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Woody Guthrie: Folkmusik ist für alle da

21.09.2012 | 13:44 |  Von SABINE HOTTOWY (DiePresse.com)

Woody Guthrie wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Seine Enkelin Sarah Lee kann ihn hören, auch wenn sie ihn nie getroffen hat.

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This land is your land. This land is my land. From California to the New York Island“, der Vater des amerikanischen Protestsongs wäre am 14. Juli 100 Jahre alt geworden. Woody Guthrie hat für die einfachen Leute und für eine gerechtere Welt gesungen, das Lagerfeuer war seine Bühne. Hobo, Wirtschaftsflüchtling, Journalist, politischer Aktivist, Chorea-Huntington-Patient und Wegbereiter für Musiker von Bob Dylan bis Tom Morello von Rage Against The Machine. Sein Werk ist umfangreich, sein Wirken unvergessen. Ein Gespräch mit Sarah Lee Guthrie, seiner Enkelin.

Sie haben Ihren Großvater nie gekannt. Wie hat sich sein Bild im Lauf der Jahre für Sie verändert?

Die meiste Zeit habe ich nicht viel über ihn gewusst. Seine Bücher und Platten standen in den Regalen, wenn ich ehrlich bin, hat mich das aber nicht interessiert. Erst als ich begonnen habe, selbst Lieder zu schreiben, wurden diese Dinge wichtig für mich. Als ich begonnen habe zu reisen, sind mir immer wieder Leute begegnet, die mehr über Woody wussten als ich. Das war mein Auslöser, die Bücher und Platten aus den Regalen zu holen. Vor ein paar Jahren wurde ich dann von dem Label Smithsonian Folkways nach Washington, D.C. eingeladen, um die Lieder für mein Kinderalbum „Go Waggaloo“ auszusuchen. Dort ist mir das Glasmaster von „This Land is Your Land“ in die Hände gefallen. Es war wie ein Stich ins Herz. Damals habe ich begonnen, mit Woodys Texten zu arbeiten, zu seinen Worten meine Musik zu schreiben.

Wie hat sich das angefühlt?

Ich habe es sehr genossen. Es war ein bisschen so, als säße er neben mir, und als ich mit dem Titeltrack für „Go Waggaloo“  begonnen habe, ist die Melodie einfach so aus mir herausgesprudelt. Der Song wurde zum selben Zeitpunkt aufgenommen, wie er entstanden ist, das hatte etwas Magisches.

Woody, Ihr Vater Arlo – die Guthries haben Musik im Blut. Wann war klar, dass Sie sich dieser Familientradition anschließen?

Das passierte, als ich allein in Kalifornien war und mir mein heutiger Mann Johnny begegnet ist. Ich war sofort in ihn, seine Lieder und Harmonien verliebt. Das hat mein Leben verändert. Zuerst bin ich mit meinem Vater auf Tour gegangen, um die Mechanismen einer Karriere kennenzulernen. Er hat mich miteinbezogen und gleichzeitig unterstützt, meine eigene Stimme zu finden.

Sie haben vom Punk Rock zu Country gewechselt, wie ist das gekommen? Wohin zieht es Sie als Nächstes?

Kalifornien hat mich zum Country getrieben, aber Sie müssen verstehen, das waren Hank Williams und Buck Owens und nicht solche, die man heutzutage mit Country in Verbindung bringt. Momentan nehmen wir ein Album mit Jeff Tweedy auf, aber ich liebe es auch, guten, alten Rock ’n’ Roll zu spielen. Abgesehen davon, tue ich immer das, was sich gerade gut anfühlt.

Ihr Großvater war bekannt für seine Lyrik. Dichten Sie selbst auch?

Ich habe immer schon geschrieben und denke, ein gutes Gespür dafür zu haben. Trotzdem ist Johnny unser Songwriter, er schreibt, was er sieht, wie Woody. Mich faszinieren diese Fähigkeiten, dieses Talent, in den kleinsten Dingen Inspiration zu finden und an ihnen festzuhalten, bis die Nummer aufgenommen ist. Was ich an Woody mochte, war die Schlichtheit seiner Texte, das ist etwas, was wir mit ihm teilen. Was ich persönlich versuche, ist, über Ungerechtigkeiten zu schreiben ohne den Leuten zu sagen, was sie tun sollen.

Wie lebt man mit Woodys Erbe? Ist es eine Geschenk oder eine Bürde?

Ein Geschenk, keine Frage. Manchmal frage ich mich, wie ich es verdient habe. Das ist aber nicht wichtig. Wichtig ist, was man damit anfängt, deshalb mache ich das Beste daraus.

Was ist Ihr liebstes Stück aus Woodys Sammlung?

Es ändert sich ständig und kommt darauf an, wie ich mich fühle. Momentan ist es ein Cartoon, auf dem ein Mann durch die Luft fliegt mit dem Titel „Don’t come back ‚til you’ve registered to vote!“. Ein anderes Stück, das mich immer schon sehr beeindruckt hat, ist Woodys Porträt von Abraham Lincoln.

Für seinen berühmtesten Song „This Land is Your Land“ hat Ihr Großvater die Erlaubnis erteilt, dass ihn jeder verwenden darf, ohne gegen das Urheberrecht zu verstoßen. Hat Ihre Familie ein Problem damit?

Oh, das Urheberrecht ist noch nicht so lange ein Thema. Für Tausende von Jahren hatten wir Lieder, die Geschichten erzählt haben und niemandem gehört haben. Das ist der Punkt. Ich denke, Lieder sind dazu da, sie zu teilen, das ist Folk. Heutzutage kann das Urheberrecht nur den Inhalt deiner Geldbörse verändern, was zeitweise vielleicht auch ein bisschen hilft. Woody hatte aber ein gutes Gefühl dafür, was Gier anrichten kann. Ich denke, er hat sie so weit wie möglich vermieden.

Hätten wir keinen Bob Dylan ohne Ihren Großvater?
Das ist gut möglich.

In diesem Jahr spielen Sie viele Tribute-Shows, was ist Ihr persönliches Highlight?

Ja, wir haben dieses Jahr schon viele Shows zum Andenken an Woody gespielt. Es war wunderbar – wunderbar bei etwas dabei zu sein, was so viel größer ist als du selbst. Ich fühle mich wie ein Kind, das in die Schuhe seiner Eltern steigt. Sie sind ein bisschen groß, aber vielleicht passen sie eines Tages doch noch. Ich habe es jedenfalls genossen, mit all den verschiedenen Musikern, solchen wie Jackson Brown und Graham Nash, die Nummern meines Großvaters zu spielen.

Die Family Reunion Tour vereinigt drei Generationen der Guthries. Wer ist das Küken, wer ist der Bandleader?

Also mein Vater Arlo führt die Truppe natürlich an, meine Schwestern, meinen Bruder, alle Kinder – und wir wissen, dass der Nachlass meines Großvaters vielen Menschen viel bedeutet und wir uns benehmen müssen. Meine Tochter, sie ist gerade fünf Jahre alt, ist die jüngste in der Gruppe.

Die meiste Zeit über arbeiten Sie mit Ihrem Mann zusammen. Wer kommt mit den meisten Songs daher? Wer schließt die meisten Kompromisse?

Johnny schreibt mehr als ich, er ist verrückt nach Songs. Nebenbei, das ist der Grund, warum ich ihn liebe. Ich versuche mit ihm mitzuhalten, aber es gelingt mir nicht richtig. Wir arbeiten zusammen, indem ich bei den Songs einsteige, nachdem er begonnen hat.

In Wien werden Sie mit Hans Theessink, Willi Resetarits, Ernst Molden und anderen gemeinsam auf der Bühne stehen, kennen Sie deren Arbeit? Hatten Sie schon zu tun mit europäischem Folk?

Hans Theessink kenne ich sehr gut, mein Vater hat mit ihm jahrelang zusammengearbeitet, ich liebe seine Konzerte. Die anderen kenne ich noch nicht, aber dafür gibt es ein paar andere europäische Folk-Musiker, die ich sehr schätze, wie zum Beispiel Lillebjørn Nilsen, Darroll Adams, McCusker und Catherine Jordan.

Ihr Großvater starb Jahre vor Ihrer Geburt, wer hat Ihnen die besten Woody-Geschichten erzählt?

Meine Tante Nora war immer gut darin. Meine Lieblingsgeschichte kommt allerdings von Stetson Kennedy, einem Mann, der mit Woody in Florida gegen den Ku-Klux-Klan gekämpft hat. Er hat mir von einer Szene erzählt, bei der Woody und er in einem Geschäft auf ein paar KKK-Jungs und ein paar schwarze Kinder trafen. Woody kam ganz laut ins Schwärmen, wie schön und smart die Kinder wären, daraufhin haben die KKK-Typen die Jagd auf Woody und Stetson aufgenommen und die beiden sind lachend davongerannt.

Angenommen, wir suchen eine Zeitmaschine, finden eine, und Sie können Ihren Großvater treffen, worüber würden Sie mit ihm sprechen?

Ich würde ihn fragen, was ich tun kann, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und seinen Traum weiterzuleben. In Wahrheit frage ich ihn all das sowieso, ich arbeite gerade daran, auf die Antwort zu hören.

100 Jahre Woody Guthrie
Am 29. und 30. Oktober spielt Woody Guthries Enkelin Sarah Lee gemeinsam mit ihrem Mann Johnny Irion, Hans Theessink, Willi Resetarits, Ernst Molden u. v. a. im Wiener Metropol. www.wiener-metropol.at

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