Die Schneekugelmacher von Wien

23.12.2012 | 17:38 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Seit 1905 werden in der Hernalser Schumanngasse Schneekugeln produziert - und bis nach Japan, die USA oder Neuseeland exportiert. Die erste Schneekugel beinhaltete die Mariazeller Kirche.

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Erwin Perzy hat drei Herren auf seiner Kundenliste, um die ihn wohl nicht nur die Hernalser Kaufleute beneiden. Der Großteil seiner Kollegen würde sich wahrscheinlich glücklich schätzen, auch nur einen der drei beliefert zu haben. Erwin Perzy, der III. mittlerweile in dem Familienbetrieb, hat aber gleich drei amerikanische Präsidenten mit Spezialanfertigungen seiner Schneekugeln beglückt: Ronald Reagan, Bill Clinton und Barack Obama.

„Damals wurde ich eingeladen, nach California, um die Ranch von Ronald Reagan zu besichtigen. Ich habe den Auftrag bekommen, eine Schneekugel mit seiner Ranch und seinem roten Lieblingschevy zu machen, das war schon sehr interessant“, erzählt Erwin Perzy, der in seiner Hernalser Werkstatt, wo seit 1905 Schneekugeln im Familienbetrieb hergestellt werden, eher an einen Wiener Tüftler und eben Schneekugelfabrikanten erinnert als an einen präsidialen Lieferanten.

Danach kam eine Auftragsarbeit für Bill Clinton. Ein Freund von ihm – Clinton, nicht Perzy – hatte die Confetti eingesammelt, die bei Clintons Antrittsrede gestreut wurden, in die Hernalser Werkstatt geschickt und eine Schneekugel beauftragt, die Confetti schneien lässt. Den Sockel dazu hat der Juwelier Cartier gemacht und mit der Gravur „I still believe in a place called hope. July 16, 1992“ versehen. Angeblich stand die Kugel jahrelang auf Clintons Schreibtisch.

 

Schneekugel mit First Dog

Für den Dritten im Bunde, Barack Obama, hat Perzy ebenfalls eine Spezialanfertigung gemacht. Eine Schneekugel mit typischen Wiener Symbolen wie Sachertorte, Riesenrad und Stephansdom. „Barack Obama tanzt davor mit seiner Frau, die zwei Kinder schauen zu. Die Kugel war schon fertig, dann haben sich die Obamas aber den First Dog gekauft. Also hab ich die Kugel nochmal aufmachen müssen und den Hund auch noch dazugemacht“, erzählt Perzy.

Zum Alltag des Fabrikanten gehören die präsidialen Geschenke aber nicht. Denn von den rund 200.000 Schneekugeln, die jährlich die Hernalser Werkstatt verlassen, kommt jenes Symbol am häufigsten vor, das auch das Firmenlogo ziert: der Schneemann. Immerhin ist die Weihnachtszeit auch das Hauptgeschäft für Perzy, der von seiner Tochter Sabine seit Jahren unterstützt wird. „Früher, als es noch keine Krise gab, oder eigentlich schon vor zehn Jahren, haben die Leute schon im Jänner gewusst, dass im Dezember Weihnachten kommt. Heute wissen sie das erst im August, nach dem Urlaub.“

Verkauft werden die Kugeln, die es mit 350 Motiven gibt – von Sehenswürdigkeiten über Tiere bis zu Märchenfiguren – nicht nur in Weihnachts- und Souveniergeschäften. Perzy exportiert nach Japan, in die USA – „Lehman Brothers hat die Amerikaner schwer getroffen, seitdem sind sie bei mir auf Rang zwei“ – nach Europa, Kanada, Australien, Neuseeland oder in die Vereinigten Arabischen Emirate. „Ich habe Kunden auf der ganzen Welt oder eigentlich überall dort, wo man sich teure Produkte aus Österreich leisten kann.“

Erfunden hat die Schneekugel sein Großvater, Perzy nennt ihn „Erwin der Erste“. Der war Chirurgieinstrumentemechaniker und erhielt von Ärzten den Auftrag, die Beleuchtung in Operationssälen, die damals aus Gaslichtern bestand, zu verbessern. Da ErwinI. dabei auch mit einer Schusterkugel – eine Glaskugel, die die Schuster vor eine Kerze stellten und somit wie eine Lupe die Sicht verbesserte – experimentierte und zeitgleich seine Mutter in der Küche beim Hantieren mit Grieß beobachtete, kam er irgendwann auf die Idee, es in der Kugel schneien zu lassen. „Fünf Jahre lang hat er getüftelt, bis es perfekt war.“ Da hat es dann gut gepasst, dass Erwin Perzy I. auch Zinnfiguren hergestellt hat, die dann in der Kugel landeten.

 

Erster Schnee in Mariazell

Die erste Schneekugel beinhaltete aber keinen Schneemann, sondern die Mariazeller Kirche. „Ein Freund meines Großvaters hatte dort einen Souvenierstand, mein Großvater hat kleine Mariazeller Kirchen für ihn produziert. Irgendwann hat er es dann in Mariazell schneien lassen, das hat sich natürlich gut verkauft.“

Heute kommen laufend neue Motive hinzu, etwa 30 im Jahr. Perzy muss dazu jeweils eigene Formen anfertigen. „In meinem Beruf bin ich der Chef, ich muss Entscheidungen treffen, Kundengespräche führen, Einkaufsgespräche führen, das mach ich nicht absolut gern. Wirklich gern bin ich in der Werkstatt und tüftle.“

Das tut seine Tochter Sabine, die ihn seit fünf Jahren in der Werkstatt unterstützt, ebenso gern. Die 25-Jährige steht kurz vor der Meisterprüfung zur Werkzeugmacherin. Dann wird Perzy ihr ein Geheimnis verraten, das auch er von seinem Vater erst nach der Meisterprüfung erhalten hat. Jenes nämlich, woraus der Schnee besteht, der bereits auf Ronald Reagan, Bill Clinton und Barack Obama rieselte.

Auf einen Blick

Original Wiener Schneekugelnwerden in der Schumanngasse im 17.Wiener Bezirk seit 1905 hergestellt, bereits in dritter Generation. Firmeninhaber Erwin Perzy stellt mit 15 Mitarbeitern pro Jahr etwa 200.000 Schneekugeln her. Zu den beliebtesten der 350 Standardmotive zählen Schneemann, Christbaum, Stephansdom, Pinguine und das Christkind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2012)

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5 Kommentare

Dieser gut recherchierte, sympathische Artikel hätte sich mehr positive Kommentare verdient!!!



„Damals wurde ich eingeladen, nach California, um die Ranch von Ronald Reagan zu besichtigen.



in unserer sprache wäre da dann Kalifornien?

Ich habe Kunden auf der ganzen Welt

Österreichischen Erfolgsgeschichten sollte Mann öfter schreiben.

Re: Ich habe Kunden auf der ganzen Welt

da kann man nur hoffen dieser österreichische Betrieb nicht irgend wann globalisiert verhökert wird.
Traditionsbetriebe werden immer seltener....

Re: Ich habe Kunden auf der ganzen Welt

der Artikel stammt aber von einer Frau... :-)

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