Meisterwerk: Bob Dylan lässt die Titanic sinken

50 Jahre nach seinem Plattendebüt veröffentlicht Bob Dylan mit „Tempest“ sein bestes Album seit 15 Jahren. Mit einem 14-minütigen Untergang, einem Song für eine fiktive Heimatstadt und einer Hommage an Lennon.

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(c) EPA (DOMENECH CASTELLO)

Das Schlechte vorweg: Das Cover des neuen Albums von Bob Dylan ist hässlich. Nun, das ist man von Dylans Albencovers der letzten Jahre gewohnt, aber dieses ist ganz besonders hässlich. Die Schrifttypen und -farben kreischen einander an, das Bild ist rot und verschwommen, es zeigt eine Figur, die . . .

Es waren Wiener Augen, die das zuerst entschlüsselt haben: Die Figur ist aus Wien, sie ist Teil von Theophil Hansens Athene-Brunnen vor dem Parlament, es ist die Moldau. Was will uns Dylan damit sagen? Kennt er Brechts Lied von der Moldau („Es wechseln die Zeiten, da hilft kein' Gewalt“)? Hat er selbst in Wien fotografiert? Oder war es ein zufälliger Fund?

Wer über so etwas grübelt, wird gern als Dylanologe verspottet. Soll sein. Es sind die Assoziationen, die Bob Dylans Songs so reich machen, die oft wilden, unlogischen, ahistorischen Verbindungen, die sie erschließen. Dass z. B. eine jugendliche Bande mit Vorliebe für „shark skin suits“ bei ihm „Early Roman Kings“ heißt, ist absurd, aber es passt. Genauso wie, dass in diesem Song vom „the day Detroit fell“ die Rede ist.

Männerblues und Damenswing

Es ist ein rauer Männerblues à la Muddy Waters, er könnte genauso gut 20, 30 oder 50 Jahre alt sein. Der Eröffnungssong, das liebliche „Duquesne Whistle“, könnte sogar noch viel älter sein: Es ist ein Zweivierteltakt-Swing, wie man ihn in den Zwanzigerjahren gespielt hat. Dylan hat ähnliche Nummern in seiner Radiosendung „Theme Time Radio Hour“ (2006–2009) liebevoll präsentiert. Und er ist auf seinen letzten Alben oft so tief in die amerikanische Musiktradition eingetaucht, dass er als Person Bob Dylan zu verschwinden drohte in diesem großen Teich aus Liedern, die die reisenden Sänger einander lehrten und lehren . . .

Nein, auch auf „Tempest“ legt Dylan keine persönlichen Bekenntnisse ab: Wenn er „I haven't seen my family for 20 years“ klagt oder die „Scarlet Town“ beschreibt, in der er geboren sei (hier übernimmt er Zeilen aus dem schottischen Volkslied „Barbara Allen“), spricht dasselbe multiple Ich, das er einst erzählen ließ, er sei mit zehn, zwölf, 13, 15, 151/2, 17 und 18 von zu Hause ausgerissen.

Leo zeichnet die Katastrophe

Aber Dylan hat auf diesem Album wieder zur großen Form gefunden, erzählt wieder größere Geschichten, malt breitere Bilder. Im fast 14 Minuten langen Titelstück ist es ein Gemälde des Untergangs: Ein „watchman“ (wer dächte da nicht ans apokalyptische „All Along the Watchtower“?) träumt das Sinken der Titanic, und im Traum skizziert ein Leo das tragische Geschehen. Ist es Leonardo Di Caprio? Oder der Leo Zimmermann, der 1912 auf der Passagierliste war? Der Sänger – oder der Wächter? – kennt jedenfalls kein Mitleid: Im langsamen Walzertakt (ähnlich dem, der einst das elfminütige „Sad-eyed Lady of the Lowlands“ regierte) spielt erst das Orchester „songs of fading love“, dann fliegen die Passagiere durch die Luft, erst lebend, dann tot. Der Kapitän hat die Offenbarung Johannis gelesen, doch „there is no understanding for the judgement of God's hand“.

Er habe sich überlegt, neue religiöse Lieder zu schreiben, er habe noch nicht genug im Repertoire, hat Dylan in einem seiner raren Interviews erklärt, wohl im halben Ernst. Nun, von diesem Einsatz der mitleidlosen Hand Gottes abgesehen, bleibt er doch in der weltlichen Welt. Obwohl es in „Tin Angel“, dem zweiten großen epischen Song des Albums, über einen der Helden heißt: „He renounced his faith, he denied his lord.“ Das Schicksal ereilt ihn wie alle anderen Figuren dieser mörderischen Ballade, am Ende liegen „three lovers“ auf einem Haufen. Atmosphärisch und musikalisch erinnert der Song an die langen Erzählungen auf „Blood on the Tracks“, damals haben die Akteure freilich meistens die letzte Strophe überlebt. Ja, Bob Dylan ist dem Tod heute näher: „It's soon after midnight, and my day is definitely gone“, singt er in „Soon After Midnight“, einer ungemein zarten Erklärung einer letzten Liebe des Lebens, in jähem Kontrast zum übernächsten Song, dem unwirschen „Long And Wasted Years“, wo Dylan wieder einmal seine Augen hinter dunklen Brillen verbirgt und einer Gefährtin erklärt, dass es besser sei, wenn sie ihren Weg gehe, und er seinen. So innig er dort schwärmt, so kehlig höhnt er hier: Dieser 71-jährige Unstete hat seine – freilich gealterte – Stimme im Griff, er setzt sie virtuos ein, um Liebe und Zorn, Weh- und Gleichmut auszudrücken.

Bewegend: „Roll on, John“

Und Rührung: Der letzte Song, „Roll on, John“, gilt dem vor 32 Jahren ermordeten John Lennon. „From the Liverpool docks to the red-light Hamburg streets, playing to the big crowds, playing to the cheap seats“: Dylan holt den früh verstorbenen, wortkargeren, aber kongenialen Kollegen ganz nahe heran, zitiert John Lennon („A Day in the Life“, „Come Together“), William Blake („Tiger, tiger, burning bright“), um schließlich in ein schlichtes Gebet zu fallen: „I pray the Lord my soul to keep.“

Vielleicht ist es doch eine religiöse Platte geworden. Ein meisterliches Alterswerk jedenfalls. Dylan löst mit ihr abermals ein, was Thomas Mann seinen Gustav Aschenbach sagen ließ: Wahrhaft groß, umfassend, ehrenwert sei nur das Künstlertum, „dem es beschieden war, auf allen Stufen des Menschlichen fruchtbar zu sein“. So wäre „Tempest“ ein großes letztes Album genauso wie ein großer Beginn einer neuen Blüteperiode Dylans. Ich weiß, das habe ich schon 1997 geschrieben, über „Time out of Mind“. Es gilt wie damals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)

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