In seiner Heimatstadt Belfast hat er sein neues Album aufgenommen. Doch heimgekehrt ist Van Morrison im Lauf der Jahre oft. Immer wieder hat er neue Erkenntnis auf alten Pfaden gesucht. Die noble Cyprus Avenue ist er im gleichnamigen Song seines frühen Meisterwerks „Astral Weeks“ abgegangen. Damals trug er eine unbestimmte Sehnsucht im Herzen, sich von seinen Ursprüngen im Dockarbeitermilieu entfernen zu können. Das Glück schien hinter den stillen Villenmauern zu hausen. Viel später, 1991, besuchte er für den epischen Song „Hyndford Street“, das ärmliche Reihenhausgässchen, in dem er aufgewachsen war. „He wouldn't look at you; he was so shy“, erzählte eine Nachbarin in Steve Turners Biografie „Too Late to Stop Now“.
Durch die alten Gassen
Seine Gefühlswelt offenbarte Van Morrison als Kind kaum. Erst als das Zaubervehikel Musik in sein Leben kam, eröffnete sich dem schwierigen Knaben eine Ausdrucksform. Er versenkte sich in den Gospel einer Mahalia Jackson und den Blues eines Huddie Leadbetter und Jelly Roll Morton. An den grundsätzlichen Ingredienzien seiner Kunst hat sich dann nichts mehr Entscheidendes getan: Blues, Jazz, Folk, Soul, Gospel. Van Morrison stapft nicht nur wörtlich durch die alten Gassen, er klopft auch ständig seine Riffs, Melodien, Metaphern und poetischen Konstrukte nach Bedeutungserweiterung oder -umkehrung ab. Wie im Blues kehren auch in seiner Kunst alten Phrasen wieder.
Diesmal, auf seinem 34.Studioalbum, ist es etwa die „pagan soul“, die Pilgerseele, die im stark an John Lee Hooker gemahnenden Song „Pagan Heart“ wiederkehrt. Wir kennen sie von „Hymns of the Silence“, dem eindringlichen Doppelalbum von 1991, das ebenfalls eine Reise zurück ins verlorene Idyll einer Kindheit war, das selbstverständlich nie wirklich existiert hat. Zu kargen Gitarrenmotiven erhebt sich Morrisons glühende Stimme und erzählt von einer unbezähmbaren Sehnsucht: „Got to move to the crossroads, got to move to the Arcadian groves.“
Die Crossroads symbolisieren im Blues jene Orte auf dem Lebensweg, wo man seine spirituelle Stärke überprüfen muss, um die richtige Entscheidung bezüglich der weiteren Richtung treffen zu können. Es waren aber auch jene Stellen, wo der Pakt mit dem Teufel geschlossen werden konnte, wie es der Legende nach einst Blues-Hero Robert Johnson getan haben soll.
„So much for capitalism“
Ein Van Morrison strebte nie nach dem schnellen Glück. Im Gegenteil, niemand hat es sich so gemütlich in der Misere gemacht, wie dieser Ire im Dauerexil. Seine besten Werke hat er stets dann geschaffen, wenn es ihm persönlich nicht so gut ging. Dass sich der störrische Eigenbrötler nun zu größeren sozialen Zusammenhängen äußert, ist die größte Überraschung des neuen Albums. „No social ladder to climb anymore“ wispert er im resignativen „End of the Rainbow“ zum Klimpern eines einsamen Klaviers. Das Lied führt die Tragödie eines heruntergekommenen Ortes in der postindustriellen Ära. Die Schnorrer und Umwegrentabilisten haben das Weite gesucht, übrig bleiben Ruinen. Menschliche wie bauliche. Ab sofort ist Schmalhans Küchenmeister. „So much for capitalism, so much for materialism, every penny now has got to be earned.“
Bereits in der souligen Eröffnungsnummer „Open the Door (To Your Heart)“ kommt er zu dem Schluss: „Money doesn't make you fulfilled, money's just to pay the bills.“ Morrison skizziert eine materialistische Welt, in der jeder dem anderen Fressfeind ist. Im majestätisch groovenden „Goin' down to Monte Carlo“ zitiert er den schon ausgedient geglaubten Existenzialisten Sartre: „Hell is other people.“ Nachsatz: „I believe that most of them are.“ Im still vor sich hin köchelnden „If in Money We Trust“, einem anderen Schlüsselsong, fragt er in den Spuren Nietzsches: „When God is dead and money's not enough, in what do you trust?“
Van Morrison jedenfalls vertraut auf die Musik und vor allem auf die alchimistischen Fähigkeiten seiner grantig-raunzigen Stimme. Diese verwandelt nämlich alle hochkarätige Trauer in etwas seltsam Lustvolles. Uns Hörern bleibt nur sein Rat: „You got to think it through again.“ Werden wir.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)


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