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Poetischer Meister des Folk-Jazz

29.10.2012 | 16:45 |  von Samir H. Köck (Die Presse)

Terry Callier, Sänger aus Chicago, wurde von der Retro-Bewegung wieder entdeckt und zu Recht gefeiert. 1998 feierte er sein glanzvolles Comeback. Nun ist er 67-jährig nach langer Krankheit gestorben.

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Er war aus Chicago, doch zeitlebens verweigerte er die Klischees, die einen in Chicago geborenen Afroamerikaner automatisch den Musikstilen wie Blues und Jazz zuordnen. Terry Callier revoltierte und begann sich früh für den Folk zu interessieren. Er zog ins New Yorker Greenwich Village, wo sich die Szene erstmals frei entfaltete. Das war ein mutiger Schritt in einem Land, in dem viele noch immer glauben, dass die Schwarzen auch in der Musik gefälligst in ihren Ghettos bleiben sollten.

Neben Folk versuchte er sich auch auf dem Gebiet des psychedelischen Pop, ehe ihn ein John-Coltrane-Konzert erneut in eine Krise schlittern ließ. „Was passiert mit Musikern, die derart intensiv spielen?“ fragte er sich. Als Konsequenz zog er sich selbst für acht Monate zurück, um nur zu üben. Nach diesem Sabbatical hatte er das Konzept für seinen Trademark-Sound. Fortan vereinte er auf feinsinnige Art Folk und Jazz und mengte Blues und Soul nur in Spurenelementen in seine Songs. Jetzt war er reif für eine Solokarriere beim angesagten Chicagoer Label Cadet. Drei fragile Meisterwerke entstanden, darunter die epochale Liedersammlung „What Color Is Love“. Der große Erfolg sollte sich zunächst nicht einstellen. Bis Ende der Siebzigerjahre versuchte sich Callier u. a. mit Saxofonist Eddie Harris an kommerziell eingängigeren Sounds, ehe er der Musik den Rücken kehrte und sich als Computerfachmann für die Universität Chicago zurückzog. Durch die Retrobewegung im fernen Großbritannien, die Callier-Songs wie „Ordinary Joe“ zu Dancefloorhits machte, wurde die Industrie wieder auf ihn aufmerksam: 1998 feierte er sein glanzvolles Comeback. Gast auf dem Album „Timepiece“ war auch der ehemalige Coltrane-Sideman Pharoah Sanders. Mit seinen sanften Liedern lockte Callier in die Landstriche zwischen Ekstase und Agonie.

Auf „Lookin' Out“ gab er sich 2004 immer noch gesellschaftskritisch, doch überwog hier oft schon die süße Resignation in melancholischen Liedern wie „Paris Blues“ und „Blues For Billie Holiday“. Dass er in Europa erfolgreicher war als in seiner Heimat, nahm er gelassen zur Kenntnis. „Das war schon bei Louis Armstrong so“, erklärte er: „Es ist immer noch unheimlich schwer, in den USA als Künstler akzeptiert zu werden, vor allem als Afroamerikaner. Aber heute hätte wohl auch ein Bob Dylan Probleme, wäre er unbekannt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)

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