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Musikalische Frischzellenkur in Mörbisch

17.08.2012 | 09:05 |  SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Tom Jones – der ehemalige Fabrikarbeiter mit der mächtigen Stimme – sorgte mit einem bunten Mix aus Hits und Raritäten für viel Jubel auf der Seebühne.

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Ein „Operette sich, wer kann!“ (©Michael Heltau) haben nur die Ungnädigsten auf den Lippen, wenn sie der riesigen Lehár- und Strauss-Partituren am Flughafen Wien ansichtig werden. Tom Jones zählt gewiss nicht zu ihnen, schließlich lebt er die Operette seit Jahrzehnten und hatte an diesem Abend auch einen Termin auf der Serafin'schen Seebühne zu Mörbisch. Dort hatten sich schon Playboys aller Leistungs- und Mädchen aller Altersstufen versammelt, um gut gelaunt die Verwandlung des 72-jährigen ehemaligen Fabrikarbeiters in einen wohlig schnurrenden, dann gefährlich grollenden Tiger zu erleben. Neben seinem angenehm dezenten Schmäh und den elastischen Tänzeleien ist es vor allem seine nach wie vor mächtige Stimme, die Tom Jones live zum Erlebnis machen.

Schon in seinen ersten Schuljahren, als er noch Tom Woodward gerufen wurde, stellte diese seine Lehrer vor ein Rätsel. „Why did you sing that like a negro spiritual?“, fragte einer einmal, als Tom Jones „The Lord's Prayer“ sang. Was zunächst wie ein Makel schien, wurde mit dem Siegeszug des Rock 'n' Roll, des R&B und Soul zum Triumph. 1964 nahm Jones die rasante, auch an diesem Abend interpretierte Single „Chills And Fever“ auf. Mit ihr begann eine Karriere, die bald fünf Jahrzehnte umfasst.

 

Mit viel Augenzwinkern und Lebensfreude

So unterschiedliche Charaktere wie Wyclef Jean und Jack White, Mousse T. und Van Morrison haben Jones Hits auf den Leib geschrieben, die stilistisch nichts gemein haben. Ob Gospel, House, Hip-Hop oder archaischer Blues, Jones zuweilen richtiggehend metallisch donnernde Stimme zeitigt verlässlich Wirkung, ohne sich mit Subtilitäten aufzuhalten. Dieses große Drängen nützte Jack White, um Jones Howlin' Wolfs gefährlich klingendes „Evil“ einsingen zu lassen. Es war ein Highlight des geschickt zwischen Evergreens und progressiven Songs changierenden Programms, das mit dem Odetta-Klassiker „Hit Or Miss“ begann. Das Herbe, Süßliche, Polternde oder Geschmeidige, Tom Jones servierte alles mit einem Augenzwinkern. Selbst Lieder, die im Original niederschmetternd sind, wie Leonard Cohens „Tower Of Song“, bekamen in der Jones-Schmetterversion Lebensfreude ab.

„We do this, because we like it“, erklärte er vor der Zugabe „Kiss“. Fürwahr, der Mann geht nicht wie ein Tourist durch sein Œuvre. Auch der abgedroschenste Hit erlebte eine Frischzellenkur. „Delilah“ erhielt eine spanische Anmutung, John Lee Hookers „Burning Hell“ blühte in Lärmrockpose auf. Vom Pathos der Superschnulze „(It Looks Like) I'll Never Fall In Love Again“ ging besonderer Zauber aus. Das Hoffnungsfrohe der Sechzigerjahre strahlten „It's Not Unusual“ und „Green Green Grass Of Home“ ab. Zeitgenössischer Klangästhetik entsprach Wyclef Jeans „Tom Jones International“, ein Song, der die Virilität des Tigers mit autoritären Beats und Gezischel hochleben ließ. Gefährlich gab er sich im funkigen „It's Your Thing“ gegen Ende der umjubelten Vorstellung.

Die Welt des Showbusiness mag sich schwindelig drehen, Tom Jones bleibt mit seiner Stimmgewalt ein Hort der Verlässlichkeit. Auch ohne fliegende Damenslips.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)

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