Malmö. Die hässliche Version klingt so: Der Eurovision Song Contest (ESC) macht im kommenden Jahr Station in einer charmelosen Mehrzweckhalle am Rand einer schwedischen Kleinstadt, die von Kriminalität und Segregation heimgesucht ist. Das ist die Lesart, die nun vor allem die Stockholmer verbreiten, die sauer darüber sind, dass das nächste Schlagerfestival 600 Kilometer weiter südlich stattfindet: in Malmö.
Wer sich dort umhört, bekommt eine andere Geschichte erzählt. „Der ESC passt genau zu uns“, jubelt Malmös Touristikchef Johan Hermansson, und wenn man ihm noch professionelle Voreingenommenheit ankreiden kann, dann verschwindet die Skepsis spätestens bei einem Bummel durch die Innenstadt. Malmö ist tatsächlich die „gemütliche, freundliche, kleine Stadt“, die Hermansson anpreist.
„Wir freuten uns riesig“, als ihre Stadt den Zuschlag bekam, „das gibt uns die Chance, ein ganz neues Bild von uns zu zeigen“, sagt Zinaida Kajevic, die mit ihren Eltern vor 20 Jahren aus Serbien geflohen ist. Sie ist typisch für Schwedens drittgrößte Stadt. Mehr als 40 Prozent der 300.000 Einwohner sind entweder außerhalb Schwedens geboren oder haben Zuwanderer als Eltern. Mit den 42 Staaten, die am ESC teilnehmen, kann man in Malmö niemandem imponieren. Hier stammt die Bevölkerung aus 175 Ländern. „Malmö ist eine wirklich kosmopolitische Stadt geworden“, sagt Heidi Avellan vom führenden Regionalblatt „Sydsvenskan“. Im Stadtteil Rosengård sind 86 Prozent der Bewohner ausländischer Herkunft, die Beschäftigungsquote liegt bei 38 Prozent. Ein paar Kilometer entfernt in Linhamn besteht der Ausländeranteil vor allem aus Dänen, die sich hier angesiedelt haben, weil die Wohnungen billiger sind als drüben in Kopenhagen. Von Rosengårds Problemen ahnen sie wenig.
Verbrechensrate wie in Stockholm
Doch als Laureen, die schwarzhaarige Schwedin mit den marokkanischen Wurzeln, in Baku den diesjährigen Grand Prix gewann, „saß ich mit meinen Freunden in Rosengård und jubelte, genauso wie alle anderen in Schweden“, erzählt Sedat Arif, der für die Sozialdemokraten in den Einwandererghettos politische Kampagnen führt. Auch er sieht den Songcontest als Möglichkeit, die negativen Schlagzeilen zu brechen. Malmö wird von Bandenkriminalität geplagt, doch die Verbrechensstatistik ist nicht beunruhigender als die von Stockholms mondäner Innenstadt. In manchen Teilen Malmös herrschten „Scharia-Gesetze“ statt der schwedischen Regeln, behaupten die Gegner der liberalen Zuwanderungspolitik. „Die, die so reden, kennen unsere Stadt nicht,“ erwidert Arif. Niemand rechnet mit muslimischen Protesten gegen die Schwulenszene, die den ESC dominiert. Das Festival soll als „inkludierendes Ereignis“ gefeiert werden, bei dem sich alle wohlfühlen.
„Wir haben den Grand Prix bekommen, weil wir ein Produkt haben, in dem die Halle, die Stadt und die Region zusammenspielen“, sagt Linda Leeman, Musikproduktionschefin der „Malmö Arena“. Die Halle liegt in der Einöde, aber sie ist ans Nahverkehrsnetz angebunden: drei Minuten durch den neuen „Citytunnel“ in die Innenstadt, zehn über die Öresundbrücke zum Kopenhagener Flughafen. „Malmö war immer eine Stadt im Schatten anderer“, sagt Heidi Avellan. „Jetzt wird sie selbst zur Attraktion.“ Und im Mai 2013 bekommt sie auch noch den Grand Prix d'Eurovision. „Der ist genau das, was wir immer schon haben wollten“, frohlockt Johan Hermansson.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)
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