Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte. Es kommt nicht darauf an, was du spielst, sondern wie du spielst.“ Dieses Diktum aus dem Munde des Jazztrompeters Louis Armstrong wurde reichlich strapaziert. Oft durch Verkürzung verfälscht, würde der ursprüngliche Merksatz sogar noch eine Erweiterung vertragen. Wenn sich langjährige Hörer eine gewisse Offenheit gestatten, könnten sie bemerkt haben, dass das, was einst eisernes Urteil war, der Zeit nicht immer standhält. „Ram“, Paul McCartneys zweites Soloalbum nach der Auflösung der Beatles, kommt in einer luxuriösen Edition neu auf den Markt und erzählt vom Lebensgefühl junger Leute, unabhängig vom Zeitalter, in dem sie leben. Neue Generationen haben meist einen völlig frischen Zugang und bejubeln Werke, die ursprünglich gar nicht so erfolgreich waren. Auf die Gefilde des Pop übertragen, bedeutet das, dass Wiederveröffentlichungen nicht selten erfolgreicher als Neuerscheinungen und damit einer der letzten blühenden Zweige auf dem durch die digitalen Winde zerzausten Baum der Musikwirtschaft sind.
Leiden unter der Trennung. Nicht zuletzt sind es die lange dienenden Musiker, die von der späten Reetablierung oder erstmalig positiven Einschätzung manch umstrittenen Werks überrascht werden. Sogar Sir Paul McCartney, der erfolgreichste Popkomponist aller Zeiten, erlebte solches im heurigen Jahr. Während sein superbes Album „Kisses on the Bottom“, eine Sammlung von feinen Jazzklassikerinterpretationen, von der Kritik mit durchwachsenen Urteilen bedacht wurde, wurde das Reissue „Ram“ umschmeichelt wie schon lange nichts mehr aus dem Hause McCartney. Die unter dem Signet „Paul & Linda McCartney“ herausgebrachte Liedersammlung wurde 1971 vom amerikanischen Magazin „Rolling Stone“ trotz ausgezeichneter Chartsplatzierung wüst niedergeschrieben. Niemand Geringerer als Jon Landau, der einige Jahre später Bruce Springsteen als die „Zukunft des Rock´n´Roll“ anpries, vermeinte in den Liedern von „Ram“ den „Tiefpunkt im Verfall des Sixties-Rock“ zu vernehmen. Sein abschließendes Urteil lautete: „monumentally irrelevant“. Das verletzte McCartney in einer für ihn sehr schwierigen Zeit. Kein anderer Beatle litt so unter der Trennung wie Paul. Er reagierte dennoch moderat: „I´ve learned not to care what critics say, because they are just people: they´re not God. So their opinion can often be wrong, or it can often be different from the people who are going to buy the record.“ Aus den Kritiken von 1971 ist viel Frustration über die Trennung der Beatles herauszulesen. Die fällt bei der nachgeborenen Generation weg.
Schon vor einigen Jahren erstaunte Paul, dass sein New Yorker Neffe erzählte, dass er und alle seine Freunde am College ganz begeistert „Ram“ hören, dieses seltsame Album, das auf poetische, manchmal surreale Weise McCartneys Hippie-Zeit auf einer Farm auf dem schottischen Mull of Kintyre zelebriert. Damals waren er und seine frisch angetraute Frau Linda samt Kindern in ein ziemlich heruntergekommenes Bauernhaus gezogen und haben das Landleben trotz aller hygienischen Mühen und schweren körperlichen Arbeiten als geradezu erfrischend empfunden im Vergleich zu den endlosen Besprechungen in London, wo im Apple-Gebäude über das Erbe der Beatles gestritten wurde. McCartney flüchtete. Das Cover von „Ram“ spricht eine deutliche Sprache. Es zeigt ein ländliches Familienidyll.
Der Ex-Beatle schert Schafe, zwei Käfer kopulieren, Linda lächelt im Blümchenkleid, und sogar die von Kinderhand gezeichneten Herzen tragen einen Smile. Ohne Zweifel herrscht hier Aufbruchstimmung. „Ich glaube, es ist diese Anmutung von Freiheit, die die jungen Leute von heute an diesem Album anzieht. Die Schule ist zu Ende, man atmet tief durch und überlegt sich, wo man sich engagieren will. Und vielleicht macht man auch einen Trip nach Europa oder gar nach Tibet, um seinen Horizont zu erweitern. Mein Tibet war damals ganz einfach Schottland.“ Aufgenommen hat er dennoch ganz professionell in den USA. Dort engagierte er superbe Studiomusiker wie die Gitarristen David Spinozza und Hugh McCracken, vor allem aber den Schlagzeuger Denny Seiwell, mit dem er sich besonders gut verstand. Seiwell, damals schon ein versierter Jazzschlagzeuger, überlegte sich oft, wie denn Ringo Starr die angedachten Aufgaben lösen würde. Seine groovigen Trommeleien hoben die Laune McCartneys bei den Aufnahmen in den CBS-Studios beträchtlich.
Hört man sich das Album mit unschuldigen Ohren an, dann entpuppt es sich als folkiges Füllhorn voll bunter Psychedelika. Geerdet ist es trotz himmelhochjauchzender Anmutung trotzdem. Bereits im Opener „Too Many People“ attackiert McCartney seinen alten Kompagnon John Lennon.
Streit mit Lennon. Mit einer saftigen Zeile wie „Too many people preaching practices, don‘t let them tell you what you want to be“ geißelte der zu Unrecht auf die Rolle des freundlichen Beatle festgelegte McCartney seinen alten Freund, der sich plötzlich als Prediger gefiel. Der Song löste eine Art Krieg der Lieder aus. Lennon sollte bald mit „How Do You Sleep?“ zurückschlagen. Auffällig sind aus heutiger Sicht die vielen eigentlich beatlesken Melodien und Soundspinnereien, die McCartney damals als Aufbruch in etwas Neues sah, obwohl er mit Harmonien und Melodien immer noch in den alten Schleifen mäanderte. Besseren Durchblick hatte er bei der Beurteilung der naiven Qualitäten von Lindas Beiträgen.
Die sang zwar schon bei „Let It Be“ im Chor mit, hatte sonst aber keinerlei musikalische Praxis. Das beurteilte McCartney klugerweise positiv. „Linda and I both knew that she was a novice, and I was the veteran, almost, the question was how to manage those two ends of the spectrum.“ Genau die Tändeleien mit diesem Gefälle machen die Spannung von „Ram“ mit seinen so unvergänglich schönen Songs wie „Uncle Albert/Admiral Halsey“ und „Monkberry Moon Delight“ aus. Paul McCartney ist eben doch viel cleverer und mutiger als es die oft böswillige Fama will.
Paul McCartney: Der Beatle als Bauer
30.08.2012 | 15:58 | von Samir H. Köck (Die Presse - Schaufenster)
"Ram", Paul McCartneys verspieltes, zweites Soloalbum nach dem Zerfall der Beatles, erzählt von Aufbruchsgefühlen der Jugend.
TIPP
Als Zeit der großen Freiheit erleben die Sixties ein Revival bei jungen Leuten. Warum, macht „Ram“ von Paul McCartney deutlich. Das Original erschien 1971. Jetzt neu bei Amazon um 64 Euro.
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