Fünfzig Jahre Herz aus Stein

17.11.2012 | 18:11 |  von Thomas Kramar (Die Presse)

Eine weitere Stones-Compilation zeigt, wie packend diese Band in ihren ersten 20 Jahren war. Und wie starr ihr Altersstil ist. Der vor allem unter einer Maxime steht: Einmal geht's noch.

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Grrr!“ sagt der alte Gorilla auf dem verzweifelt selbstironischen Cover. „Grrr!“ sagen die alten Rolling Stones – und geben damit eine weitere lieblos zusammengestückelte Sammlung ihrer bekanntesten Songs heraus, aufgebrezelt mit zwei neuen Liedern, die dem Schaffen ihrer letzten 30 Jahren nichts, aber auch gar nichts hinzufügen.

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„One More Shot“ heißt eines davon, und das sagt alles: eine trotzige Weigerung, aufzuhören oder sich zu ändern. „As long as the guitar plays, it will steal your heart away“, hieß es vor 40 Jahren in „Torn and Frayed“, aber nein, dieses eher lustlos aus der offen gestimmten Gitarre gerissene Riff stiehlt kein Herz mehr. Genauso wenig wie das routinierte, den Beat nicht treibende, sondern nachvollziehende Schlagzeug. Genauso wenig wie der gepresste Gesang Mick Jaggers. Rock'n'Roll, wie ihn die Rolling Stones seit 30 Jahren verstehen, ist, freundlich gesagt, ein Trotzgesang der Alten, die bitter wissen, was Mick Jagger 1966 in „Mother's Little Helper“ gesungen hat: „What a drag it is getting old.“

Ja, dieser Trotz konnte heroisch sein: im (musikalisch öden) „You Got Me Rocking“ (1994) etwa, wo der kluge Jagger eine schmerzliche körperliche Metapher dafür fand: „I was all dried up trying to get wet.“ Sozusagen die weibliche Variante der Selbstzerfleischung in „Rocks Off“, dem vermutlich ersten Song der Rockgeschichte, in dem ein Sänger das eigene sexuelle Versagen beklagt: „I only get my rocks off when I'm sleeping.“

Aber das war 1972, auf „Exile On Main Street“, dem letzten ästhetisch durchgehend überzeugenden Stones-Album, einer Tour de Force durch die Mühen des Lebens, die schon im ersten Song auf der Straße endet: „Heading for the overload, splattered on the dusty road.“ Im vorletzten Song, „Shine a Light“, saßen dann schon die Fliegen auf dem Helden und ein Gospelchor beschwor das Licht von oben...

Vielleicht musste Jagger danach die kokette Ironie, zu der er immer schon fähig war, zum manierierten Bekenntnis übertreiben: Wenn er sich die Feder ins Herz steche, sang er 1974 in „It's Only Rock'n'Roll“, würde das das geneigte Publikum zufriedenstellen? Aber nein, er tat's nicht, es war ja nur Rock'n'Roll, dieser Zirkus, als dessen oberster Gaukler er sich mehr und mehr gerierte, während Direktor Keith Richards auf dem artistischen Markenschutz bestand: „Sex, drugs, rock'n'roll – we invented all three.“

So wurden die Rolling Stones, die ihr Ethos einst daraus bezogen hatten, eben keine Rock-'n'-Roll-Band zu sein – und es auch nicht waren, sondern ein Verein in alle Stilrichtungen genial entgleisender Blues-Fanatiker –, zur amtlichen „Greatest Rock'n'Roll Band on Earth“. Die weitermacht, weil man eben weitermachen muss. „Don't Stop“ heißt einer der letzten Weitermach-Songs, mit der Zeile: „You warmed my cold, cold heart.“ Seltsam, wie Jagger in der Altersroutine wieder zu einem Thema seiner genialen Frühzeit findet: zum kalten Herzen. „Heart of Stone“ hieß 1964 ein Song, der den Unterschied zu den Beatles definierte, die in der Euphorie, in der Begeisterung unschlagbar waren: Jagger gab sich als der große Unberührbare, nicht zu Rührende. Im selben Jahr sang er in „Empty Heart“, ein leeres Herz sei wie ein leeres Leben: einer der ersten großen düsteren Stones-Songs, in denen sich Jagger an den Rand des Lebens stellte, als ewiger Hagestolz („Sittin' on a Fence“), der weiß, dass die spielenden Kinder nicht für ihn lächeln („As Tears Go By“), und bitter stolz darauf ist, dass kein Zweiter auf seiner Wolke Platz hat („Get Off of My Cloud“). Umso größer waren die Momente, wenn er Jahre später, etwa in „Moonlight Mile“ oder „I Got the Blues“, doch zu tiefer Rührung fand.

Was für ein Werk! Bruchstücke daraus kann man auch auf „Grrr!“ hören, besser, man schafft sich die ganzen Alben an, von „Out Of Our Heads“ über das unterschätzte „Between The Buttons“ bis zu „Sticky Fingers“ und, ja, „Exile On Main Street“, das mit „Soul Survivor“ endet und der paradoxen Zeile: „It's gonna be the death of me.“

So gesehen: Okay, gut, dass es die Stones noch gibt. Grrr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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