Obszönes aus der Library of Congress

16.11.2012 | 18:32 |  SAMIR H.KÖCK (Die Presse)

Stephanie Nilles stellte ihre zuweilen derb erotischen Folk-Jazz-Lieder im Porgy & Bess vor. Die Zukunft gehört Stephanie Nilles.

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MySpace sei der Ort, wo Frustrierte sich selbst beglücken. Und Facebook? Die Einstiegsdroge zum Stalking. Das erklärt Stephanie Nilles im Titelsong ihres Albums „Fuck Off Grizzly Bear“. Und rechnet auch gleich mit YouTube und Twitter ab.

Ungewöhnlich für eine so junge Frau. Aber Nilles, 1985 in Chicago geboren, ist als Texterin so unorthodox wie als Pianistin: Ihre klassische Ausbildung sieht sie heute als an den Götzen Perfektion verschwendete Zeit an.

Im Porgy & Bess wechselte ihre Kombo zwischen jazzigen Grooves und leicht surrealen Improvisationen. Wenn Nilles sich älteres Material vornahm, dann nicht ohne heftige Bearbeitung, auch der Texte. So wandelte sich der steinalte „St. Louis Blues“ ins ausgelassen torkelnde „Like A Stone Cast Out To Sea“; und in Mike Bloomfields leicht irrem Liebeslied „Love Me Or I'll Kill You“ hauchte sie mit charmantem Augenaufschlag eine grausame Fantasie: „I'll cut your body into millions of little pieces and then dust you round the town dump.“ Wahre Liebe stellt man sich doch anders vor...

Mit glockenheller Stimme kujonierte sie in „#Occupymypussybitch“ die Occupy-Bewegung: „We can each occupy a moral blamehouse, so no one takes responsibility.“ Und sie hat ein Faible für Deftiges. Etwa in ihrer unzensurierten Version von Jelly Roll Mortons „Winin' Boy Blues“. Den obszönen Originaltext (mit Zeilen wie „I fu**ed her till her pussy stunk“) hatte sie sich extra aus der Library of Congress ausheben lassen. Auch ihre Anklage gegen die Ölverschmutzung im Golf von New Orleans beendete sie mit erstaunlicher Metaphorik: „The divinely prophetic is just about as fun as a boner when you just can't use one.“ Gegen ihren beherzten Vortrag sind die Darbietungen von Kolleginnen wie Diana Krall und Norah Jones fad. Die Zukunft gehört Stephanie Nilles.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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