In Moskau hat die Hauptverhandlung im international kritisierten Prozess gegen Mitglieder der regierungskritischen Punkband Pussy Riot begonnen. "Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!", für diesen Liedtext droht den drei Sängerinnen eine mehrjährige Haftstrafe. Zum Auftakt am Montag erklärten Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch ihre Unschuld.
Sie äußerten aber zugleich Bedauern, falls ihr in einer orthodoxen Kirche aufgeführtes "Punk-Gebet" gegen den damaligen Premier und heutigen Präsidenten Wladimir Putin Gläubige verletzt habe. Ihre Anwältin Violetta Wolkowa verlas handschriftliche Erklärungen der Frauen: Der Auftritt sei "ein verzweifelter Versuch" gewesen, "um das politische System zu ändern", hieß es in der Erklärung Tolokonnikowas in dem live im Internet übertragenen Verfahren.
Die Staatsanwaltschaft wies Vorwürfe eines politischen Prozesses hingegen strikt zurück. Die von langer Hand geplante Aktion habe die Gefühle der Gläubigen verletzen sollen. Die Frauen beantragten mehr Zeit, um sich mit den 3000 Seiten Ermittlungsakten vertraut zu machen. Richterin Marina Syrowa lehnte die Forderung ab, auch den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill als Zeugen vorzuladen.
"Eine recht ernsthafte Prüfung"
Der russische Ex-Präsident und derzeitige Regierungschef hat im Zusammenhang mit dem in Moskau begonnenen Prozess gegen Mitglieder der Punkband Pussy Riot zu Gelassenheit aufgerufen. Die Tatsache, dass die jungen Frauen jetzt im Gefängnis sind, "ist eine recht ernsthafte Prüfung für sie und ihre Familien", sagte Dmitri Medwedew gegenüber der "Times" (Montagausgabe). "Das Wichtigste aber: Wir müssen den Abschluss der Ermittlungen und das Gerichtsurteil abwarten. Erst danach wird man sagen können, ob ein Verbrechen begangen wurde oder nicht."
"Punk-Gebet" in Erlöser-Kathedrale
Die Frauen im Alter zwischen 22 und 29 Jahren waren nach einem "Punk-Gebet", das sie Ende Februar in der Moskauer Erlöser-Kathedrale aufgeführt hatten, im März 2011 verhaftet worden. Die maskierten Musikerinnen hatten dafür gebetet, dass Russland von dem damaligen Premier und jetzigen Präsidenten Wladimir Putin erlöst werden möge. Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) - beide sind Mütter - sowie Jekaterina Samuzewitsch (29) sind angeklagt, an den Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche gerüttelt zu haben. Bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu sieben Jahre Haft.
VIDEO: Pussy Riot vor Gericht
"Sie müssen keine Verantwortung tragen"
Medwedew räumte ein, dass der Fall Aufmerksamkeit errege, "weil er an unserem Verständnis von Rechten und individueller Freiheit rührt". Und er setzte laut Nachrichtenagentur RIA Novosti fort: "Es scheint mir, dass es immer Unterschiede in der Auffassung geben wird, was in moralischer Hinsicht tragbar ist und was nicht, und wo moralische Vergehen zu strafbaren Handlungen werden. Das Gericht muss eben feststellen, ob diese strafbaren Handlungen vorliegen oder nicht." Liege eine solche nach Ansicht des Gerichts nicht vor, so "haben die Teilnehmerinnen der bekannten Aktion Glück: Sie wurden berühmt, müssen aber keine Verantwortung tragen."
Käfighaltung im Gerichtssaal
Die Frauen wurden am Montag im selben Gerichtssaal vorgeführt, in dem auch die Verhandlung gegen den Putin-Kritiker Michael Chodorkowski stattfand. In dem voll besetzten Saal im Bezirksgericht Chamownitscheski verfolgten die drei angeklagten Frauen, eingesperrt in eine Box aus Plexiglas, wie Richterin Marina Syrowa den ersten Verhandlungstag nach mehreren vorangegangenen Anhörungen eröffnete.
Solidarität aus allen Richtungen
Bei der Aktion habe es sich um einen Protest gegen die zunehmend autoritären Tendenzen im Land gehandelt, hieß es in einer vor Gericht verlesenen Erklärung der seit fast fünf Monaten inhaftierten Frauen. Pussy Riot sei eine politische Band, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung nutze. Es sei nicht Ziel gewesen, religiöse Gefühle zu verletzten, las Verteidigerin Violetta Wolkowa vor. Der aufsehenerregende Prozess, in dessen Vorfeld auch mehrere Unterstützer der Künstlerinnen festgenommen wurden, wird vom Justizministerium live im Internet übertragen.
"Schauprozess" zur Einschüchterung
Menschenrechtler kritisieren das Verfahren als politischen "Schauprozess" zur Einschüchterung der Opposition. Unterstützer riefen vor dem Gebäude "Freiheit für Pussy Riot". "Das ist politische Vergeltung und Rache", sagte der frühere Vizeregierungschef und Regierungskritiker Boris Nemzow. Menschenrechtler und andere Musiker wie Sting und die Red Hot Chili Peppers haben sich über den Prozess besorgt gezeigt. Amnesty International forderte die Freilassung der Frauen. (>> Solidarität mit Pussy Riot) Die Musikerinnen hätten ihre politischen Überzeugungen friedlich kundgetan. Die Frauen sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt.
(APA/AFP/dpa/RIA)
Pussy Riot: Die Chronlogie der Ereignisse







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