Haim: "Mit Durchdrehen ist Schluss!"

19.01.2013 | 18:40 |  von SAMIR H. KÖCK (Die Presse)

Der jährlich im Jänner veröffentlichten BBC-Trendliste kommt immer mehr Bedeutung zu. Heuer gewann mit Haim eine kalifornische Band: Drei Schwestern und ein Drummer. "Die Presse am Sonntag" traf die Girls in Köln.

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Folk-Soul-Sänger Michael Kiwanuka kann sich freuen. Das arbeitsintensive Jahr nach seinem Gewinn der BBC-Trendliste 2012 hat sich für ihn ausgezahlt. Sein Debütalbum „Home Again“ verkaufte eine halbe Million Stück und erreichte Platz 4 der britischen Charts. Der junge Mann tourte extensiv durch Europa und wurde nun für den renommierten Mercury Prize vorgeschlagen. Seit 2003 geriert sich die – trotz Skandalen à la Jimmy Saville – immer noch ehrwürdige BBC als Trendsetterin. Seit damals befragt sie um die 200 Kritiker, DJs, Blogger und Musiker nach ihren drei Favoriten für das kommende Jahr. Der später extrem erfolgreiche US-Rapper 50 Cent gewann im ersten Jahr.


Branchenkrise. Die meisten anderen Gewinner – von Keane, über Mika, Jessie J., Ellie Goulding bis hin zu Adele – sind ebenfalls Riesenseller geworden, in einer Branche, die derzeit an vielen Problemen leidet. Es ist nicht nur die durch die digitale Technik erleichterte Piraterie, die die Margen reduziert. Die Labels plagen sich insbesondere mit den geringer werdenden Möglichkeiten, frische Acts medial zu lancieren. Schuld daran sind kommerzielle Radiosender, die pro Tag nur mehr eine geringe Anzahl an Liedern spielen, aber auch Zeitungen und Magazine, die in ihrem Absatzhunger nur mehr an möglichst großen Namen interessiert sind. Die BBC-Liste ist neben Preisverleihungen wie Grammy oder Brit-Award eine der raren Möglichkeiten, neue Künstler vorzustellen. Das wird besonders deutlich, wenn man sich ansieht, wer in den letzten Jahren knapp nicht gewonnen hat. Da reicht die Palette von später großen Bands wie MGMT, Franz Ferdinand, Bloc Party, Scissor Sisters, Empire Of The Sun, Florence&The Machine bis hin zu einer Soundextremistin wie Santigold. Auch Frank Ocean, einer der heurigen Grammy-Favoriten, war letztes Jahr noch Zweiter bei der BBC.

Heuer wurde das aus drei Schwestern und einem Drummer bestehende, kalifornische Quartett Haim zum vielversprechendsten Newcomer für 2013 gekürt. Alle Jahre wieder hoffen ältere Pophörer, durch bahnbrechend neue Sounds erfrischt zu werden, was nicht unbedingt im Interesse der jungen Bands liegt. Die geben auf Retromäkelei wenig und stehen stolz auf den Schultern ihrer Vorgänger. Bei Haim sind es R-'n'-B-Outfits wie TLC und Destiny's Child, aber auch all die unbekümmerten Siebzigerjahre-US-Bands von America bis zu den Eagles, die die Girls lieben lernten, als sie sich noch in der Familienband Rockinhaim erprobten. „Damals reichte unser musikalischer Horizont noch nicht aus, Lieder selbst auszusuchen“, sagt die angenehm zurückhaltende Sängerin Danielle Haim. Este, die Älteste, sekundiert: „Ich war zehn Jahre alt, Danielle gerade mal sieben, als wir auf semiprofessionellen Stand getrimmt wurden. Unser erstes Konzert spielten wir in einem Deli in Los Angeles, Coverversionen von den Eagles bis Billy Joel. Wir finden die Songs cool.“


Nostalgie erwünscht. Diese Freude an patinierten Songs merkte man Haim auch bei ihrem wild umjubelten Showcase im Kölner Blue Shell an. Vor allem ihre rasante Version von Fleetwood Macs exzentrischer Bluesnummer „Oh Well“ erstaunte. Highlight des Abends war der wunderbar fragile Song „Forever“. Ob live, auf Video oder Platte: Haim merkt man an, dass sie Spaß an ihrer Musik haben. Die 26-, 23- und 21-jährigen Schwestern haben mehr Praxis, als man vermutet. Vor allem Alana, die Jüngste, ist motiviert: „Wir übten wie die Besessenen. Als junge Musikerin darfst du alles, nur nicht glauben, dass es leicht ist. Wer aus narzisstischen Gründen Rockstar werden will, ist auf dem falschen Dampfer. Es ist ein verdammt harter Job.“ Leadsängerin Danielle hatte schon ein paar Mal die Chance, vom Massenerfolg zu kosten. Als Begleitmusikerin war sie auf einer Tournee mit Jenny Lewis.


Kleine Neidattacke. In New York ergab sich Unerwartetes. Strokes-Sänger Julian Casablancas fragte sie, ob sie nicht als Rhythmusgitarristin und Perkussionistin mit ihm auf Tournee gehen wolle. Sie sagte Ja. Die Schwestern hatten Grund zu schmollen. Este: „Zunächst glaubten wir die Geschichte gar nicht. Als wir dann herausbekamen, dass alles seine Richtigkeit hatte, waren wir mehr als ein bisschen neidisch, sind wir doch die allergrößten Strokes-Fans.“ Später holte sich Danielle sogar noch weitere Bühnenerfahrung in der All-Girls-Band von Cee Lo Green.

Genau diese Erfahrung löste dann die Initialzündung zur unbedingten Hinwendung zur eigenen Band aus. Nun wollten alle drei Schwestern ihr Bestes geben. „Bis dahin war ich meist ,coo coo bananas‘, also völlig durchgedreht und unkonzentriert, nun sah ich ein Ziel“, erinnert sich Este. Ein Jahr lang schrieben sie an Liedern für ihr im Mai erscheinendes Debütalbum. Davor veröffentlichten sie mit ihrer EP „Forever“ einen ersten Talentbeweis. Dass sie jetzt als Newcomer gelten, lässt sie schmunzeln. Alana: „Um diesen Status zu erreichen, haben wir sechs Jahre lang eisern gearbeitet. Es gibt so viele Bands in L. A., dazu Massen an Models, Schauspielerinnen, Kellnerinnen – von allem zu viel. Alle wollen schön, talentiert sein. Es nervt manchmal, in dieser Stadt zu leben. Das viele Scheininteresse, das uns entgegengebracht wurde, war kaum auszuhalten.“ Auch für Amerikanerinnen mit so einem Händchen für attraktive Melodien wie Haim, kommt der Erfolg zuweilen übers Ausland. Die Spitzenplatzierung auf der BBC-Liste und die letztjährige Tournee durch europäische Clubs haben die Amerikaner nun neugierig gemacht. Die werden sich über Haim noch wundern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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