Hip-Hop ist eine wert- und strukturkonservative Disziplin wie die Pradler Ritterspiele, seit 30 Jahren bleibt er sich und seinen Formen treu. Das Rollenspektrum ist beschränkt: Von Nebenrollen wie dem „straßenweisen“ Professor abgesehen, ist zu den Figuren des Gangsters („Gangsta“ geschrieben) und der „Bitch“ recht spät, vor allem mit Eminem, der „White-Trash Boy“ gekommen, der nur mehr davon träumen kann, ein Gangsta zu sein.
In beiden Fällen ist Hip-Hop eine träumerische Kunst, auf gut freudianisch gesagt: eine halluzinatorische Wunscherfüllung. Das weiß Ferdinand Sarnitz, 23, und so inszeniert er seine Show mit Vorhängen und Masken – der DJ trägt Schleier und Krone –, mit durch den Nebel schneidenden Lichtstrahlen als Traumtheater.
Die Kunst dieser Inszenierung, die auch seine sonderbaren Videos bestimmt, mag ein Grund sein, warum er, ohne auch nur ein „richtiges“ (also materiell als CD vorliegendes) Album veröffentlicht zu haben, es schafft, die Wiener Arena zweimal zu füllen. Das ist keine Kleinigkeit. Es liegt gewiss auch daran, dass er sich rar macht, sich nicht verschleudert und schon gar nicht anbiedert. Dass er das Rezept der Tante Jolesch befolgt, die schließlich doch noch bekannt gab, warum ihre Krautfleckerln so begehrt sind: „Weil ich nie genug gemacht hab.“
Ja, will er denn ein Gangsta sein?
Sein Erfolg liegt nicht darin, dass er der Sohn André Hellers ist. (Obwohl er natürlich seinen Teil von dessen Kunst der Selbstinszenierung geerbt hat.) Nur wenige der Mädchen, die ihn kreischend empfingen, und der Burschen, die ihn respektvoll bejubelten, kennen wohl André Heller. Der hat ja auch „A Zigeina mecht i sein“ gesungen und nicht „A Gangsta mecht i sein“...
Aber will Left Boy ein Gangsta sein? Sehnt sich dieses 1988 in Wien geborene, 2006 nach New York gezogene „rich kid“ nach vorstädtischem Pulverdampf? Natürlich nicht aus ganzem Herzen. „Guns, bitches, weed, money, YSL, gold chain, Maserati, penthouse, helicopter, fame“, so zählt er in seinem Stück „Sweet Dreams“ – meisterlich aus der Eurythmics-Schnulze umgeschneidert – die Requisiten auf. Hier ist er fast schon zu nahe an der Parodie, meist ist er subtiler. Vor allem in der Art, wie er sich präsentiert: mit verschämtem Lachen, verloren blickend, mit der Art von Schüchternheit, die sich nur die wirklich Selbstbewussten erlauben können. So kann er auch in „Id“ (Freud, schau herab!) seine pornografischen Fantasien bekennen, ohne peinlich zu wirken. „Lord, forgive my sins, cause all I want to do is win – and get in.“ Der junge Peter Turrini hätte es nicht schöner sagen können.
Dass er in einer Tradition steht, nämlich in der mächtigen, drückenden, lastenden Tradition des Hip-Hop, weiß Sarnitz auch. Musikalisch macht er das Beste daraus, indem er die Kunst der Aneignung fremder Songs pflegt, verfeinert. So nimmt er etwa Lana Del Reys „Video Games“ wörtlich und sieht die Szene aus jungmännlicher Perspektive („Let me play you like a video game, I'll plug myself in and enter the name“), dazu lässt er die entsprechenden Gameboy-Sounds wuchern. In seinem Stück „Girl“ kann man die Harmonien des gleichnamigen Beatles-Stücks suchen, man wird sie finden; dazu zeigt er Szenen mit kreischenden Mädchen aus einer Beatles-Doku.
Man sieht: Der Mann hat Geschichte gelernt, und er maßt sich an, sie zu interpretieren. Das ist okay: Guter Pop ist immer anmaßend, nicht bescheiden. Und er schert sich nicht, wie Left Boy im „Wonderful Song“ singt, „what the weathermen say“. Danach drängen sich störrische Synthesizer vor, sie sagen: Mir doch egal.
„I wasn't big then, but I'm about to be“, sagt Left Boy im selben Stück. Damit dürfte er recht behalten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)


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