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Stilhybrid: Calexico, die Wüstenrocker

20.09.2012 | 15:47 |  von Samir H. Köck (Die Presse - Schaufenster)

Calexico haben New Orleans einen Besuch abgestattet. Ihr siebtes Album nahmen sie im wiedererstarkten, kulturellen Schmelztiegel auf.

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Ein Piano, irgendwo am Meeresboden zwischen Havanna und New Orleans. Eine Melodie erhebt sich, ein Requiem für verlorene Seelen, das um himmlischen Schutz fleht. Die See zwischen Kuba und den USA hat viele das Leben gekostet, lange vor dem US-Embargo. Und immer noch sterben Menschen, die versuchen, Kuba zu verlassen. Der 1996 gegründeten Wüstenrock-Band Calexico geht es in ihrer Kunst aber nicht um platte Tagespolitik. In den kunstvollen Szenarien ihrer Lieder, wie dem eben zitierten „Sinner In The Sea“, vermischen sich Traumgesichte, Realität und Poesie auf bestrickende Weise. Die introvertierte Band um Joey Burns und John Convertino begab sich für ihr kürzlich ediertes Album „Algiers“ erstmals weg aus ihrer Heimat Arizona. Bei anderen Musikern würde man darum nicht viel Aufhebens machen. Aber Calexico haben nun einmal einen Sound kreiert, der sie eigentlich an die Heimatscholle, das Grenzland zwischen Mexiko und Kalifornien, bindet. Nun fanden sich die Meistermusiker erstaunlicherweise in Algiers, dem zweitältesten Stadtteil von New Orleans, wieder, um dort ihr siebtes Album einzuspielen. Selbstverständlich unter dem subtilen Einfluss des dort herrschenden Genius Loci, der vor etwas mehr als hundert Jahren dem Genre Jazz Leben einhauchte. In die Rezeptur dieses Welterfolgs waren auch gute Teile von Blues und kubanische Rhythmen eingearbeitet. Der Jazz war immer schon eine Hybridform.

Stilhybrid. Die Band Calexico – der Name setzt sich aus California und Mexico zusammen – lebt und schafft aus der Perspektive einer Mischidentität. Wie geht man mit den daraus resultierenden Widersprüchlichkeiten um? Sänger und Gitarrist Joey Burns sieht die Sache ganz entspannt: „Oberflächlich betrachtet, mag Eklektizismus widersprüchlich sein, aber im Grunde drückt er die Substanz unserer Musik aus. Wir stehen im Banne unterschiedlichster Stile. Was uns eher definiert als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stilhybrid, ist die Stimmung, die unsere Stücke haben. Für uns gibt es gewisse Do’s und Dont’s, was die Ästhetik unserer Musik betrifft, die nicht einmal ausgesprochen sein müssen. So viele Details unseres Sounds sind viel eher gemeinschaftlich gefühlt als bewusst kommuniziert.“ Diese traumwandlerische Sicherheit in den ästhetischen Details ist auf dem in einer Baptistenkirche in New Orleans eingespielten „Algiers“ in jedem Song spürbar. Man kann es sich längst leisten, abseits aller Sicherheitsnetze von bekannten Strukturen zu agieren. Wenn Calexico Mariachi-Trompeten einsetzen, dann passiert das alles andere als plakativ. Im Zentrum steht ein Sound, der gleichermaßen patiniert wie unabgeschlossen ist. Er besteht aus geradlinigen Indierockriffs und archaischen Jazzrhythmen, aus irischen und italienischen Folkloreduftstoffen, der charakteristischen Tex-Mex-Würze und nun auch aus allerlei Partikeln der afrokubanischen Tradition. Diese Liebe zur musikalischen Vielfalt lehrte Burns und Convertino einst das Border Radio im heimatlichen Tucson, Arizona.

„Radio-DJs wie Wolfman Jack waren immens wichtig“, erinnert sich Burns. „Er war ein Pionier der musikalischen Mischkulanz. Heute hörst du jede Menge unterschiedlicher Stationen, besonders viele Latino-Radios gibt es im Großraum L. A., aber die Situation ist natürlich nicht vergleichbar mit jener dieses klassischen, in gewisser Weise subversiven Grenzradios, wie es von den Dreißigerjahren bis in die Siebzigerjahre existierte. Damals gab es völlige Freiheit, was die Playlists anlangt, eine durchgehende Unabhängigkeit. Es ging nur darum, ein Gefühl und einen Flow zu kommunizieren. Heute beherrscht das furchtbare Formatradio alles. Man kann nur nostalgisch zurückblicken auf diese goldene Ära, wo der Mainstream so viel progressiver war. Diese heutige Redundanz des Radios, wo gewisse Stücke immer und immer wieder gespielt werden, war damals unvorstellbar.“ Calexico wollen ganz offensichtlich den Verlust der Vielfalt im Radio mit ihrer Musik kompensieren. Stößt das auf Gegenliebe in den USA? Burns: „Die Idee des Regionalismus ist bei uns nicht so populär wie in Europa, wo es allein durch die Sprache, aber auch durch die Abwechslung in der Landschaft auf kleinem Raum große kulturelle Unterschiede gibt. Dennoch gibt es einige Plätze, wo bewusst reger Austausch zwischen den Kulturen gepflegt wird. New Orleans ist solch ein Ort. Dort gibt es schöne spanische Kolonialarchitektur, Voodoo, den Blues und natürlich den Jazz. Diese Stadt ist eine Art Pforte zur Vergangenheit, die aber auch ständig Neues hervorbringt.“

Weltdeutung ohne Stempel. Calexico wollten nicht ganz uneigennützig Teil des neuen, wieder erstarkten New Orleans sein. Mit all den afrikanischen und afrokubanischen Einflüssen geben sie dem Calexico-Sound einen neuen, aufregenden Drall. Angesprochen auf die neue, so kämpferische Liedersammlung von Ry Cooder, lobt Burns zwar deren Musikalität, geizt aber beim Zuspruch, was die explizit politischen Texte anlangt. „Ich bin kein großer Fan von Popmusik, die sich direkt politisch engagiert. Jeder hat eine Meinung, eine Haltung, einen Glauben, eine Philosophie, eine Spiritualität, eine Idee, wie die Welt zu deuten ist  und ich präferiere es, wenn diese abstrakt bleibt und nicht auf die Stirn gestempelt ist. Gerade Lieder können ein gutes Vehikel für positive Gedanken sein, ohne dass man jemandem die Message in den Schädel hämmern muss.“

TIPP
Calexico, am 22. September um 20 h live im Wiener Konzerthaus. www.casadecalexico.com

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