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„The Vaccines“: Wie man mit Rebellengeist mündig wird

20.09.2012 | 16:23 |  von SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Die gefeierten britischen Indie-Rocker „The Vaccines“ legen ihr zweites Hitalbum vor. Der Sänger Justin Young erzählt von seiner Liebe zu Bob Dylan und seinen Problemen mit weiblichen Verführungskünsten.

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Dem frohen Trommeln und sorglosen Gitarrenschrammeln überraschend entgegengesetzt, gibt Sänger Justin Young beinah stolz negativen Bescheid: „Oh, look at me, so ordinary, no mystery, an awkward personality, I'm no teenage icon, I'm no Frankie Avalon, I'm nobody's hero, ohhhhh!“ Das stand zu befürchten. Schließlich trägt das zweite Album der im Vorjahr dank BBC-Poll ausgiebig gefeierten Vaccines den Titel „Come Of Age“, was so viel wie mündig werden bedeutet.

Kann man nach so überschwänglichen Teenagerhymnen wie „If You Wanna“ und „Post Break-Up-Sex“ so plötzlich erwachsen werden? Popjournalist Jon Savage aus London, der mit „England's Dreaming“ die ultimative Geschichte des Punk verfasste, ist Fachmann für juvenile Gefühlsverwirrung: Seine schlicht „Teenage: The Creation Of Youth Culture“ genannte Studie von 2007 ist ein so lehrreicher wie unterhaltsamer Wälzer zum Aufkommen des Teenagers in der westlichen Kultur. Darin ist auch die 1945 vom „New York Times Magazine“ erstellte „Teen-Age Bill Of Rights“ zu finden.

Live-Sound auf Platte: „Keine Tüfteleien“

Unter deren zehn gelisteten Grundsätzen sind etwa „the right to have fun and companions“ und „the right to be at the romantic age“. Besonders wichtig scheint Punkt 10: „the right to professional help whenever necessary.“ Exakt dieser Hilfe versicherten sich die Jungmänner der Vaccines. Sie lockten Produzent Ethan Johns in ihr Studio: Der Mann ebnete namhaften Bands wie Kings of Leon und Matchbox Twenty den Weg zum Erfolg. Mitte September erklomm die erst zweite Vaccines-Liedersammlung tatsächlich Platz eins in Großbritannien. Wie das ging? Johns machte der Band klar, dass sie in erster Linie ein Live-Ereignis ist. Die Gruppe freute sich darüber, dass sie im Studio alles live einspielen durfte. Young: „Da gab es keine Tüfteleien. Weder vorher noch nachher.“

Besonders gut glückte der dylaneske Opener „No Hope“, ein wahrhaft episches Stück. „I could bore you with the truth about an uneventful youth, . . . and I could make an observation, if you want the voice of a generation, but I'm too self-absorbed to give it clout“, singt Young mit aufmüpfiger Stimme, ohne wirklich unfreundlich zu werden. Trotzdem, auf ein Image will er sich nicht festnageln lassen. Um dem zu entgehen, hat er sich jetzt sogar die Haare lang wachsen lassen. Dylan liebt er auch für dessen listenreiche Manöver, der Einschätzung von Fans und Feuilleton zu entgehen. „Unser Debüt wurde so oft mit den Werken anderer Künstler verglichen. Wir hoffen darauf, dass man bald uns als Maßstab anlegen wird.“

In der Tradition von den Kinks und Nirvana

Dafür werden noch Entwicklungsschritte folgen müssen, aber die Richtung stimmt. Angstfrei nimmt „Come Of Age“ Anleihen bei früheren Generationen, ist trotzdem genuiner Ausdruck der heutigen Szene. Kann Teenie-Pop der 1950er und 60er noch relevant für die heute Jungen sein? Young bejaht. „Von Bobby Fullers Fifties-Hit ,I Fought the Law‘ über ,You Really Got Me‘ von den Kinks bis hin zu ,Crash‘ von den Primitives handelt es sich um eine einzige Traditionslinie. Selbst ,Smells Like Teen Spirit‘ von Nirvana zählt dazu: Dieser rebellische Spirit ist entlehnt. Die kamen auch nicht aus dem Nichts.“

Das Aufbegehren steckt bei den Vaccines vornehmlich in originellen Texten. Musikalisch sind Einflüsse von den Zombies bis zu den Ramones hörbar. Bei aller aus der Hüfte herausgeschrammelten, vordergründigen Wut erhält sich bei den Vaccines meist eine Freundlichkeit, die in weltumarmende Refrains mündet. Wenige Songs, etwa „Bad Mood“, bleiben konsequent giftig. Der Ohrwurm „Always Knew“ dagegen gibt sich nur textlich bang: Dem interessanten Vorschlag „so let's go to bed, before I say something real“ folgt ein so ekstatischer Refrain, dass der alle zuvor geäußerten Zweifel wegwischt. Zu den Damen hat Justin Young offenbar ein ambivalentes Verhältnis. In „I Wish I Was a Girl“ fantasiert er sich auf gar gefährliches Terrain, beschwert sich mit leichtfertigen Sätzen, dass Frauen ihre Verführungskünste ständig zu schärfen trachten. Das macht dem in ihm hausenden sensiblen Romantiker Probleme. „Mit dem strategischen Einsatz von weiblicher Schönheit hab' ich schon gewisse Schwierigkeiten“, gibt er zu.

Glücklicherweise verzeihen Girls leichter. Ohne sie wäre „Come Of Age“ wohl deutlich weniger erfolgreich.

Auf einen Blick
„The Vaccines“ wurden 2010 gegründet: Zu Sänger Justin Young kamen Freddie Cowan (Gitarre), der Isländer ?rni Hjörvar (Bass) und Pete Robertson (Schlagzeug). 2011 erschien ihr Debütalbum „What Did You Expect from the Vaccines?“. Im BBC-Poll wurden sie unter die vielversprechendsten Newcomer gewählt. Eben folgte die zweite Platte „Come of Age“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)

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