Mick Jagger: Roll on, Sir Sisyphos!!

17.11.2012 | 18:10 |  von Samir H.KÖCK (Die Presse)

Seine Rolling Stones feiern heuer den 50. Jahrestag. Doch Mick Jagger ist in seiner Heimat England zwar seit 2003 Ritter, aber überraschend unbeliebt. Versuch eines Charakterbilds.

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Ein bisserl was von Fluchtwild hat er schon lange: Seit Beginn der Achtzigerjahre feilt Mick Jagger an Ausstiegsszenarien aus seiner Stammformation. Das erste Soloalbum („She's The Boss“, 1985) war nicht bloß als Nebenprojekt gedacht. Seine Plattenfirma CBS wollte ihn damals so groß wie Michael Jackson machen. Die mäßig originelle Musik seiner Soloalben bereitete diesen Wunschvorstellungen ein jähes Ende. 2011 konzipierte er dann mit großer Geste „Super Heavy“, eine Art Supergroup, mit Kollegen aus Soul, Reggae, Pop und indischer Musik. Die ambitionierte Single „Miracle Worker“ wurde, trotz eines Videos, in dem ein zuckerlrosafarben gekleideter Jagger einigermaßen grotesk herumsprang, zum Top-Ten-Hit. Aber nur in Polen und Japan. In seiner Heimat Großbritannien reichte es gerade für Platz 136. Diese Demütigung war wohl auch ein Grund dafür, dass er justament keine 50-Jahr-Jubiläumstournee mit den Rolling Stones machen wollte.

Trotzdem sickerte langsam eine grausame Wahrheit in sein Gemüt: Seine Landsleute mögen es gar nicht, wenn er sich aus dem Stones-Kontext stiehlt. Jagger muss bei seinem Leisten bleiben und schön brav weiterhin den Sänger der Rolling Stones mimen. Das heißt: sich weiter plagen mit dem stockkonservativen Bluesrock seines Partners Keith Richards.

Der trendgeile Jagger kann darob nicht wirklich frohlocken. Nicht einmal die geschätzten zwei Milliarden Pfund Umsatz, die er seit 1989 mit der Band lukrierte, werden seine Eigenwahrnehmung als Gescheiterter ändern. Doch wie konnte es passieren, dass sich Mick Jagger vom verehrten Rebellen der Sixties zum wenig geliebten Prominenten der Gegenwart entwickelte?


Lady Jane. Da ist zunächst der Hang zum gesellschaftlichen Aufstieg, der ihm wohl von der standesbewussten Mutter eingeimpft wurde, einer gebürtigen Australierin. Rasch Mitglied der Pop-Aristokratie, suchte er aktiv Kontakt zum Erbadel. Zu den Gemeinsamkeiten zählte, dass man gern in hermetischen Zirkeln verkehrte und diskret größere Summen ins Ausland verschob. Zudem hegte Jagger Sympathien für Mädchen mit Stammbaum und eigenem Geld. 1966 tauchte die erste Nobilität in einem Stones-Song auf: „Lady Jane“. Das war wohl eine Anspielung auf Marihuana, galt aber auch Jane Ormsby-Gore, Tochter des damaligen britischen Botschafters in den USA.

Im selben Jahr eroberte Jagger nach längerem Anlauf das Herz von Marianne Faithfull. Von ihr konnte er sich – anders als von seiner Dauerflamme Chrissie Shrimpton – neue gesellschaftliche Verbindungen erhoffen. Die halfen ihm ein Jahr später, als er und Keith Richards bei einer Party wegen Drogenkonsums verhaftet wurde. Der aristokratische „Times“-Herausgeber William Reese-Moog verfasste einen Jagger-Verteidigungs-Leitartikel mit dem hübschen Titel „Who breaks a butterfly on a wheel“, der maßgeblich zu vorzeitiger Freilassung der beiden Stones beitrug. Das beeindruckte Jagger tief.

Im Jahr 1968 nahm er im Sog der Ereignisse trotzdem an einer Anti-Establishment-Demonstration auf dem Grosvenor Square teil. Kraft seines rebellischen Images wirkten damals entstandene Songs wie „Street Fighting Man“ und „Sympathy For The Devil“ durchaus noch authentisch, obwohl Jagger selbst längst zur Millionärsklasse zählte. 1971 heiratete er in St. Tropez Bianca Pérez-Mora Macias. Es war der Startschuss für seinen innig gepflegten Flirt mit der internationalen Schickeria. Während er sich früher mit subversiven Künstlern wie Andy Warhol, Kenneth Anger und Truman Capote zu sozialisieren versuchte, verschob sich seine Leidenschaft nun vermehrt zum „shoulder rubbing with the glitz“. Er aß mit Prinzessin Margaret am Strand zu Abend, verkehrte in den elegantesten Nachtklubs, Galerien, Theatern, feierte in der New Yorker Discothek Studio 54, einem Treffpunkt der Reichen und Schönen. Exzesse dieser Art ließen die bodenständigen Fans zunächst durchgehen, blieb doch die Musik der Stones in den Siebzigern erstaunlich progressiv. Bei allen Ausflügen in andere Genres wie Funk und Disco produzierten sie immer noch jede Menge harter R&B-Schnalzer. Nicht einmal Punk konnte sie ernsthaft gefährden, obwohl Salonlöwe Jagger zum Lieblingsangriffsziel der Punks wurde. „Ich hasse diesen Scheißhaufen. Die Stones hätten 1965 abtreten sollen. Man sieht keinen von diesen Scheißkerlen je auf der Straße“, ätzte Sid Vicious von den Sex Pistols.

Jaggers Aufstieg in der britischen Gesellschaft ging weiter: 2003 wurde er in den Ritterstand erhoben. Es tat der Freude keinen Abbruch, dass nur Prince Charles in Vertretung seiner kranken Mutter die Zeremonie leitete. Jagger kam mit Papa Joe und zwei Töchtern. Er strahlte wie selten. Später musste er freilich die beißende Häme von Keith Richards weglächeln.


„Moves Like Jagger“. Der rebellische Zauber, den Jagger in den ersten 20 Jahren seiner Karriere erweckte, verlor sich spätestens Mitte der Achtziger in erbarmungslos ausgeleuchteten MTV-Videos. Er, der einst die Fanfantasien weckte, lenkte und beherrschte wie kein anderer, wirkte plötzlich wie eine Karikatur seiner selbst. Sein wuchernder Narzissmus wurde unsympathisch. Man erinnerte sich wieder an seinen Geiz sowie an seine Unbarmherzigkeit auf amourösem Gebiet, daran, wie schäbig er Freunden die Frau ausspannte. Bryan Ferry verlor Jerry Hall, Eric Clapton stand dank Jaggers aggressiver Libido plötzlich ohne Carla Bruni da. Die Musikerin Liz Phair machte sich auf ihrem Album „Exile In Guyville“ den Spaß, die Lieder des Stones-Klassikers „Exile On Main Street“ zu kommentieren. Ihr Befund? „Er ist einer der Misogynen, die Frauen auch lieben.“

Jedenfalls ist Jagger eines der wenigen Sexsymbole, das seinem öffentlichen Image privat gerecht wurde. Anders als Elvis Presley und Marilyn Monroe. So gilt er trotz eindrucksvollen Faltenwurfs im Gesicht immer noch als Symbol für sexuelle Zügellosigkeit. Das stimulierte die Kollegen von Black Eyed Peas und Maroon 5 zu Songs, die Jagger zum Thema haben: „The Time (Dirty Bit)“ und „Moves Like Jagger“ wurden große Hits.

Jaggers Vitalität war stets auch für die Mächtigen attraktiv. Wenn ein Tony Blair oder ein Barack Obama riefen, dann gab Jagger gern ein Privatkonzert. Zuletzt spielten die Stones am 29.10. in Paris exklusiv für den Investmentfonds Carmignac. „It's only capitalism, but I like it“, kommentierte der „Spiegel“. Berührungsängste? Wozu? „Das Establishment, wie wir es einst bekämpft haben“, sagt Jagger, ohne die Heuchelei zu bemerken, „das gibt es heute doch gar nicht mehr.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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6 Kommentare

Gescheitert?

Dass Jagger sich in seiner Eigenwahrnehmung als gescheitert betrachtet halte ich für ausgeschlossen. Er hat mehr Erfolg gehabt in seinem Leben als die meisten im Musikbusiness, da kann man auch Rückschläge locker verkraften. Und dass die Stones und Jagger nur die ersten 20 Jahre gut waren ist natürlich Unsinn. Man sehe sich den Martin Scorsese Konzertfilm aus dem Jahre 2008 an. Die Stones spielen hier mit einer Freude wie man sie bei einer jungen Band nicht anders antreffen würde. Herr Köck, ihr Artikel ist ziemlich daneben

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bitte ein wenig vom Gas, Hr. (od Fr.) Schreiberling...

...denn es wirkt doch sehr bemüht, wie Sie hier versuchen, kein gutes Haar an diesem Mann zu lassen, der die Rockwelt über 4 Jahrzehnte lang beeinflusste wie wenige Andere.

Das Sie ihn nicht mögen, erkennt man ja, aber ihm deshalb seinen Erfolg (und den hat man nur, wenn man auch Fans hat) schlechtreden zu wollen, ist schon unterste Schublade.

Selbst für Ihre zynischen Vergleiche, blieben ihnen keine geringere als, Monroe, Presley etc..

ich will garnicht erst nach Ihren Leistungen fragen, Samir.

Unwürdiger Beitrag (Artikel ist das keiner)

Roll on...

"Sir Sisyphos" triffts genau..! Ein Rock-Band-Business über 50 Jahre zu bestreiten, ist einfach genial. Das "Ablaufdatum" der Stones wäre wahrscheinlich ca. 1973 gewesen, aber es war wohl hauptsächlich Jagger, der die Band weiter gebracht

Re: Roll on...

und noch mehr war es Keith Richards. Nach 4 Takten ist klar wer die Gitarre zupft. Ein wahrer Meister, wenns darum ging den eigenen Sound zu entwickeln.
Zu 90 % der Riffs stammen immer von den Gitarristen.
Hoch sollen sie leben.

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Brian Jones...

... war wohl der Kreativste der Rolling Stones. Mit seinem Tod wurde deren Musik uninteressant - was blieb und noch für etliche Jahrzehnte für's ganz große Geldscheffeln genügen sollte, war nur greller, lärmender Klamauk.

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Re: Brian Jones...

"greller, lärmender Klamauk" statt hippie-stuss? na gottseidank
:-)

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