Kein Los gewinnt: Songs vom Sterben der Hoffnung

03.01.2013 | 18:21 |  Von Samir H. Köck (Die Presse)

Die irische Band Villagers legt mit ihrem Mitte Jänner erscheinenden zweiten Album „Awayland“ ein überraschendes Meisterwerk vor. Es erzählt von einer wunderlichen Welt und dem, was in ihr vonstatten geht.

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Der bubengesichtige Liedermacher Conor J. O'Brien sieht viel jünger aus, als er ist. In Pubs wird er nach seinem Ausweis gefragt. Von Verheerungen, die die Zeit angerichtet hat, kann er dennoch viel erzählen: „Awayland“, das Mitte Jänner erscheinende zweite Album der bislang vor allem in Irland gefeierten Villagers, erzählt von einer wunderlichen Welt und dem, was in ihr vonstatten geht.

Die Ausgangsposition, dass man die Welt mit unverbrauchten Augen und neuen Begriffen erkennen will, erinnert an einen Sinnspruch von Albert Camus. Er prangte einst auf Scott Walkers Meisterwerk „Scott 4“: „Das Leben eines Menschen ist ein einziger Versuch, über die Umwege der Kunst wieder die wenigen Minuten wach werden zu lassen, in denen sich sein Herz zum ersten Mal öffnete.“ Mit frischer Neugier blickt Songschreiber O'Brien auf alte Dinge, mit kindlichem Staunen erfährt er die bösen Zusammenhänge der Welt. Zum aufwühlenden Sirren eines Keyboards singt er ächzend vom Sterben der Hoffnung: „So I waited for nothing and nothing arrived.“ Das Leben ist wie eine Tombola, bei der letzten Endes kein Los gewinnt. „I guess I was busy when nothing arrived“, resigniert der Protagonist.

Der überraschend charismatische Gesang O'Briens hat die Gnade der unmittelbaren Wirkung. Er vermittelt auf gänzlich undiplomatische Weise zwischen Seelenlandschaft und Welt, zwischen hochfliegendem Ideal und harscher Realität. Die den Gesang unterstützende Musik bleibt dabei in jeder Sekunde unberechenbar. Die Momente, in denen sie sich idyllisch-melodisch zeigt, sind knapp bemessen, aber um so intensiver gefühlt. In die ehrgeizigen Arrangements, die Keyboarder Curmac Curran zitatwütig zelebriert, sind bunteste Elemente aus Soundtrack und Techno, Torch Song und Progressive Pop eingebaut. Nicht einmal vor Glitch-Effekten (elektronischen Störgeräuschen) schreckt man zurück. Um die volle Dimension der Songs zu erschließen, rät Sänger O'Brien, dem Album mit Kopfhörern zu lauschen.

Trauriger Held mit Zahnbürste

„Naked in the toilet with a toothbrush in his mouth“, so steht der traurige Held von „Earthly Pleasure“ herum. Bald legt er den Finger an den Abzug. Da gerät der Sprachfluss des Sängers mit Hilfe der Technik in verstörende Unordnung. Auch in „The Waves“ fasziniert die Diskrepanz zwischen melodramatischem Text und überaus kühlen, elektronischen Soundflächen. „One body's dying breath is another's birth“, heißt es da so hübsch illusionslos, wie man es nur in der Jugend formulieren kann. Conclusio dieses Geworfenseins in die Existenz ist das Erkennen, dass es keine noch so knapp bemessene Zeit der Unschuld gibt. Leben heißt, von Anfang an ums Überleben zu strampeln.

Die Villagers sind nicht nur in ihren Texten reifer geworden. Im Vergleich zum zarten Indie-Pop-Debüt „Becoming A Jackal“, für dessen Titelsong O'Brien den prestigeträchtigen „Ivor Novello Award“ bekam, ist „Awayland“ mit seinen elektronischen Einschüben von entschieden rüderer Machart, ohne von der Sensibilität zu lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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