Spätestens mit dem schwäbischen Rapper Cro ist Hip-Hop in seine Niedlichkeitsphase eingetreten. Der Überflieger, den derzeit nur Schlager- und Volksmusik kurzfristig von der Pole Position der deutschen und österreichischen Hitparade verdrängen kann, hat ganz offensichtlich seine Sozialisierung mithilfe des Kinderfernsehens vollzogen. Der Mann trägt eine Pandamaske und bewegt sich so possierlich, dass ihm bei Konzerten Schilder mit der Aufforderung „Mach mir ein Pandabärchen“ entgegenwackeln. Auf die Bühne des Frequency gestellt, lechzte er zunächst nach einer standesgemäßen Begrüßung: „Gebt mir ein Hallo!“ Das bekam er prompt, also winkte er mit seidigen Händen und startete seinen Schnellsprech zu allerlei Rhythmustracks zwischen Bobby Hebbs „Sunny“ und Bloc Partys „Banquet“. Dass er harmlos ist, musste er gar nicht erst erwähnen, er tat es dennoch. In „Rockstar“ tadelte er im Einklang mit den meisten anwesenden FM4-Youngsters die Figur des egomanischen Rockstars. „Bin ein bekiffter Assi, arrogant auf harten Drogen. Brauche keinen Privatjet, denn ich bin schon abgehoben.“ Sapperlot!
„Das Triviale funktioniert als Transmissionsriemen für die Hervorbringung positiver Grundmuster einer Gesellschaft“, sagte der ehemalige ZDF-Programmchef Alois Schardt einmal. In diesem Sinne leistet Cro mit seinen kreuzbiederen Posen und braven Raps einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Infantilisierung junger Erwachsener. Und klappt einmal die Zuspielung der Samples nicht, dann wiegelt er sogleich mit einem „Macht mal kurz Buh für die Technik!“ die Massen auf. Beinah brandgefährlich...
Konsumwille und Gemütlichkeit
Trotz solcher „Zuspitzung“ funktioniert die Regression bei Cro im Regelfall ohne Aggression. Wille zum Konsum und buddhistisches Gemüt gehen bei ihm durchaus zusammen. In „Kein Benz“ etwa, wo er rhythmisch plapperte: „Ich hab keinen Benz vor der Tür, keinen Cent für ein Bier, doch ich spür, irgendwann wird das anders. Doch wenn es nicht funktioniert, hab ich keinen Grund zur Sorge und mach es einfach von vorne.“
Nicht jeder will ihn dabei begleiten. Dann schon lieber den britischen Shootingstar Ed Sheeran, der eben noch bei der Olympia-Abschlussfeier Pink Floyds „Wish You Were Here“ coverte. Der „ginger guy with shabby clothes“, wie ihn die britische Presse tituliert, trat in St. Pölten solo auf. Neben seinen Hits „Lego House“ und „A Team“ duellierte sich der zwergenhafte Popsänger lebhaft mit eingespielten Loops wie „The Sound Of Da Police“ von KRS-One, wo die Fans mit reichlich „Hu! Hu!“ mithalfen.
Auch The Killers setzten auf den Gemütlichkeitsfaktor namens Wiedererkennen, mit weltumarmenden Songs wie „Human“ und „Mr. Brightside“. Auch abseits ihres Hitmaterials löst ihre Kunst Assoziationen mit bewährten Ästhetiken aus. Das ekstatische „Spaceman“ war punkto Intonation und Text nahe an David Bowies patinierten Weltraumjunkie-Visionen, dagegen ließ das bombastische „Miss Atomic Bomb“ ahnen, dass Sänger Brandon Flowers wohl einst einsam den Freddie Mercury vorm Jugendzimmerspiegel gab. In ihrer Musikmontagehalle in Las Vegas setzt die Band bewährte Versatzstücke so zusammen, dass Neues und Abgehangenes eine funktionierende Koalition eingehen. Nur selten verließen sie sich an diesem Abend völlig auf die Magie anderer Edelfedern. Mit Alphavilles „Forever Young“ probierten sie sich an der Feuerzeugballade, mit dem düsteren „Shadowplay“ von Joy Division an echtem Pop-Existenzialismus.
Absolutes Highlight des ersten Frequency-Tages waren aber die amerikanischen Bluesrock-Erneuerer The Black Keys. Dan Auerbach und Patrick Carney, aufgewachsen in biederen Kleinstadthaushalten in Akron/Ohio, zehren von ihrer langweiligen Kindheit. Statt flächendeckender, sedierender Unterhaltung lernten sie als Kids die Fadesse der Provinz kennen und hassen. Diese frühe Frustration setzte ihre Kreativität in Bewegung. Auerbach und Carney studierten Blues und Rock bis ins letzte Detail und sind nach langen Jahren des Vazierens nun – mithilfe des afroamerikanischen Produzenten Danger Mouse – in der Lage, einem totgeglaubten Genre wie dem Bluesrock unverschämten Pep zu verleihen. Das Aroma ihres Feedbacklärms, die grobe Anmutung ihrer Scheppergrooves – was für ein Genuss!
Erinnerungen an Led Zeppelin
Das für den Auftritt auf Quartettgröße gebrachte Duo startete mit dem kantigen „Howlin' For You“ vom Durchbruchsalbum „Brothers“. Immer noch treibt sie eine Leidenschaft, die man sonst nur von Neukonvertierten kennt. Carney, der seine Brillen wie ein Ehrenabzeichen trägt, trommelte so wild, dass es ihm die Gläser beschlug. Der im Leben total introvertierte Auerbach verwandelte sich in eine Art Wiedergänger des rüden Bluesmanns Howlin' Wolf. Offenen Mundes zelebrierte man die Teilhabe am großen Staub der Tradition. Die Ballade „Little Black Submarines“ gemahnte an Led Zeppelin, die Songs „Thickfreakness“, „Nova Baby“ oder „Tighten Up“ glänzten nur so vor Originalität. Dass Faserschmeichler Michael Bublé mit seinem Christmas-Album das erste Nummer-1-Album der Black Keys in den USA verhinderte, tragen sie mit Fassung. Schließlich ist ihre Musik, wie das Beste im Leben, ein Provisorium, das endgültig wurde.
Bis Samstag läuft das große Popfestival in St. Pölten, bei dem man heuer 120.000 Besucher erwartet. Am Freitag auf dem Programm stehen etwa die schwedischen Rocker The Hives (18.30h), die Berliner Punkband Beatsteaks (21.40h), die US-Metaller Korn (23.30h) sowie parallel die deutsche Elektropop-Gruppe MIA. (23.15h).
Mit The Cure bestreiten am Samstag große Stars das Finale (ab 22.45h): Vor dieser britischen Popband kommt u.a. Indie-Rock aus Deutschland mit Sportfreunde Stiller (21h) sowie aus den USA mit den Dandy Warhols (18.55h) zum Zug. Letzter Termin: DJ Flux Pavilion (3.45h, Sonntag früh).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)
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