Am Ende war das Publikum einigermaßen lädiert. Die höchst prätentiösen Arrangements, die permanent die gesamte Musikgeschichte zitieren wollten, ermatteten. Für einen vitalen Schlussapplaus reichten die Kräfte der zumeist jungen Fans dieser vor der Zeit gealterten Band nicht. Bon Iver kamen trotzdem noch einmal und machten mit „The Wolves (Act I and II)“ da weiter, wo sie mit dem langatmigen „Beth/Rest“ im regulären Set aufgehört hatten.
Es war wohl genau dieser betont kunstsinnige Ansatz, der möglichst viel Bildungsballast in jeden einzelnen Song packte, der Bon Ivers zweitem Album zu einem Grammy in der Sparte „Best Alternative Music Album“ verholfen hatte. Doch was bedeutet alternativ im Jahr 2012? Kann es wirklich sein, dass das Aufblähen von musikalischen Nichtigkeiten mit einem Gestus à la späte Pink Floyd wieder als gangbarer Weg gesehen wird?
Muss Popmusik trotz etlicher Soundrevolutionen immer wieder zu kleinbürgerlichen Werten zurückkehren? Die kunstvoll verzitterten Ergüsse des Songwriters Justin Vernon gemahnen an schlimme Zeiten. Dem schon erfahreneren Jugendlichen fallen zu solch eckigen Sounds Schreckenscombos wie Genesis, Gentle Giant und King Crimson ein, Klangkollektive, deren unbedingtes Kunstwollen Schmerzen beim Hörer einkalkulierte.
Betont kompliziertes Vergnügen
Noch schlimmer: Die Erzeugnisse solcher Bands endeten nicht selten im gymnasialen Musikunterricht. Ungeachtet all dieser Einwände schien die reichlich in der Arena anwesende bourgeoise Wiener Boheme einen veritablen Distinktionsgewinn daraus zu ziehen, dass Bon Iver ein eher komplizierteres Vergnügen sind. Mit zwei Schlagzeugern und einer Bläsersektion unter der Leitung von Colin Stetson war man angereist. Die davon erhofften Energieschübe blieben leider aus. Der Abend war geprägt von flächigen Texturen und häufigem An- und Abschwellen pathetischer Motive. Es gab Momente, in denen schönste Melodien aufblitzen, etwa in „Wash“, das sich kurz zu einer Ekstase der Traurigkeit aufbäumte. Letztendlich mündete das Schöne doch wieder nur in unersprießlichem Klangchaos.
Bon Ivers Vorstellung von Progressivität ist unerträglich antiquiert. Also konzentrierte man sich auf die Momente, in denen sie davon abließen. In ihrem einzigen wirklichen Hit „Skinny Love“ etwa, einem gelungenen Stück Falsettfolk. Auch das verschämte Liebeslied „Michicant“ und das mit hübscher elektronischer Stimmverfremdung tändelnde „Woods“ hatten Charme. Über weite Strecken fühlte man sich aber beschwert, wie der Protagonist von „Towers“, dessen Geliebte auf seinem Brustkorb turnt. Und doch flehte der Sänger: „Don't you climb down.“ So viel Schmerzenslust sollte man nicht bei allen Fans voraussetzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2012)
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