Wie wird das Kulturleben sein im Jahr 2062? Wenn Sie mich fragen: im Wesentlichen wie heute. Besser klimatisiert vielleicht oder auch heißer, mit viel weniger Papier und viel mehr Bits pro Sekunde, aber im Wesentlichen wie heute.
Diese Antwort ist unoriginell, fad und feig, mag sein. Aber sie hat den großen Vorteil, dass sie realistisch ist. Klar, sie entspricht nicht der paradoxen Maxime, die man uns beigebracht hat: erwartet das Unerwartete! Aber die funktioniert erstens grundsätzlich nicht, zweitens schon gar nicht in unserer Kultur, die viel konservativer ist, als sie tut.
Nehmen wir die jüngste Muse in unserem Kulturkanon: die Popmusik. Wer Anfang der Neunzigerjahre das Unerwartete erwartete, wurde enttäuscht. Es kam nicht. Nur das Erwartete. Nur mehr vom Gleichen. Nur Revivals. New Wave ohne New. Postpostpunk. Old-School-Maturatreffen. Und wer dann zu Silvester 1999/2000, beduselt von Millennium-Bug-Furcht, sagte: So, das waren jetzt die Neunziger, die waren vielleicht ein bisserl fad, aber jetzt kommt sicher etwas ganz Neues, was keiner erwartet hat. Richtig. Er wurde wieder enttäuscht. Ich sage nur: New Rave und Neo-Psychedelic. Ewigkeit.
Heute Abend: Forties-Freak-out!
Von den Zehnerjahren hat sich gleich niemand etwas erwartet, und so wurde niemand enttäuscht. In den Clubs gibt es Sixties-Abende, Seventies-Partys, Eighties-Clubbing, Nineties-Raves, Nuller-Treffen. Bis 2062 werden Twenties-Feste, Thirties-Kränzchen, Forties-Freak-outs und Fifties-Feiern dazukommen, in streng absteigender Wichtigkeit. Und egal, welche Jahreszahl auf der Einladung steht und welche Stimmungsstabilisatoren gerade hip sind, wenn es wirklich heiß wird, wird in der tiefsten Nacht der Musikbeauftragte endlich „Satisfaction“ aus seinem Datenspeicher holen oder „My Generation“ und die Gemeinde (Altersdurchschnitt: 50, aber alle sehr gut erhalten und frisiert) wird andächtig grölen und murmeln: „Hope I die before I get old!“
Unvorstellbar museal? Aber gar nicht! Im Jazz gibt es seit 40 Jahren nichts Neues, und er wird noch gespielt, freilich vor immer kleinerem Publikum. Aber in der sogenannten E-Musik geht das seit vielen Jahrzehnten gut. Schenken Sie einem Klassikfan lange genug nach und er wird zugeben, dass seit Wagner (oder seit Schönberg, das ist dann auch schon egal) nichts mehr Wesentliches komponiert wurde, nichts Unverzichtbares. Das wird so bleiben, trotzdem werden die Konzertsäle voll sein. Man wird Bach spielen und Mozart, Beethoven und Mahler, abwechselnd in historisch kritischer und in historisch unkritischer Version. Und nein, die Orchester werden nicht von Computern ersetzt werden, diese Zukunft war schon und klang wie Pink Floyd ohne England und Erdbeermarmelade.
Werden sich die Menschen überhaupt noch zusammenfinden, um Kultur zu genießen? Ja, und zwar bewusster, andächtiger als heute. Wenn Arbeit und Spiel im Regelfall nur mehr autistisch vor Bildschirmen (die dann dreidimensionale Features haben mögen) verrichtet werden, wird die Kultur noch viel mehr als heute die Sehnsucht nach kollektivem Erleben und Kennenlernen (auch im Sinn der Partnersuche) in stilvollem Rahmen stillen, sie wird kultischer und festlicher sein als heute, man wird besondere Gewänder und Schmuck tragen, spezielle Bräuche befolgen.
So wird 2062 das Theater die Kunstform sein, die sich am meisten verändert hat. Es wird Chöre geben, die das Publikum bildet, und Tänze, die es tanzt, aber es wird kein blödes Mitmachtheater sein, sondern ein Konstrukt aus sehr differenzierten Ritualen. Das in unseren Augen freilich seltsam archaisch wirken würde. Wie die Zukunft uns überhaupt immer weniger den Gefallen tun wird, nach Zukunft auszusehen. Außer wenn wieder einmal Retrofuturismus angesagt sein wird. Circa alle zehn Jahre also.
Illustration (c) Nina Ober, http://ninaober.at/
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