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Salam.Orient: Anatolien in der Wiener Sargfabrik

18.10.2012 | 16:52 |  Von Samir H. Köck (Die Presse)

Leichtfüßig in die Melancholie: Das deutsch-türkische Ensemble FisFüz und der italienische Meisterklarinettist Gianluigi Trovesi eröffneten das Festival Salam.Orient. Das Festival dauert noch bis 10. 11.

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Die Nationalismen in Nahost scheinen unausrottbar. Dafür spricht auch die traurige Tatsache, dass mehrere arabische Künstler das Festival Salam.Orient boykottieren, nur weil in der Sponsorenliste ein Logo der israelischen Botschaft steht. Das deutsch-türkische Ensemble FisFüz steht gegen solche Engstirnigkeit, indem es sich von alten Melodien aus dem gesamten Mittelmeerraum und dem Orient inspirieren lässt. Seine Haltung veranschaulicht es auf seinem neuen Album „Papillons“ durch das Bild des Schmetterlings, der in seiner Schwäche und Schönheit allen Gefahren trotzt.

Mit großer Zartheit entwickelte das durch den italienischen Meisterklarinettisten Gianluigi Trovesi verstärkte Ensemble seine kunstvoll verästelten Melodien, stellte der Wehmut fröhliche Untertöne bei, löste Genregrenzen in freundliche Fusionen auf. Etwa im munteren „Ostinato 1“, das ungeniert süditalienische Tarantella mit aufbrausendem Jazz mischte. Ergötzlich war der Mentalitätsunterschied zwischen Trovesi und der ebenfalls Klarinette spielenden Bandleaderin Annette Maye. Die Deutsche überbrückte die Pausen mit Belehrungen, der Italiener mit Scherzen.

Julias hässliche Klarinettentöne

Auch in seinen Stücken blitzte trotz viel Moll immer wieder heitere Gesinnung auf. In „Carpinese“, erzählte er die Geschichte einer unglücklichen Werbung: Mit süßen Melodien versucht ein Romeo, die Gunst einer Julia zu gewinnen. Doch diese antwortet bloß mit hässlichen Bassklarinettentönen. Hier zeigte sich eine der segensreichen Funktionen der Kunst: das Abstandschaffen zwischen dem Ich und der Welt. Die liebeskranken, wiewohl letztlich erfolglosen Melodien bewahren den Spieler vor seelischem Langzeitschaden. Für die Hörer empfiehlt Trovesi übrigens im CD-Booklet den „Genuss von einigen Litern des Lieblingsbiers, um die zarten Pastellfarben der Kompositionen richtig herauszuhören“.

Das versonnene „Pervane“ folgte mit flattrigen Klarinettensoli dem Flug eines andalusischen Nachtfalters. Dann lockte eine rasselnde Rahmentrommel in anatolische Gefilde: karge Landschaften, unerbittlicher Ostwind. Man meinte zu spüren, wie einem der Staub die Poren verstopft.

Salam.Orient in Wien und Graz dauert noch bis 10. 11. Am Samstag lädt etwa die tadschikisch-israelische Alaev Family zum „Buchara Groove“ ins Wiener Konzerthaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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