Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe?“ fragte einst Goethe. Mit diesem Zitat konfrontiert, schüttelt US-Popstar Pink beim Gespräch vor ihrem umjubelten Comeback-Konzert in München leidenschaftlich den Kopf. Eine Gegenfrage perlt ihr über die gefährlich rot geschminkten Lippen: „Sucht man es sich wirklich aus? Ich liebe zwar die Poesie von Rumi, aber ich kann es nur etwas vulgär ausdrücken: Liebe ist ein verdammter Mindfuck.“
Trotz dieser kleinen rhetorischen Blöße wartet die 33-jährige Sängerin mit einem neuen Album namens „The Truth About Love“ auf, das 13 neue Lieder zum ältesten Thema der Welt enthält. Pink ist kein Allerwelts-Girl. Sie ist erklärtes Idol von Frauen zwischen 13 und 63, ein Vorbild in Sachen liebenswerter Ruppigkeit. Sie verkörpert einen Widerspruch, wie ihn nur Ikonen leben können: Prinzessin und fordernde Regentin in einer Person. Trotz ihrer permanenten Selbstinszenierung als Objekt männlicher Begierde schafft sie es locker, als Herrin ihres Handelns zu erscheinen. Auf dem Cover des neuen Werks posiert sie in roten Pumps, Strumpfbandgürtel, Strapsen.
Drei Uhr Früh. In diesem Liebeskriegshabit lugt die Dame mit der elektrischen Frisur den Betrachter gefährlich selbstbewusst an. Trotz aller Sexyness und Verruchtheit lauert da offensichtlich Berechnung. Es geht schließlich ums Überleben. Völlige Hingabe ans Romantische ist nicht rational genug; nur Austausch von Illusionen wäre zu wenig für eine emanzipierte Frau. Es geht auch um Handfestes, Materielles, schließlich will man sich nicht sozial verschlechtern. Also wird die Solidität einer Liebe geprüft, wenn der Rausch der Hormone abgeebbt ist: „The truth about love comes at three a.m., the truth about love it comes and it goes, the truth about love it's nasty, it's all a lie“, proklamiert Pink im Titelsong mit erstaunlich weich modulierter Stimme zum bewusst naiven Rhythmus.
Jedes Lied des neuen Albums nimmt eine andere Perspektive im Wunderland der Liebe ein. Im Opener „Are We All We Are“ wird etwa nach dem Numinosen in der menschlichen Gefühlswelt gefragt, um schließlich ernüchtert festzustellen, dass der Egoismus kaum zu überwinden ist. Pink bilanziert trocken: „We are people that you'll never get the best of.“ Wie auch? Der Mensch leidet sowohl an Ich-Überfluss wie an Ich-Mangel, er lebt stets gleichzeitig in einem Durcheinander von größter Bedeutsamkeit und größter Belanglosigkeit. Kann man sich auf Gefühle verlassen, wenn nicht einmal die Kontinuität des Denkens gegeben ist? Und versteht man die Liebe, wenn man sie für ein Gefühl hält?
Der Soziologe Niklas Luhmann hat es in seinem Buch „Liebe als Passion“ (1982) stark angezweifelt. Er definierte die Liebe als eine Gefühlsdeutung, die auf einer Kommunikation beruht. Sie ist ein sozialer Code, der erlernt und mit jeder neuen Generation ein wenig modifiziert wird. Nach Luhmann „motiviert Liebe, wie Geld und Macht, die Festlegungen anderer zu akzeptieren. Geld verlangt Gegenleistung, Macht den Gehorsam und die Liebe die Integration des Welterlebens einer anderen Person ins eigene Leben.“ Das Leben gleicht auch in der Liebe nur für wenige Augenblicke einem Märchenbuch. Die nötige Synchronisation der Werte zwischen den Liebenden sorgt für Knirschen im Gebälk jeder Beziehung. Pink formuliert die partout nicht wegzuharmonisierenden Ambivalenzen im groovigen „True Love“ in gebotener Derbheit: „Sometimes I hate every single stupid word you say, sometimes I wanna slap you on your whole face, woah, there's no one quite like you, you push all my buttons down.“ Gleichzeitig schießt ihr das Gegenteil ein: „I know life would suck without you, at the same time I wanna hug you, I wanna wrap my hands around your neck, you're an asshole, but I love you.“
Diese Erkenntnisse trägt Pink im Duett mit der Sängerin Lily Rose Cooper vor. „Ich bin hin und weg von ihrem britischen Akzent“, schwärmt Pink und plaudert von ihren früheren gemeinsamen, wilden Nächten, die vor Kurzem von zivilisierten Jungmütter-Treffen abgelöst worden sind.
Hymne für Partygirls. Von den Wonnen des Nachtlebens erzählt auch das mit Rapper Eminem aufgenommene „Here Comes The Weekend“, eine Hymne für Partygirls aller Generationen. „I just wanna play!“, ruft sie in die Disco hinein. Die Alarmsirenen heulen. Jetzt kann die Parade der weiblichen Waffen beginnen: „Lipstick and leather tight, high heels and cherry wine, not wastin' any time, we're tickin like a bomb.“ Das Paradoxon der emanzipierten Erotik zeigt sich hier krass. „Die Sorge um ihre Schönheit zeigt, dass sich die Frau selbst für ein Objekt hält, das sich ununterbrochen der Aufmerksamkeit der Männer anbietet“, erklärte George Bataille einst in „Die Erotik“. Bloß, das Spiel mit Lust und Schmach des Begehrenswerten entscheiden heute nicht mehr nur die Männer. Im lärmigen „Slut Like You“ postuliert Pink das weibliche Recht auf sexuelle Gleichstellung, wenn's ums Jagen geht. Das alte „Wham! Bam! Thank you, Ma'am!“ wird längst auch reuelos von Frauen praktiziert. Pink besteht einmal mehr darauf: „We are picking, who we might let in“, singt sie in „Slut Like You“ selbstgewiss. Das Bedauern am nächsten Morgen schmeckt eben nur mehr halb so bitter, wenn man weiß, dass man selbst die treibende Kraft war. „Where there is desire, there is gonna be a flame, where there is a flame, someone's bound to get burned“, heißt es konsequent in „Try“, der nächsten Single.
Pinks buntes Bild der Liebe schließt auch sentimentale Szenarien nicht aus. Im nachdenklichen „Just Give Me A Reason“ sitzt sie auf den Trümmern einer einst schönen Liaison. „We're not broken, just bent and we can learn to love again“, singt sie trotzig. Auch im gemeinsam mit Greg Kurstin von der famosen Electropop-Band „The Birds And The Bees“ komponierten „Blow Me (One Last Kiss)“ ist es nicht der beklagte „Shitday“, der das Loslassen erschwert. Es sind die in der Pubertät erlernten idealisierten Vorstellungen von der Liebe, die das Lernen von Liebe lebenslang erschweren. Zwischen Projektion und Alltag, Trieb und Idealisierung kollidiert es halt permanent. Nicht so wenige geben irgendwann auf. Einen Hinweis auf Verlagerung der Bedürfnisse gibt ein auf einer Münchner Bäckerei-Auslagenscheibe prangender Sinnspruch George Bernhard Shaws. „Keine Liebe ist so aufrichtig wie die Liebe zum Essen.“ Wer würde dem widersprechen?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)
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