Die Presse: Ihr neues Album klingt erstaunlich zornig. Gab es dafür einen konkreten Auslöser?
Ry Cooder: Da muss ich ein wenig ausholen! Die beiden Bush-Regierungen waren eine furchtbare Zeit für uns. Der traurige Zustand der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hat mich 2007 dazu bewogen, diese Problematik auf dem Album „My Name Is Buddy“ in Form von Tierallegorien zu kommentieren. Bush tat alles, um die Menschen auseinanderzudividieren und ihnen Angst zu machen. Das sind die Strategien, die die Nation ruinieren. Die Republikaner fürchten nichts mehr als eine geeinte Bevölkerung. Das zeigte sich jetzt wieder bei ihrem Konvent in Tampa.
Für Europäer ist es oft erstaunlich, wie Ihre Landsleute einem vagen „American Dream“ nachlaufen...
Dieser Illusionismus ist eine unselige Tradition. Unsere Hoffnungen liegen jetzt bei der Occupy-Bewegung. Die Zahl der Menschen, die sozial ganz unten angekommen sind, ist so stark gestiegen, dass da jetzt einfach eine Veränderung kommen muss. Die Mittelklasse ist kollabiert. Viele Bürger finden sich plötzlich bei den Armen wieder. Leute, die früher dachten, dass sie die Armen nichts angingen, zählen jetzt selbst zu diesen. Das verändert das Denken beträchtlich. Es ist ein ähnlicher Prozess wie in den Dreißigerjahren, als sich unter den Arbeitslosen ein Gefühl der Solidarität einzustellen begann.
Was hat die Occupy-Bewegung bisher erreicht?
Die großen Antworten darauf, was man dagegen machen könnte, dass die Banken betrügerisch sind und das Finanzsystem manipuliert ist, darf man nicht von oben erwarten. Sie müssen von den Betroffenen kommen.
Sie starten Ihr kämpferisches Album mit dem „Mutt Romney Blues“. Der Mann heißt Mitt, worauf bezieht sich „Mutt“?
„Mutt“ heißt schlicht Köter. Es soll daran erinnern, dass Mitt Romney, als er einmal mit seiner Familie mit dem Wagen in den Urlaub fuhr, den Hund für zwölf Stunden aufs Dach seines Autos band. Ich finde, das ist eine gute Metapher dafür, was den Amerikanern bevorstehen könnte, wenn sie Romney wählen.
Was finden Sie denn an Romney so gefährlich?
Ich schließe mich da ganz dem kürzlich verstorbenen Gore Vidal an, der sagte, dass die Republikaner gar keine Partei mehr seien, sondern vielmehr eine Art neue Hitlerjugend. Romney ist der perfekte Typ dafür. Da ist dieses permanente hohle Lächeln, das nichts bedeutet. Innen drin ist er ein habgieriger Geldmensch. Der Mann ist weder an Menschen noch an gesellschaftspolitischen Ideen interessiert. Wenn er seinen Mund öffnet, fragt man sich: Ist der so stupide, oder gehört das zu seiner Show?
Ist das amerikanische Wahlsystem reformierbar, oder werden Präsidentschaftskandidaten immer von Lobbys abhängig sein?
Ganz offensichtlich wird sich an dieser Abhängigkeit in nächster Zukunft nichts ändern. Der Oberste Gerichtshof agiert seit einiger Zeit ganz offen nach dem Willen jener dunklen Mächte, die das Land im Hintergrund führen. Früher gab es Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs, mit denen wir nicht einverstanden waren, aber auch welche, die wir befürworteten. Das hat aufgehört. Die demokratische Idee wurde ganz offensichtlich aufgegeben. Es ist der Endpunkt eines politischen Systems, das immer korrupt war und es jetzt vollständig ist.
Wie könnte es weitergehen?
Die Antwort weiß ich leider auch nicht. Was ist das für eine Demokratie, in der die arbeitenden Menschen nicht mehr in die Entscheidungen eingebunden sind, sondern nur mehr die großen Firmen? Obama versucht die Menschen zu repräsentieren, aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Leider haben wir nicht mehr als zwei Parteien wie in Europa, wo ja die unterschiedlichsten Koalitionen gebildet werden.
Setzen Sie keine Hoffnung in die Demokraten?
Wenig. Der Republikaner Reagan hat einst die Finanzmärkte dereguliert und damit die Mittelschicht fast völlig ausradiert. Daran haben auch demokratische Präsidenten nicht mehr gerüttelt. Dieser Prozess ging sogar unter Clinton noch rascher voran. All diese guten Regulierungen, die in den Dreißigerjahren implementiert worden waren, wurden außer Kraft gesetzt. Das war der Sündenfall. Der Markt funktioniert nicht mehr. Es scheint sich zu wiederholen, was 1929 passierte. Nur hat es heute globale Auswirkungen.
Glauben Sie, dass man als Musiker gesellschaftlich wirklich etwas verändern kann?
Woody Guthrie hätte auf diese Frage wohl geantwortet, dass er bloß Songs schreibe, in denen er seine Meinung äußere. Pete Seeger war da schon zuversichtlicher. Er meinte, dass man durch den Akt des Singens Menschen mit Ideen infizieren könne. Er war ein Meister darin. Heute würden wir viele Pete Seegers brauchen.
Und warum engagieren Sie sich so kräftig?
Martin Luther King sagte einmal, dass in Zeiten der Krise jeder etwas machen müsse. Ich tue, was ich kann, um die Unterdrückung zu bekämpfen. Mit ihren cleveren Versuchen, die Unterschicht zu spalten, nehmen Typen wie Charles und David Koch - Milliardäre, die die Tea-Party finanziert haben - auch eine Wiederkehr des Rassismus in Kauf. Vom Stand-your-ground-Gesetz bis zur Lynchjustiz ist es nicht weit. Dass es möglich ist, dass so ein diabolisches Gesetz auch bundesweit zur Anwendung kommen könnte, zeigt, wie tief dieses Land gesunken ist.
Ry Cooder, geboren 1947 in Los Angeles, ist berühmt für sein Spiel an der Slide-Guitar, das als vorbildlich „laid-back“ (entspannt) gilt. Er spielte u.a. mit den Rolling Stones und Van Morrison, sehr erfolgreich wurden sein Soundtrack für den Wenders-Film „Paris, Texas“ und sein Album „Bop Till You Drop“. Selbst ein Mann des Blues, engagierte er sich oft für Musik anderer Kulturen, gründete etwa den kubanischen Buena Vista Social Club.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)
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