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Der Graf: "Ich habe mich lange versteckt"

11.08.2012 | 18:01 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Unheilig sind der Gothic-Szene längst entwachsen. Was als Underground begann, tobt heute in Stadien. "Die Presse am Sonntag" traf Mastermind "Der Graf".

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George Orwell sagte einmal, jedes Leben sei von Innen betrachtet nichts als eine Serie von Niederlagen. Gilt das auch für Deutschlands derzeit erfolgreichsten Musiker?

Der Graf: Keinesfalls. Es gab natürlich auch zahlreiche Niederlagen, aber ich betrachte die Dinge positiv. In meinem Bewusstsein bleiben eher die kleinen Siege haften. Manchmal dauert es eine Zeit, bis einem gewisse Mühseligkeiten überhaupt als Siege bewusst werden.

Vom Hörgeräteakustiker zum Musiker – wie weit war dieser Weg?

Der war weit. Von Kindheit an Stotterer habe ich mir damals schon in den Kopf gesetzt, Musiker zu werden. Ich drückte meine Trauer, meinen Zorn schon früh in Tonfolgen aus. Aber die Art von Musik, die ich machen wollte, die konnte man nicht so direkt studieren. Mein großer Traum war ein eigenes Studio. Das wollte ich mir verdienen. Zunächst bei der Bundeswehr, dann eben als Hörgeräteakustiker. Der Beruf gab mir eine gewisse Sicherheit.

Sie begannen in kleinen Clubs. Mittlerweile füllen Sie Stadien. Wie schwierig ist dort die Kommunikation mit dem Publikum?

Die Verbindung zum Publikum ist natürlich auch im Stadion herstellbar. Das kann mühsam sein, aber wenn man die einmal hat, dann ist das Erlebnis gigantisch. Und trotzdem weiß ich nicht, was ich lieber habe, haben doch kleine Clubs meist viel Charme.

Wenn ein Künstler endlich Massen anzieht, dann fangen die frühen Fans oft zu mäkeln an. Haben Sie sich bewusst von Ihren Anfängen in der Gothic-Szene emanzipiert?

Nein. Die künstlerischen Entwicklungen passieren ganz allmählich. Das merkst du oft selbst nicht so. Ich habe mich nie von mir selbst abgewandt. 2009 spielten wir „Große Freiheit“ ein. Ich hatte eine kleine Tour damit geplant. Dass wir mit diesem Album so einen Erfolg haben werden, war nicht voraussehbar. Es haben sich dann einige Leute aus der Gothic-Szene aufgeregt. Ich fand diese Kritik ungerecht. Bei Unheilig-Konzerten sind aber die ersten Reihen immer noch ganz schwarz. Das hat mich beruhigt nach diesen vielen Nörgeleien.

Bei Ihrem aktuellen Opus „Lichter der Stadt“ schimmert viel Melancholie durch. Wie sehr ist die unserer krisenhaften Zeit geschuldet?

Es wäre schwer, völlig am Zeitgeist vorbei zu agieren. Viel wichtiger für die neuen Lieder war aber, dass ich ab 2010 Anfragen aus Hospizen und Spitälern bekam, von Menschen, die mich knapp vor ihrem Tod live hören wollten. Ich kam dieser Aufgabe gerne nach. Es war eine Zeit intensivster Eindrücke. Auf „Lichter der Stadt“ schrieb ich mir einige dieser Erfahrungen von der Seele. Es ist mein bislang persönlichstes Album.

Lieder emanzipieren sich von ihrem Schöpfer. „Geboren, um zu leben“ wird in Deutschland häufig bei Begräbnissen gespielt, andererseits gibt es auch eine Schlümpfe-Remix-Version davon. Wie geht man mit so etwas um?

Das ist schwierig, weil der Tod eines Freundes Auslöser für dieses Lied war. Es wurde oft parodiert, auch von Otto Waalkes. Wichtig ist, dass die darin ausgedrückte positive Grundhaltung zum Leben kommuniziert wird. Das ist das Vermächtnis meines Freundes. In diesem Lichte besehen kann ich sogar die Schlumpf-Version akzeptieren.

Im Lied „Herzwerk“ kommt so etwas wie eine Nostalgie betagter Zukunftsvorstellungen auf. Was fasziniert Sie an Utopien, die in die Jahre gekommen sind?

In diesem Lied spiele ich mit kontrastreichen Bildern, wie man sie aus Filmen wie „Metropolis“, „1984“ und „Lichter der Großstadt“ kennt. Es handelt vom Eintritt eines kleinen Jungen vom Land in den urbanen Dschungel. Vom Vogelgezwitscher zu den Fabrikssirenen, vom Idyll der Geborgenheit zum permanenten Alarm in der Großstadt, reflektiert es auch meine persönliche Entwicklung vom einsamen Tüftler zu einem Musiker für die Massen.

Ein wenig monomanisch sind Sie aber doch, schließlich ist Unheilig im Grunde ein Ein-Mann-Unternehmen. Warum?

Ach, ich habs doch auch anders probiert, bloß die Musiker hatten nicht den langen Atem, den ich habe. Die meisten wollten bloß schnell Geld verdienen. Wenn die Kohle dein vorrangiges Ziel ist, egal ob als Musiker oder in einem anderen Beruf, dann bist du zum Scheitern verurteilt. 2002 hab ich eingesehen, dass ich nur alleine weiterkomme.

Ihr etwas älterer Song „Der Himmel über mir“ schlug kirchenkritische Töne an. Wieso?

Ich bin ein sehr gläubiger Mensch, aber ich brauche keine Religion, die mir Ge- und Verbote oktroyiert und mir Rituale einredet, damit ich Gott vermeintlich näher wäre. Aus dieser Einstellung rührt auch der Name Unheilig. Ich akzeptiere aber, dass andere Menschen Religion als Brücke zu Gott brauchen.

In Europa spielt die Religion des Geldes derzeit vielleicht eine größere Rolle. Was halten Sie von den oft unergründlichen Orakeln der Börse?

Dass man in den letzten Jahren in jeder Nachrichtensendung mit den neuesten Börsenindizes zugedröhnt wird, lässt mich ratlos zurück. Mir fehlt das Hintergrundwissen. Ich bekomme nur ein komisches Gefühl dabei. Und ich hoffe eben wie alle, dass das, was man verdient hat, auch etwas wert ist.

Bei Ihren Auftritten haben Sie Ihren kühnen Subkulturhabit gegen einen schlichten, grauen Anzug eingetauscht. Warum?

Ich habe mich lange hinter Maske, Kutte, Stiefeln, schwarzen Fingernägeln und weißen Augenlinsen versteckt, weil ich im Grunde ein sehr zurückhaltender Mensch bin. Mit einem Sprachproblem in der Öffentlichkeit zu stehen, ist nicht so einfach. Meine Fans haben mir über die Jahre geholfen, mich zu öffnen. Während ich früher nur böse geschaut habe, kann ich jetzt auch lächeln.

Im Song „Tage wie Gold“ haben Sie einen Fan-Chor eingesetzt. Wie kam das?

Wenn Menschen gefragt werden, was ihre beste Zeit war, dann blicken sie meist weit zurück. Für mich sind aber die letzten Jahre die besten. Das wollte ich einfangen, indem ich diesen Dialog zwischen mir und den Fans in einem Song verewige. Ein Lied entsteht ja im Grunde nicht im Studio, sondern eigentlich erst live mit dem Publikum.

Zur Kraft der Musik zählt, dass sie eine gewisse Heilkraft hat. Wie erleben Sie das?

Musik kann vieles auslösen, auch Heilprozesse, und nicht nur beim Hörer: Musik hat mir die Sprache wiedergegeben. Wenn ich singe, stottere ich nicht.

Zur Person

Der Graf: Pseudonym des Sängers und Komponisten von Unheilig. Sein Alter ist unbekannt. Nach Kirchenchor und Schule war er als Zahntechniker, Zeitsoldat und Hörgeräteakustiker tätig.

2000:Gründung von Unheilig mit dem Produzenten José Alvarez-Brill und Grant Stevens.

2001: Debütalbum. Mischung aus Elektronik und Gothic Rock.

2006: „Moderne Zeiten“, 5. Unheilig-Album, erstmals in deutschen Charts.

2010: Mit „Große Freiheit“ Durchbruch zum großen Publikum. Siebenfach-Platin in Deutschland. In Österreich war es 23 Wochen auf Platz 1, länger als jedes Grönemeyer-Album. Mehr als 1,5 Millionen verkauft.

2012:Unheilig in Österreich:
24.8. Graz/Messe; 25.8. Linz/TipsArena; 26.8. Wiener Stadthalle

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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