Alle besoffen (Whiskey). Tanzen gehen. In der Morgensonne lallend durch Köln wanken. Liege in Lederjacke wie ein ,Rockstar/Penner‘ auf dem Boden des ICE Köln-Berlin und schlafe die ganze Strecke hindurch. Am Abend verliebe ich mich in Christine Drake.“ Prägnant und gleichzeitig etwas atemlos beschreibt der deutsche Popstar in seinem eben erschienenen Buch „The Rise And Fall Of Maximilian Hecker“ den Zauber des Deliriums. Ein Kapitel ist mit „Ab heute werde ich zum Weltstar“ betitelt. Es erinnert an den erstaunlichen Katapultstart, den der einstige Krankenpfleger an der Berliner Charité bereits mit seinem Debütalbum „Infinite Love Songs“ 2001 hingelegt hat. Sogar die „New York Times“ überschlug sich damals mit Superlativen und reihte es unter die zehn besten Alben des Jahres. Das öffnete Hecker die Türen zu internationalen Starproduzenten wie Gareth Jones und Guy Sternberg. Seine Karriere funktioniert in Europa, in den USA, vor allem aber in Korea und China. Über die Gründe dafür spekuliert Hecker im „Schaufenster“-Gespräch.
Asien, Paradies auf Erden. „Ich glaube, dass Romantik und dieses Sich-Hingeben und das Schwelgen in Kitsch ganz tief in der asiatischen Kultur verwurzelt sind. Das ist dort etwas, worauf man stolz ist. Ganz im Gegensatz zu Deutschland und Europa, wo man sich in der heutigen Zeit eher für so was schämt. Zu viel Gefühl, zu viel Melodramatik.“ Bekommt er außer Fangeschrei etwas zurück auf seinen langen Konzertreisen in Asien? „Asien ist mein Himmel und meine Hölle gleichzeitig“, meint Hecker. „Als ich schon so weit war, zu denken, dass alle nur mit Wasser kochen und ich könnte schön langsam aufhören, meine Erlösungsfantasien und -sehnsüchte auf etwas zu projizieren, trat Asien in mein Leben. Da hab ich noch mal so einen pubertären Schub gehabt, wo ich anfing, zu denken: ,Ich glaub, das Paradies gibt’s doch auf Erden.‘ Weil alles so fremd und exotisch war zunächst, fiel es mir leicht, diese Sehnsüchte auf Asien und asiatische Frauen zu projizieren. Das barg ein riesiges Enttäuschungspotenzial. Das Fremde in Asien führte dazu, dass ich in mir etwas Fremdes entdeckt habe.“
Liebeswonnen. Auf 250 Seiten breitet Hecker nun in einer Mischform aus größenwahnsinnigem Tagebuch und einsichtsvoller Popstar-Biografie sein wahnwitziges Leben zwischen Celebrity Lifestyle und frei gewählter Isolation, zwischen Liebessehnsucht und Beziehungsunfähigkeit aus. Zusätzlich hat er fast gleichzeitig sein bislang siebentes Soloalbum „Mirage Of Bliss“ veröffentlicht, eine Sammlung gewohnt schwelgerischer Lieder, die eloquent dem Wunder der Liebeswonne nachspüren. Nicht mehr so reduziert, wie auf dem von Seelenqual beherrschten Vorgänger „I’m Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“, wo Hecker wie ein frisch Gehäuteter klang. Arrangementmäßig aufgepeppt wurden die neuen Songs von keinem Geringeren als dem britischen Musiker Youth, der u. a. viel mit Paul McCartney und The Verve gearbeitet hat. Die Grundstimmung pendelt zwischen Wehklage und Euphorie, die Anmutung schwerelos wie die frühen Meisterwerke eines Nick Drake und John Martyn. Es wird ganz sicher die asiatischen Girls wieder besonders ansprechen. In seiner Heimat Deutschland wird ihm der offensive Umgang mit seinem Innenleben ja nicht nur positiv ausgelegt. Dabei ist gerade der Umstand interessant, dass er vor einigen Jahren mit den Riten des Machismo gebrochen hat und seine Weichheit und Sensibilität ohne Genierer präsentiert.
Nicht zufällig heißt sein Label „Blue Soldier“. Die Aufhebung aller Ambivalenzen in einem geglückten Konzert beschreibt er kernig mit der Erkenntnis, dass dann Mutter und Hure eins sind. Im Buch schildert er den entscheidenden Moment, in dem erstmals sein wahres Selbst in der Musik erschienen ist: „Pure Gegenwart. Kein Hoffen, kein Räsonnieren, nur im Jetzt verharren.“ Ab diesem Augenblick ist alles Popstar-Posing Vergangenheit. Es geht um neue Abenteuer mit der Musik. Hecker: „Ich habe keine Lust mehr auf ganz normal verlaufende Konzerte. Ich will dem Anpassungsdruck entfliehen. Ich suche mir neuerdings keine Auftrittskleidung mehr raus. Und ich habe keine Setlist mehr, versuche zu improvisieren. Das Ziel meiner Musik ist Meditation.“ Ist Hecker tatsächlich der Solitär, als der er sich oft geriert? „Bei manchen Menschen, eben auch bei mir, ersetzt die Kunst die Partnerin. Es gibt, glaube ich, keinen schöneren ,Sex‘ als ein Lied zu singen. Die virtuelle Vereinigung mit einem Traumgespinst von Frau scheint mir erfüllender zu sein, als alle Realität. Das ist ein Gefühl, das man in einer realen Beziehung in dieser Schönheit und Reinheit nicht kriegt. Die Frage ist halt, ob so ein Lebensstil, allein zu sein und für die Musik zu leben, nicht ein Ausdruck von Unreife ist. Ich hadere da immer noch mit mir.“ Genau das macht ihn sympathisch.
Maximilian Hecker: Held sensibler Girls
06.09.2012 | 15:36 | von Samir H. Köck (Die Presse - Schaufenster)
"Mirage of Bliss" heißt das famose neue Album von Maximilian Hecker. Auch sein erstes Buch hat er geschrieben, es handelt von – ihm selbst.


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