist, bei solch einem konzert nicht selbst einen artikel zu schreiben. ähnelt ja fast der kronen-zeitung!

Antworten Gast: presseagentur
30.07.2012 07:45
0 0

Re: Peinlich, dass dieselbe Formulierung auch

APA?

 
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