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Scott Walker: So klingt Lärmpop à la Schopenhauer

03.12.2012 | 16:32 |  Von Thomas Kramar (Die Presse)

„Bish Bosch“, das 14. Album des auch schon 69-jährigen Extremisten, bietet eine Flut an Schmerzen und Zitaten. Wer sich in die wilden Assoziationen Walkers versenkt, kann viel entdecken, Sinnvolles und Sinnloses.

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„Pain is not alone.“ Mit dieser Feststellung, mit ganz dünner, einsamer Stimme in den Raum gestellt, beginnt „Phrasing“, ein zentrales Stück auf „Bish Bosch“, dem neuen Werk von Scott Walker. Bald mischt sich eine schreiende Gitarre des Entsetzens drein: Walker singt über einen „protein moon“, einen „protein sky“, die sein „protein eye“ sieht. Der Song endet mit einer Widmung: „Here's to a lousy life.“

Das ist Walkers Welt in einer Nussschale: voll der Schmerzen, im Organischen und auch im Anorganischen. Überall sieht er, konsequenter Schopenhauerianer, das Leiden. Ein anderer, 21 Minuten langer Track heißt „SDSS 1416+13B (Zercon, a Flagpole Sitter)“: Das erste ist ein Brauner Zwerg, ein Stern, der es nicht schafft, die Wasserstofffusion zu zünden; Zercon war ein verkrüppelter Hofnarr am Hof des Hunnenkönigs Attila. Nibelungen und Elektronen, Janus, Venus und Barbaren geistern durch das immer wieder von quälenden Generalpausen unterbrochene Stück, es endet in paradoxer Kälte: „It's so cold, infrared. What if I freeze, and drop into the darkness?“

Nein, die Sonne scheint nicht mehr

Der Extremist, der solches ersinnt und (mit großem Aufwand) arrangiert, ist auch Hörern von Oldies-Radios bekannt: mindestens von einem Song, „The Sun Ain't Gonna Shine Anymore“, den die Walker Brothers 1966 zum Hit machten. Scott Walker, mit richtigem Namen Noel Scott Engel, war einer dieser drei „Brüder“. Es war ein langer Weg von der Sonne, die nicht mehr scheint (und dem Mond, der nie wieder aufgeht) zum Braunen Zwerg SDSS 1416+13B – und doch hat er eine gewisse eisige Konsequenz. Scott Walker begann seine Solokarriere 1967 mit düsteren, schlicht „1“, „2“, „3“ und „4“ betitelten Alben; in den Siebzigern fiel er in eine Krise; 1983 erschien mit „Climate of Hunter“ die erste einer Serie von Platten, die man nur als schwierig bezeichnen kann. Auf der letzten, „Tilt“, hörte man Eselsschreie und erfuhr schaudernd, dass Rinderhälften als Schlaginstrumente gedient hatten.

Es ist nicht leicht, diese Alben zu hören, sie sind Lichtjahre von den gewohnten Welten des Pop entfernt, gegen sie sind auch die depressiven Lärmer der Achtzigerjahre (z. B. die derzeit wieder aktiven Swans) mit all ihrer „Höre mit Schmerzen“-Ideologie nichts als kokette Kraftmeier. Aber wer sich in die wilden, oft mit Bildungszitaten angereicherten Assoziationen Walkers versenkt, kann viel entdecken, Sinnvolles und Sinnloses. In „Tar“ etwa, wo das Schleifen von Messern den Rhythmus bildet und ein Surren wie von extrasolaren Insekten die Atmosphäre prägt, wo attritio und contritio beschworen werden, die Reue aus Furcht und die völlige Zerknirschung, die laut Scholastik zur Erlösung führt . . .

Nein, von Erlösung ist hier nicht die Rede. Und der letzte Song trägt zwar den Untertitel „An X-Mas Song“, aber den Titel „The Day the ,Conducator‘ Died“: Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu wurde am 25. Dezember 1989 erschossen. Im Text ist davon nicht explizit die Rede, er ist eine tieftraurige Selbstanalyse: „I am nurturant, compassionate, caring – o not so much. O very much.“ Am Ende bleiben nur stoisch klingelnde Glocken.

Manche englische Rezensenten haben es geschafft, Humor aus dieser Platte zu hören. Das ist keine geringe Leistung.

Zur Person
Scott Walker, geboren 1943 in Ohio, Sohn deutscher Eltern, war ab 1964 Mitglied der Walker Brothers, die mit orchestralem Pop etliche Hits hatten. Sein Album „Bish Bosch“ ist das jüngste einer Serie: „Climate of Hunter“ (1984), „Tilt“ (1995), „The Drift“ (2006). Er lebt in London und trägt gern Hermelin.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2012)

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