„Push the Sky Away“: Nick Cave und die Liebe im Bauch

13.02.2013 | 17:04 |  Von Samir H. Köck (Die Presse)

Er weiß noch immer, wo die Sünde wohnt – und er klagt nie ohne Ironie: Nick Caves 15. Album mit den Bad Seeds ist eines seiner besten geworden.

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"Selbst wenn sie ellbogentief in Babyscheiße versunken war, hatte sie immer noch etwas sehr Schönes“, sagt Nick Cave über Susie Bick, die Frau, die ihm zwei Söhne geschenkt hat. Jetzt zeigt er sie seinem Publikum sogar nackt. Filmfreunde kennen die scharfen Konturen ihres Körpers seit Robert Altmanns „Prêt-à-Porter“, wo sie sich ohne Bekleidung am Catwalk präsentierte. Auch abseits ihres Modeljobs ging sie in den Jahren vor Cave gerne in transparenter Kleidung in die Öffentlichkeit. Am Cover von „Push the Sky Away“, dem 15. Album mit der Band The Bad Seeds, dem ersten seit 2008, weist ihr Cave in patriarchalischer Geste den Weg aus dem gemeinsamen Schlafzimmer: er, sicher im dreiteiligen Anzug, sie nackt, auf Zehenspitzen, das Gesicht durch langes Haar unkenntlich gemacht.

Doch Bick kann sich mit ihren bald 46 Jahren noch auf den Magnetismus ihres Leibes verlassen, während sich Cave das schüttere Haar färben muss, um den wilden Mann wenigstens auf der Bühne markieren zu können. Das Alter fährt dem 55-Jährigen eher ungut in die Knochen. Im von einem bedrohlichen Bass gepeitschten „Water's Edge“ verwendet er es als Drohung gegenüber aggressiv flirtenden Stadtmädchen, die sich einen Spaß mit den „local boys“ machen. Cave, nach den Lehren der anglikanischen Kirche erzogen, hat trotz langer drogenverseuchter Jahre immer noch ein untrügliches Sensorium dafür, wo die Sünde wohnt. Gerne ortet er sie aufseiten der Weiblichkeit: „Their legs wide to the world like bibles open to be speared and taken apart like toys.“ Diesen schamlos mit den Reizen spielenden Wesen droht er mit der grantelnden Stimme eines Moralisten: „But you grow old and you grow cold.“ Nicht bloß der Leib erkaltet. Im Refrain gefriert die Liebe selbst. Die Reise vom „thrill of love“ zum „chill of love“ geht mitunter rasend schnell.

Mit „Push the Sky Away“ ist Cave ein prachtvolles, sehr ruhiges Album geglückt, elegant wie frühere Meisterwerke von „The Good Son“ bis „The Boatman's Call“. Nach der furchtbaren Midlife-Crisis-Jugendlichkeit seiner „Grinderman“-Tage steht er offenbar am Beginn eines soliden Alterswerks.

„Jubilee Street“ in Rotlichtmilieu

Die Bad Seeds fokussieren sich auf Klavier, Geige, Schlagwerk und Glockenspiel; Caves Stimme schnurrt durch Szenarien voller moralischer Mehrdeutigkeit. Im feinen „Jubilee Street“ etwa entfaltet sich eine merkwürdige Story im Rotlichtmilieu. Im Video, von dem es selbstverständlich auch eine unzensurierte Fassung gibt, streicht Cave in feinstem Tuch durchs sündige Treiben: „I got love in my tummy“, singt er an einer Stelle. Diese Referenz kennt der ältere Hörer. „Yummy Yummy“ hieß der Bubblegum-Popklassiker, den unvergessliche Kombos wie 1910 Fruitgum Company, Ohio Express und Baccara einst anstimmten. Cave war immer schon ein Meister der „Rekontextualisierung“.

Seine ästhetische Welt war schon von Anbeginn so strikt, dass er sich die Überführung des Trivialen ins Dramatische leisten konnte. In seiner Welt der starken Emotionen schlummern tiefe Wahrheiten gerne im Umfeld höchster Künstlichkeit. Enthüllung und Tarnung mysteriöser Vorgänge müssen da kein Widerspruch sein. In der „Jubilee Street“ sieht man am Ende einen Mörder um die Ecken schlurfen, der sich jenseits aller Schuldzuweisungen wähnt. Die Kulisse des Verbrechens ist dahin, der Verbrecher so frei, dass er sich der Auflösung anheimschickt: „The curtains are shut, the furniture is gone, I am transforming, I am vibrating, I am glowing, I am flying – look at me now.“

Die pastorale Anmutung so mancher Lieder täuscht erwartungsgemäß. Caves berüchtigter Humor blitzt diesmal aber durchaus dezent auf. Im sanften „Mermaids“ heißt es etwa: „I believe in god, I believe in mermaids too, I believe in 72 virgins on a chain, why not, why not?“ Bevor dem am Felsen stehenden Cave die Nixen aus dem Meer winken, sinniert er: „I do driver alertness course, I do husband alertness course, I do mermaid alertness course.“ Ja, handzahm zu werden war gerade für Cave keine leichte Aufgabe. Gesichert ist, dass er den „driver alertness course“ vor einigen Jahren tatsächlich machen musste, nachdem er seine Luxuskarosse in ein Straßenschild gewuchtet hatte.

„Higgs Boson Blues“ mit dem Teufel

So gerne Cave anderen beim Jammern zuhört, er selbst kann es nur, wenn er es mit schelmischen Einschüben versieht. Sein „Higgs Boson Blues“, mit fast acht Minuten das längste Stück des Albums, erzählt vom Treffen Robert Johnsons mit dem Teufel, er arbeitet dazu Szenen aus dem Lorraine Hotel ein, dem Ort, wo Dr. Martin Luther King einst erschossen wurde. Dann flackert plötzlich geballter Nonsens. Der Protagonist erzählt, dass er in seinen gelben Lederschuhen und jenem kegelförmigen Hut begraben werden will, den einst das Kalifat den Juden aufgezwungen hat. „Hannah Montana does the African Savannah“, heißt es weiter, ehe es zum bizarren Ende kommt: „Rainy days always make me sad, Miley Cyrus floats in a swimming pool in Taluca Lake, and you're the best girl I ever had. Can't remember anything at all.“ Nick Caves Blues kommt einfach nicht ohne Bizarrerie und Ironie aus. Und er lässt offen: Liegt am Ende die Erlösung tatsächlich im Vergessen?

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1 Kommentare

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...optisch in Ordnung. Heute, eher peinlich.
Männer mit gefärbtem Haar sind einfach nur grauenhaft!

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