In wirtschaftlich turbulenten Zeiten gelingt es den Europäern besser als den Amerikanern, Großensembles am Leben zu erhalten. Nie zuvor erfreuten sich das niederländerische Metropole Orkest oder eben die NDR-Bigband größeren Zulaufs vonseiten internationaler Solisten. Stolz präsentierten sich die Hamburger mit ihrer illustren Gästeschar: Sänger Al Jarreau, der ehemalige Crusaders-Pianist Joe Sample, der schwedische Posaunist Nils Landgren.
Dass alle Ensemblemitglieder Fixangestellte sind, heißt nicht, dass ihnen der Groove egal wäre! Schon mit dem stark an die Kunst der Crusaders erinnernden Opener, dem sanft pulsierenden „Buttermilk Sky“, zeigte Dirigent Jörg Achim Keller, dass er den Riesen mit unerbittlichem Stäbchen in Richtung subtiler Zwischentöne manövrieren kann. Die waren auch notwendig. Zum Geheimnis der Crusaders zählte ja, dass ihre einfach klingenden Melodien höchste Disziplin erforderten. Der „Buttermilk Sky“ ist ein Himmel voller Cirrocumulus-Wolken. Was in der Meteorologie ein Zeichen für labiles Wetter wäre, war im Konzerthaus idealer Anlaut für einen musikalischen Schönwetterabend mit ernstem Hintergrund. Joe Sample präsentierte sein Album „Children Of The Sun“, einen Zyklus, der den Gemütszuständen von Sklaven nachsinnt, die einst auf der Insel St. Croix ausgebeutet wurden. In beschwingten Kompositionen wie „Gold In The Cane“ und „I Believe In“ spekulierte er über deren drastisch reduzierte Glücksmöglichkeiten.
„Summertime“ in neuem Licht
Ganz in historischem Kontext stand auch der zweite Teil. Nach einer rasanten Interpretation des Eddie-Harris-Stompers „Cold Duck Time“ sang sich Al Jarreau auf bekannt verspielte Weise durch Lieder der Gershwin-Oper „Porgy & Bess“. Es begann mit dem Wiegenlied „Summertime“. Meister, der er ist, ließ er diesen strapazierten Klassiker in neuem Licht erstrahlen. Der mit zunehmendem Alter beseelter intonierende Jarreau changierte auf aberwitzige Weise zwischen kindlichen Lauten und Alphamännchengrunzern. In dem Mann stecken wohl mehrere Wesen. Mit „I Got Plenty Of Nothin'“ und „Bess, You Is My Woman Now“ kratzte er am spirituellen Plafond. Noch intensiver war seine Interpretation von Lionel Hamptons „Midnight Sun“.
Und ja: „Take Five“ hat er dann auch noch gesungen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)
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